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Impfen ist ein Vorläufer der modernen Medizin, nicht ihr Ergebnis

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COW MILKING WOMAN
FPG via Getty Images
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Impfen ist ein Vorläufer der modernen Medizin, nicht ihr Ergebnis. Seine Wurzeln hat es in der Volksheilkunde - die ersten Menschen, die geimpft haben, waren Bauern. Im 18. Jahrhundert hatten Melkerinnen in England Gesichter, die von den Pocken unversehrt waren. Niemand wusste warum, aber alle konnten sehen, dass es so war.

In jener Zeit erkrankte so gut wie jeder Mensch in England an den Pocken, und viele der Überlebenden trugen die Narben der Krankheit im Gesicht. Der Volksweisheit nach steckte sich eine Melkerin, wenn sie eine von Kuhpocken übersäte Kuh molk und danach selbst Pusteln auf den Händen bekam, nicht mit den eigentlichen Pocken an, noch nicht mal wenn sie während einer Welle der Epidemie andere Erkrankte pflegte.

Gegen Ende des Jahrhunderts, als die Spindeln in den Spinnereien, angetrieben von den Wasserrädern der industriellen Revolution, gerade zu drehen begannen, fiel auch Ärzten die Wirkung der Kuhpocken bei den Melkerinnen - und generell bei allen, die Kühe molken - auf.

Pockenepidemie von 1774

Während der Pockenepidemie von 1774 nahm ein Bauer, der selbst schon die Kuhpocken gehabt hatte, eine Stopfnadel und stieß damit den Eiter einer kranken Kuh seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen in die Arme. Die Nachbarn des Bauern waren entsetzt.

Der Arm der Frau wurde rot und schwoll an, dann war sie kurz krank, genas aber vollständig, während bei den Jungen die Reaktion von vornherein mild ausfiel. Im Laufe ihres langen Lebens gerieten sie noch viele Male in direkten Kontakt mit den Pocken, gelegentlich sogar absichtlich, um ihre Immunität unter Beweis zu stellen, aber sie steckten sich kein einziges Mal an.

Zwanzig Jahre später entnahm der Landarzt Edward Jenner einer Pustel auf der Hand einer Melkerin Eiter und kratzte ihn in den Arm eines achtjährigen Jungen. Der Junge bekam Fieber, wurde aber nicht pockenkrank. Hierauf brachte Jenner den Jungen mit den echten Pocken in Kontakt, under steckte sich nicht an. Davon ermutigt wiederholte Jennersein Experiment mit Dutzenden weiteren Menschen, darunterauch mit seinem eigenen Sohn, der noch ein Baby war.

Binnen Kurzem war das Verfahren unter Jenners Begriff für die Kuhpocken bekannt, variolae vaccinae, den er dem lateinischen Wort für Kuh (vacca) entlehnt hatte, jenes Tier, das so der Impfung (Vakzination) ein für alle Mal seinen Stempel aufdrückte.

Jenner hatte genügend Beweise, dass das Impfen funktionierte, aber er wusste nicht, warum es das tat.

Seine Erfindungbasierte auf bloßer Beobachtung, nicht auf theoretischer Herleitung. Erst hundert Jahre später wurde das erste Virus identifiziert - und noch viel später war die Ursache der Pocken bekannt. Chirurgen hatten zu dem Zeitpunkt noch keine Betäubungsmittel zur Hand, und sie sterilisierten auch ihre Gerätschaften nicht.

Es würde noch fast hundert Jahre dauern, bevor die Keimtheorie allgemein anerkannt war, und in über hundert Jahren erst wurde aus einem Pilz Penicillin gewonnen. Dabei war der einer Impfung zugrundeliegende Vorgang noch nicht mal neu, als ein furchtloser Milchbauer mit einer Stopfnadel seine Kinder impfte.

Zu jenem Zeitpunkt war die Variolation, also die Praxis der vorsätzlichen Infizierung einerPerson mit Pocken zum Zweck der Vorbeugung einer schweren Erkrankung durch einen abgeschwächten Krankheitsverlauf,in England zwar noch relativ unbekannt, wurde in China und Indien allerdings bereits seit Hunderten von Jahren angewandt. Amerika erreichte die Variolation von Afrikaaus.

Dem puritanischen Minister Cotton Mather wurde das Verfahren von seinem libyschen Sklaven Onesimus erklärt. Als Mather ihn fragte, ob er jemals die Pocken gehabt habe, antwortete er : "Ja und nein." Er war als Kind mit Pocken geimpft worden, wie viele andere in Afrika geborene Sklaven. Mather, der seine Frau und seine drei Kinder an die Masern verloren hatte, überzeugte einen vor Ort ansässigen Arzt davon, zwei Sklaven und seinen jungen Sohn zu impfen, als 1721 in Boston eine Pockenepidemie ausbrach.

Mehrere Hundert Personen wurden geimpft

Nachdem diese ersten drei Patienten wieder gesund wurden, machte der Arzt weiter und impfte mehrere Hundert Personen, deren Überlebenschance sehr viel höher ausfallen sollte als die nichtgeimpfter Menschen. Mather, selbst Urheber eines Berichts über die Salemer Hexenprozesse, der sogar zu seiner Zeit als übereifrig empfunden wurde, fing an zu predigen, die Variolation sei ein Geschenk Gottes, was damals eine derart unpopuläre Ansicht war, dass eine Brandbombe durch sein Fenster flog. Die mitgelieferte Nachricht lautete:

"Cotton Mather, du Hund ! Verflucht sollst du sein ! Jag dir doch lieber gleich Feuer in die Adern !" Ungefähr zur selben Zeit wurde die Variolation in England durch Mary Wortley Montagu eingeführt, die ihren sechsjährigen Sohn und ihre zweijährige Tochter impfen ließ, nachdem sie diese Praxis in der Türkei beobachtet hatte.

Montagu, die Ehefrau eines britischen Botschafters, hatte ihren Bruder an die Pocken verloren, und ihr eigenes Gesicht war von der Krankheit schwer vernarbt. Die Prinzessin von Wales, die selbst die Pocken überlebt hatte, veranlasste testweise die Variolation an zum Tode verurteilten Gefangenen. Alle gegen die Pocken immunisierten Gefangenen überlebten und wurden im Gegenzug für die ihnen zuteilgewordenen Unannehmlichkeiten freigelassen.

Die Prinzessin, die später, als ihr Ehemann zu Georg II. wurde, Königin wurde, ließ alle ihre sieben Kinder impfen.

Als Voltaire 1733 seine Briefe die Engländer und anderes betreffend veröffentlichte, wurde die Variolation in England breitflächig praktiziert, in Frankreich allerdings immer noch gefürchtet. Voltaire, selbst Überlebender einer schweren Pockeninfektion, behauptete : "Zwanzigtausend Personen, welche 1723 zu Paris an den Kinderblattern starben, würden noch am Leben sein", wenn denn die Franzosen die Maßnahme der "Einpfropfung" so bereitwillig eingeführt hätten wie die Engländer.

Als Voltaire "Von der Einpfropfung der Kinderblattern" schrieb [dieser Brief wurde unter dem Titel "On Inoculation" ins Englische übersetzt; Anm. d. Übers.], war die Hauptbedeutung des mittelenglischen Verbs to inoculate noch eine Blütenknospe oder einen Spross einsetzen, so wie beim Apfelbaum- Veredeln, bei dem man den Trieb eines Baumes auf die Wurzeln eines anderen pfropft.

Es gab viele Methoden der medizinischen Inokulation, z. B. wurde getrockneter, zerriebener Schorf geschnupft oder ein infizierter Faden mit einer Nadel durch die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger gezogen. In England machte man es allerdings meistens so, dass man die Haut aufschlitzte oder an einer Stelle aufklappte und dann ansteckende Substanz dort platzierte, so, wie man einen Sprössling in eingeritzte Baumrinde pfropft.

Als das Wort to inoculate erstmalig für den Vorgang der Variolation benutzt wurde, war es noch eine Metapher und stand für das Aufpfropfen einer Krankheit, die auf dem Wurzelstock des Körpers eigene Früchte tragen würde.

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Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Immun von Eula Biss.

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