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Vorurteile als sozialer Klebstoff

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SCHULE INKLUSION
dpa
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Mit der Geburt haben die Menschen überall auf der Welt ein von Struktur und Ausstattung her ähnliches Gehirn. Es besitzt ein Übermaß an Neuronen und Verschaltungsmöglichkeiten.

Das genetisch vorgegebene Potenzial wird aber erst wirksam, wenn in den ersten Lebensjahren die Neuronen tatsächlich auch genutzt werden. Erst dann bilden sich die Synapsen aus, und erst mit einer gewissen Anzahl an Synapsen bleiben die Neuronen überlebensfähig.

Neuronen, die nicht dazu in der Lage waren, eine bestimmte Zahl an Synapsen auszubilden, sterben einfach ab. Sinnvolle Verbindungen werden funktionell bestätigt, und auf diese Weise wird die detaillierte Struktur des Gehirns festgelegt.

Es bildet sich eine individuelle Architektur des Gehirns, die langfristig verhaltenswirksam und lebensbestimmend ist. Ein klassisches Beispiel ist die Unterscheidungsfähigkeit der Laute „L" und „R". Bei der Geburt haben Asiaten genauso wie Europäer prinzipiell die Möglichkeit, die beiden Konsonanten voneinander zu unterscheiden.

Doch während hierzulande die Differenzierungsfähigkeit trainiert wird, weil die Unterscheidung der beiden Laute in unseren Sprachen eine wichtige Rolle spielt, verkümmert sie in Japan oder China, weil es sie dort gar nicht gibt.

Mit Beginn der Pubertät ist die Architektur unseres Gehirns weitgehend abgeschlossen

Sein letzter größerer Umbau findet jetzt nur noch im Frontalhirn statt, wenn es zum Beispiel um die Fähigkeiten zum Vorausdenken und zum Perspektivenwechsel geht.

Die Struktur unseres Wissensspeichers ist fest. Von nun an ist es sehr schwierig oder nahezu unmöglich, etwas ganz Neues zu lernen, was bis dahin noch keine Rolle gespielt hat. Anstrengungsloses Lernen, wie etwa der Erwerb mehrerer Sprachen, ist nur in der frühen Kindheit möglich, später nicht mehr, da alle Lernprozesse dann nur noch in den bereits festgelegten Hirnstrukturen ablaufen.

Das Gleiche gilt für unsere motorische Kompetenz, also die zahlreichen Bewegungsmuster, die wir im Alltag abrufen. Auch das gesamte Repertoire des Psychischen ist von diesem Prinzip betroffen, also unsere Wahrnehmungen, Gefühle und Erinnerungen.

Nach der Pubertät können wir unsere Umwelt nie wieder so frei und unbedarft interpretieren oder rekonstruieren wie davor. Was wir nach der Pubertät wahrnehmen, lernen oder urteilen, geschieht immer vor dem Hintergrund einer bereits abgeschlossenen Hirnstruktur.

Das Prinzip der festgelegten Hirnstruktur ist durchaus sinnvoll, weil auf diese Weise Menschen mit einem ähnlichen sozialen Kontext eine ähnliche Prägung ihres Gehirns erhalten und somit vieles ähnlich wahrnehmen und bewerten. Und hier sind wir schon bei den Vorurteilen.

Vorurteile dienen als sozialer Klebstoff

Menschen im selben sozialen Kontext machen ähnliche Erfahrungen und teilen die Welt somit sehr ähnlich ein in Bekanntes und Unbekanntes. Bekanntes schafft Vertrauen, Unbekanntes versetzt uns erst einmal in Wachsamkeit und Alarmbereitschaft.

Und damit sind wir bei den Vorurteilen: Sie dienen als sozialer Klebstoff zwischen den Menschen und ermöglichen es überhaupt erst, dass wir eine soziale Gemeinschaft eingehen können und nicht als ein Haufen von Individualisten nebeneinanderher leben, die sich vor jedem Werturteil und jeder Entscheidung erst gegenseitig überzeugen müssen.

Das schafft eine geistige Verbindung zur Familie und den Nachbarn, mit denen man zusammen aufgewachsen ist. Unsere Gehirnstruktur ist also ein Abbild jener Gesellschaft, in die wir hineinwachsen und die uns gleichzeitig für ein Leben in unserem sozialen Umfeld tauglich macht. Dies gilt insbesondere für die Entwicklung unserer Wertesysteme und für unsere religiöse Einbettung.

Dahinter verbirgt sich die Tatsache, dass kein einzelnes „gottgegebenes" Wertesystem existiert, sondern dass wir vielmehr im Laufe der biologischen und der jeweiligen geschäftlichen Evolution aus sinnvollen Gründen Regeln des Zusammenlebens entwickelt und in der Struktur unseres Gehirns verankert haben.

„Wir haben diese Regeln so sehr verinnerlicht, dass sie sogar Teil der physischen Architektur unseres Gehirns geworden sind", erklärt der Neuroethiker James Giordano im persönlichen Gespräch. „Wenn jemand etwas Unmoralisches macht, empfinden wir das als falsch, ohne groß darüber nachzudenken. Menschen haben keine ausgeprägten Talente. Wir können weder besonders schnell laufen noch besonders geschickt klettern, noch können wir fliegen oder sind besonders stark. Also müssen wir zusammenhalten, um uns gegen Leoparden, Schlangen, Affen, Bären oder andere Widrigkeiten zur Wehr zu setzen. Kreativ zusammenarbeiten, das ist unsere Natur. Dazu gehört auch, dass wir im Sinne der Gemeinschaft agieren und nicht bloß auf unseren einzelnen Vorteil bedacht sind."

Eine Ethik setzt sich demnach aus Vorurteilen zusammen, und das hat sich als sinnvolles Regelwerk für das Leben in der Gemeinschaft erwiesen. Es sind religiöse und gesellschaftliche Werte, über die wir nicht mehr nachdenken und die sich typischerweise in Vorurteilen gegenüber Vertretern anderer Kulturen manifestieren.

Vorurteile sind verkörperte Lebenserfahrung

Vorurteile haben also damit etwas zu tun, wie unser Gehirn im ersten Lebensjahrzehnt geprägt worden ist. Die Prägungen beruhen auf Lebenserfahrung, die man entweder selbst gemacht hat oder von anderen vermittelt bekam.

Innerhalb des immer noch gleichen sozialen Kontextes ist somit die Erwartung berechtigt, dass die Vorurteile auch für die Zukunft stimmen mögen.

Mehr zum Thema: Wenn Muslime Vorurteilen begegnen

Wenn wir zum Beispiel über andere Menschen, die bestimmte äußere Merkmale besitzen, das Vorurteil haben, dass von ihnen Gefahr droht, dann ist offenbar der Vorteil, gewarnt zu sein und ihnen nicht direkt zu vertrauen, größer als der Schaden, der dadurch entsteht, die fremd aussehende Person falsch einzuschätzen.

Dies haben Daniel Kahneman und Amos Tversky in ihrem Buch über Entscheidungen, Werte und Bezugsrahmen wie folgt auf den Punkt gebracht: „Die Wertefunktion für Verluste ist steiler als die Wertefunktion für Gewinne."

Wenn man mit einem schnellen Urteil in seiner Einschätzung richtig liegt, gewinnt man mehr, als wenn man zögert und dann Ressourcen wie Geld, Zeit, Energie aufwenden muss, um ein falsches Urteil zu korrigieren.

Es geht um Entscheidungen, bei denen die hundertprozentige Richtigkeit der Schnelligkeit untergeordnet wird. In einer Gefahrensituation ist es besser, auf ein möglicherweise nicht immer zutreffendes Vorurteil zu vertrauen, als sich der Situation völlig hilflos ausgesetzt zu sehen.

Ein Vorurteil bietet hier den Geschwindigkeitsvorteil, und Schnelligkeit wird im evolutionären Prozess belohnt, wenn es gilt, einen anderen zu übertrumpfen. Es scheint besser zu sein, in Gefahrensituationen aufgrund der verkörperten Lebenserfahrungen schnell zu entscheiden, statt für langes Nachdenken Zeit zu verbrauchen, bis es zum Handeln womöglich zu spät geworden ist.

Die Struktur unseres Gehirns erlaubt es uns, etwas Neues sofort einzuordnen und schnell zu reagieren, ohne dass wir das Wahrgenommene zuvor umfassend analysieren müssen.

Dieses schnelle Urteil reicht zwar nicht an die Richtigkeit eines differenziert gebildeten Urteils heran, ist aber zumeist zutreffender als eine rein zufällige Meinung, denn es steckt ja zumindest die Lebenserfahrung der Gemeinschaft dahinter.

Ein Versuch zeigt, wie blind Vorurteile machen

Doch so hilfreich die Vorurteile auch sein mögen, so viel Sprengkraft haben sie auch. Denn sie prägen die Erwartungshaltung und machen blind für Unerwartetes.

Dies zeigt der legendäre Versuch vom Gorilla und den Basketballspielern aus dem Jahr 1999. Die US-amerikanischen Psychologen Daniel Simons und Christopher Chabris spielten den Probanden einen Film vor, auf dem zwei Teams mit einem Basketball spielten. Die Probanden sollten zählen, wie oft die Mannschaft mit den weißen T-Shirts den Ball fing. Das war für keinen der Probanden schwierig.

Was allerdings knapp die Hälfte von ihnen nicht bemerkte: Während des Spiels trottete ein als Gorilla verkleideter Mensch durch die Spieler, drehte sich inmitten der Spielfläche zur Kamera, richtete sich auf, trommelte mit den Fäusten auf seine Brust und spazierte dann langsam wie- der aus dem Bild hinaus.

Die Probanden waren so vertieft , die Übersicht über die Passwürfe zu behalten, dass sie den Gorilla überhaupt nicht wahrnahmen. Nachdem sie allerdings darauf aufmerksam gemacht worden waren, konnten sie sich nicht vorstellen, wie sie zuvor den Gorilla haben übersehen können.

Wie kann das sein? Viele stellen sich die Arbeit des Gehirns so vor, dass es die Welt ablichtet, wie es eine Kamera tut, und bestenfalls ein paar überflüssige Informationen ausfiltert. So ist es aber ganz und gar nicht, denn das Gehirn hat eine gestaltende Kraft.

Das Bild, das wir uns von der Realität konstruieren, hängt davon ab, was für uns gerade wichtig ist: Wenn wir auf Ballwürfe achten wollen, dann entgeht uns eben der Gorilla. Würden wir den Film mit der Erwartung anschauen, den Gorilla zu finden, hätten wir ihn unmöglich übersehen können, stattdessen aber höchstwahrscheinlich die Übersicht über die Ballwürfe verloren.

Wir konstruieren unser Gegenüber<

Nun ist es so, dass wir nicht nur ein Bild unserer Umwelt konstruieren, sondern unsere gesamte Realität, und das Gleiche tut unser Gegenüber, das sich auch Vorurteile bildet. Jeder nimmt vom anderen nur Teilaspekte wahr, den Rest denken wir uns dazu.

Stellen Sie sich selbst doch einmal als Nabe eines Rades vor. Die einzelnen Speichen repräsentieren unterschiedliche Lebensbereiche, Tätigkeiten, Denkhorizonte oder Beziehungen zu anderen Menschen. Wann ist das Rad stabil? Wenn genügend Speichen vorhanden, diese einigermaßen gleichmäßig verteilt und sie fest in der Nabe verankert sind.

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Im übertragenen Sinne muss auch das eigene Ich fest mit seinen verschiedenen Lebensbereichen verankert sein, damit sich eine insgesamt stabile Konstruktion ergibt. Wenn ich mich nur auf eine Tätigkeit oder eine bestimmte Gruppe von Menschen konzentriere und alles andere ausblende, ist das Rad des Selbst nicht ausgewogen.

Die anderen Menschen stellen ebenfalls verbildlichte Räder dar, ein jeder als Nabe im Zentrum seiner Welt und mit Speichen, welche die verschiedenen Lebensbereiche versinnbildlichen. Kommen die Räder miteinander in Verbindung, dann berühren sich nicht alle Speichen von zwei Rädern, sondern natürlich immer nur die einander zugewandten. Die komplementären Speichen berühren sich nicht.

Übertragen bedeutet dies: Wenn zwei Menschen bestimmte Lebensbereiche miteinander teilen, vielleicht Kultur und Sport, so heißt das nicht, dass sie auch in Politik und Umweltschutz eine Verbindung miteinander haben müssen. Über diese komplementären Speichen können wir lediglich Vermutungen anstellen, Vorurteile eben.

Der Psychologe Kurt Danziger hat dieses Thema in seinem Buch Constructing the Subject sehr anschaulich ausgeführt. Das Subject kann das einzelne Gegenüber sein, aber auch eine Versuchsperson in einem wissenschaftlichen Experiment. Alle modernen Forschungen werden immer mit klinischen Experimenten und Tests gemacht, wogegen nichts einzuwenden ist.

Früher, bis noch vor einigen Jahrzehnten, hat man dafür viele Einzelfallbeispiele verwendet. Hierzu wird eine Person von vielen Seiten beleuchtet, sodass möglichst viele „Speichen" ihres Selbst gesehen werden und das zu Beobachtende dann entsprechend eingeordnet wird. Auf diese Weise sehen wir einzelne Menschen und schließen von dem Einzelnen - im Rahmen des Gesamtkontextes - auf das Allgemeine.

Wir glauben, die gesamte Psyche erfassen zu können

Mit der Einführung von Statistiken und Gruppenstudien ist die Einzelfallstudie in den Hintergrund getreten. Im Glauben an Gruppenstatistiken und Signifikanzniveaus denken wir, die gesamte Psyche erfassen zu können, ohne den Unterschied zwischen Gruppenstatistik und individueller Person zu berücksichtigen.

Wir haben keinen statistischen Sinn, wie es der Psychologe Gerd Gigerenzer betont. Vielmehr meinen wir, wenn wir etwas an einer großen Gruppe beobachten, dass dies generell gültig sei. Leicht begehen wir den Fehler, die statistisch erhobenen Unterschiede etwa zwischen Mann und Frau auf einzelne reale Personen anzuwenden.

„Wenn statistisch gesehen Männer ein besseres abstraktes Vorstellungsvermögen haben als Frauen, so bin ich als Frau dennoch besser als 99,9 Prozent aller Männer", meinte einmal Frau Professor Jerre Levy von der University of Chicago. Sie hat im Wesentlichen die Experimente mit Split-Brain-Patienten gemacht für die dann allerdings Roger Sperry den Nobelpreis bekam.

Wenn wir eine große Anzahl von Menschen untersuchen, zeigen sich zwischen ihnen immer statistisch relevante Unterschiede. Und nun fangen wir an, in Gruppenkategorien zu denken, und sehen den Einzelnen nicht mehr - ein Verbrechen der Wissenschaft.

Darüber hinaus fangen wir an, uns selbst mit einer der Gruppen zu identifizieren. Es findet also eine rückwirkende Anpassung statt. Die Methoden der Wissenschaft sind zu einer Vorurteilsbildungsmaschinerie geworden. Und so werden wir nicht umhinkommen, den Umgang mit Vorurteilen zu erlernen, sowohl mit unseren eigenen als auch mit denen der anderen.

Diversität als Chance neuer Kreativität

Vorurteile gibt es überall. Das ist gerade heute ein Dilemma, da wir weltweit mit verschiedenen Kulturen und Wertesystemen zusammenkommen, sei es durch moderne Kommunikationsmittel in der globalisierten Welt, durch Migration, sei es durch Forschung, Politik und Wirtschaft.

Einerseits verhelfen uns die Vorurteile zu einer schnellen Meinungsbildung, und sie stabilisieren unsere Gesellschaft. Andererseits grenzen sie andere Menschen aus, verstellen den Blick für das Besondere und den Einzelnen.

Eine Umgangsform mit den Vorurteilen beginnt damit, zunächst einmal unsere eigenen anzuerkennen und ihr Vorhandensein nicht zu negieren. In gleicher Weise gilt es, sich über die Vorurteile der anderen uns gegenüber klarzuwerden und sie zu akzeptieren.

Wenn uns bewusst ist, dass wir genauso wie die anderen Vorurteile haben, können wir uns auf Augenhöhe begegnen. Dieses Wissen um unser Geprägtsein gilt natürlich in besonderem Maße für die interkulturelle Kommunikation und sich daraus ableitende pädagogische Maßnahmen, denn Menschen unterschiedlicher Kulturen sind nicht unterschiedlich veranlagt, sondern unterschiedlich geprägt.

Trotz aller anthropologischer Universalien existieren eben kulturelle Spezifikation, und die drücken sich üblicherweise in unseren Vorurteilen aus. Wenn uns das bewusst ist, können wir besser miteinander auskommen, ohne andere zu bevormunden oder gar zurechtzuweisen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Traut euch zu denken! Wie wir der allgemeinen Verdummung entkommen

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