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Einmal Kündigung, bitte!

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BORING JOB
Paul Bradbury via Getty Images
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Ich sitze vor meinen Bildschirmen. Die linke Hand deprimierend auf mein Gesicht gequetscht, die rechte Hand lasch auf der Maus liegend. Die nächste Anfrage blinkt schon auf meinem Bildschirm, doch etwas hindert mich, darauf zu reagieren. Ich starre auf die untere, rechte Ecke meines Bildschirms, auf die Uhrzeit und denke ganz verstört: "Was mache ich hier eigentlich?"

Opfer eines öden und wertlosen Arbeitsalltages.

Ich schaue mich im Büro um und realisiere langsam die traurige Wahrheit - ich bin ein Opfer eines öden und wertlosen Arbeitsalltags geworden. Ich versuche mir wie immer alles schön zu reden und denke an eine Beförderung, an mehr Geld und vor allem: Eine anspruchsvollere Arbeit.

Bis jetzt ging es darum, den Kunden jeden Tag den Popo zu pudern, sich zu entschuldigen, sich beleidigen zu lassen und dabei nutzlose Produkte zu verkaufen. Im Verkaufstraining wurde uns immer gesagt, dass jeder Kunde kaufen möchte, wir müssen ihn nur darauf aufmerksam machen.

Meine herzlosesten Kollegen machten selbst bei einem Sterbefall keinen Halt und wurden für ihre Hemmungslosigkeit als "besonders gute Verkäufer" gelobt. Schon während meiner Ausbildung wurde mir klar, dass ich kein besonders guter Verkäufer war. Ich half meinen Kunden immer bestmöglich und versuchte eine Vertriebsansprache möglichst zu vermeiden - zum Unmut meiner Führungskräfte. An dieser Stelle ein herzliches "Fuck you!".

Popo pudernd im Call-Center.

So widmete ich mich also den Themen, die mir eher lagen. Dumm nur, dass meine komplette Ausbildung auf den Vertrieb gerichtet war. Nach der Ausbildung hatte ich die Wahl, Zukunft oder Übernahme.

Ich entschied mich für letzteres, da mir viele versicherten, dass es ja so tolle Weiterentwicklungsmöglichkeiten gäbe. Ein Studium ist kein Problem, alles berufsbegleitend und vom Konzern gefördert.

Die Theorie kann sich so toll anhören. So entschied ich mich also gegen meine Zukunft und für eine Übernahme, ich saß also da, Popo purdernd mitten im Call Center, mit zahlreichen Kollegen, die aufgrund eines Burnoutsyndroms ihrer einfachen Tätigkeit nicht nachgehen können.

Finanziell ungebunden, keine Verpflichtungen - mein Leben hing nicht an meinem Job. Der Gedanke, von jetzt auf gleich meinem Chef die Kündigung auf den Tisch zu klatschen und ihm ungehemmt meinen Frust auf sein hässliches Gesicht zu kotzen reizte mich sehr und war greifbar nahe.

Das schlimmste, was man dabei machen kann, ist Freunde und Familie nach Rat zu fragen. Die Antwort "Nein, tu das bloß nicht! Was, wenn du arbeitslos bleibst?" ließ mich eiskalt stehen. Das ist garantiert nicht das, was ich hören wollte.

Doch dabei bestätigte ich mir selbst, was ich wollte und morgen machen werde: Kündigen. Noch nie fühlte ich mich so glücklich, als ich eine neue Word-Datei erstellte. "Betreff: Kündigung des Arbeitsverhältnisses zum...". Selten schrieb ich so präzise und schnell wie bei diesem Satz. Ich lächelte als hätte ich im Lotto gewonnen und wäre gerade erst dabei, es zu realisieren.

Zwar habe ich die Kündigung nicht auf den Tisch geklatscht und meinen Chef auch nicht beleidigt (leider), dennoch war es ein unbeschreibliches Gefühl, den Brief zu versiegeln, zu frankieren und per Post einzusenden.

Selbstverständlich hatte ich auch Sorgen: Keine Perspektive, keine Aussicht und vor allem: Kein Geld. Kurz nachdem ich die Kündigung abgegeben hatte, machten sich die ersten Sorgen breit.

Doch bewies ich glücklicherweise schon während meiner Vollzeit-Tätigkeit etwas Weitsicht und mied finanzielle Verpflichtungen, wie z.B. durch Autos oder Immobilien. Das machte die ganze Phase entspannter und den Gedanken, finanziell unflexibel zu sein, verträglicher.

Es war mein Gehirn. Es wollte auch arbeiten.

Nach wenigen inhaltslosen, schlafvollen, entspannten, doch etwas deprimierenden, arbeitslosen Wochen wurde ich auf meine jetzige Tätigkeit aufmerksam und bewarb mich mit wenig Hoffnung auf diese Stelle. Wenige Wochen später bekam ich sie, meine Traumtätigkeit mit einer, im Gegensatz zu meiner ehemaligen Vertriebstätigkeit, besonders ethischen Absicht. Es hat sich gelohnt. Ich bin befreit.

Doch sitze ich wieder vor meinem Bildschirm, die linke Hand auf mein Gesicht gequetscht, die rechte lasch auf der Maus liegend. Diesmal blinkt jedoch keine Anfrage: Es ist mein Gehirn, das endlich auch arbeiten darf.

Dieser Beitrag erschien zunächst auf medium.com.

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