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Liebe im Herbst, Kapitel 4

27/03/2016 13:48 CEST | Aktualisiert 28/03/2017 11:12 CEST
Tooga via Getty Images

Aus Kapitel 4 Weimar

Fabian

Um 6 Uhr riss uns der Wecker aus dem Schlaf, wir frühstückten gemütlich und waren um 8 Uhr beim Arzt. Dagmar hatte Zweifel, ob ich mitkommen sollte, doch ich bestand darauf und sie bat dann auch den Arzt, mich mit ins Sprechzimmer zu lassen. Interessiert las der Internist die Ausdrucke aus dem Internet und gab offen zu, davon noch nichts gehört zu haben. Das könne durchaus Erfolg versprechen, meinte er, wies aber auch auf die hohe Letalität hin. „Können Sie mir solch eine Operation empfehlen?", fragte Dagmar ganz direkt. „Zur Zeit fehlt mir das genügende Wissen darüber", antwortete er offen, „ich muss mich erst intensiv damit beschäftigen. Seien Sie Montag wieder um 8 Uhr hier, dann hoffe ich, Ihnen diese Frage besser beantworten zu können."

Dagmar

Weil es sich nicht mehr lohnte, noch etwas anderes zu unternehmen, beschlossen wir. nach Hause zu fahren. Aber als ich in den Smart steigen wollte, bekam ich plötzlich irrsinnige Schmerzen in der Brust. Ich wusste, was das bedeutet und legte mich ruhig über beide Sitze. „Greif' bitte in meine Handtasche, links in der Ecke ist eine Schachtel mit Kapseln, davon gib mir eine", bat ich Fabian und konnte gleich die Kapsel zerbeißen. Nach einer Weile ging es mir besser. „Was war das?" fragte Fabian besorgt und ich erklärte ihm, das sei ein kurzzeitiger Verschluss der Kranzarterie gewesen, den ich mit der Kapsel überwinden konnte, sie bewirkt eine augenblickliche Erweiterung der Herzkranzgefäße. „Würdest du bitte fahren", bat ich Fabian, „ich fühle mich noch etwas schwach." „Bleib' jetzt noch eine Weile ruhig liegen", antwortete er, „wenn du dich besser fühlst, fahre ich."

Fabian

„Hast du diese Anfälle häufig?", fragte ich besorgt. „Nein, nicht häufig, aber trotzdem zu oft", antwortete Dagmar langsam. „Sie treten unregelmäßig auf, im Durchschnitt alle vier Wochen. Und wenn ich nicht schnell solche Kapsel zerbeiße, wird ziemlich sicher ein Herzinfarkt daraus. Vor allem deswegen habe ich trotz des Risikos der Operation zugestimmt und bin dir für deine Hilfe unendlich dankbar." Weil Dagmar morgen mit mir ins Schillerhaus gehen wollte, nahm sie sich zu Hause das Tablet vor, das sie schon zwei Tage nicht in der Hand gehabt hatte und gab den Namen ein. Sie fand eine Reihe seriöser Seiten, die sie mich zur Vorbereitung lesen ließ.

Mir fiel ein, dass sie ihr System noch gar nicht gesichert hatte und ich ließ sie ein Sicherungsprogramm herunterladen und installieren. Dann zeigte ich ihr, wie sie das System auf ihre mobile Platte sichern kann und riet ihr, das zusätzlich zur laufenden Sicherung ihrer Daten jeden Monat zu tun. Inzwischen war es Abend geworden und Dagmar bereitete ein paar Schnitten, die wir mit Rotwein genossen. Dabei gestand sie, dass sie mich am liebsten verführt hätte, als es ihr wieder besser ging, dann aber auf die Internetrecherche gekommen sei, um weiter mit dem Tablet fit zu werden. „Weißt du, dass du ein Dummerle bist?", antwortete ich lachend. „Ich hätte sofort ‚ja' gesagt, lass' uns ganz schnell auf dieses Programm umschalten." Mit diesen Worten hob ich sie auf und trug sie ins Schlafzimmer, nachdem sie bestätigt hatte, dass sie wieder voll fit sei.

Dagmar

„Magst du heute mit mir zu Schiller gehen?", fragte ich und Fabian stimmte zu. „Der Dichter und seine Familie bezogen das Haus 1802", erläuterte ich wieder das Nötigste, „fand aber nicht die nötige Arbeitsruhe. Er lieh sich Geld und ließ umfangreiche Renovierungsarbeiten durchführen. Im ersten Stock wurden die Wohnräume der Familie und die Schlafräume seiner Frau Charlotte und der Töchter eingerichtet. In der zweiten Etage lagen seine Räume. Der Dichter verstarb 1805 und Charlotte blieb mit den vier Kindern weiterhin in dem Haus wohnen. "Nachmittags rief mein Arzt an, er habe mit der Klinik in Seattle Kontakt aufgenommen und sie wollten meine Krankheitsdaten haben, ob ich einverstanden sei, ich stimmte zu.

Allmählich wollte ich etwas mehr über meinen Gefährten wissen und fragte ihn, wie er aufgewachsen war. „Das ist keine erfreuliche Geschichte", sagte er traurig. „Meine Eltern betrieben in Westberlin ein kleines Elektrogeschäft und ließen sich scheiden, als ich 10 war. Meine Mutter nahm sich sieben Jahre später das Leben, worauf ich zum Vater und seiner neuen Frau zog, die mich innerlich ablehnte. Nur die Gemeinschaft in der Christlichen Jungenschaft gab mir eine Heimat und machte mich zu einem einigermaßen brauchbaren Zeitgenossen, ich weiß nicht, was sonst aus mir geworden wäre. Allerdings hatte die Jungenschaft ein recht restriktives Bild vom Verhältnis zum anderen Geschlecht, Umgang mit Mädchen galt als unmännlich. Da ich ein ausgesprochener Spätentwickler war, störte mich das nicht, denn ich habe erst mit 18 meine eigene Sexualität entdeckt und mit 22 das erste Mädchen geküsst.

Fabian

Sonntag sagte Dagmar nach dem Frühstück ernst zu mir: „Ein Teil der Stadt muss ich dir unbedingt noch zeigen, weil es leider dazu gehört wie Goethe und Schiller, nämlich das KZ Buchenwald. Wenn es dir recht ist, sollten wir jetzt hinfahren." Ohne weiteres stimmte ich zu und wir machten uns auf den Weg. Im Eingangsraum des Lagers wurden wir mit Relikten aus dem Stollen im Kohnstein konfrontiert. In einer umfangreichen Dokumentation konnten wir die Geschichte des 1937 für politische Gegner, Juden, Sinti und Roma errichteten Lagers lesen, das schon bald zum Synonym für die nationalsozialistischen Konzentrations-lager wurde: „Nach Kriegsbeginn wurden Menschen aus ganz Europa nach Buchenwald verschleppt. Im KZ und seinen 136 Außenlagern waren über 250.000 Menschen inhaftiert. Die SS zwang sie zur Arbeit für die deutsche Rüstungsindustrie. 56.000 Menschen starben an Folter, medizinischen Experimenten und Auszehrung. In einer eigenen Tötungsanlage wurden sowjetische Kriegsgefangene erschossen.

Widerstandskämpfer bildeten im Lager eine Untergrundorganisation, um das Wüten der SS nach besten Kräften einzudämmen. Bereits seit dem 8. April hatten viele Häftlinge durch Boykott und Sabotage ihre Evakuierung aus dem Lager verhindert und die US-Armee per Funk um Hilfe gerufen. Durch einen Aufstand übernahmen sie bei Annäherung der Amerikaner die Leitung des Lagers, nahmen 125 Bewacher fest, hissten die weiße Fahne und öffneten die Tore. Nach Abzug der Amerikaner wurde das Gelände bis 1950 von den Sowjets als Speziallager genutzt, 7.000 Menschen starben dort. Erst 1958 wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eröffnet und ab 1991 neu gestaltet."

Dagmar

Montag standen wir wieder früh auf und waren um 8 Uhr beim Arzt. „Ich habe gute Nachrichten für Sie", empfing er uns. „Das halbe Wochenende habe ich mich mit dem Thema ‚Operation' beschäftigt und von allen möglichen Seiten Informationen eingeholt, weil mich die Sache außerordentlich interessiert. Die Ansichten sind recht unterschiedlich, einige sind des Lobes voll, andere warnen entschieden davor. Letztlich hat mir ein Spezialist der Charité in Berlin zu einer Entscheidung verholfen, indem er die geringen Risiken ihrem sicheren Schicksal gegenüber stellte. Dann habe ich lange mit der Klinik in Seattle korrespondiert, zuerst per Mail, zuletzt telefonisch. Sie baten mich um Ihre Unterlagen und ich habe sie nach Ihrer Einwilligung übermittelt, also alle Untersuchungsergebnisse, Blutwerte und CT-Bilder. Gestern Abend mailten sie, dass sie bei Ihnen gute Aussichten für eine erfolgreiche Operation sähen, die Sie dauerhaft von der Krankheit befreien könne. Abgesehen von der Krankheit sei Ihr Körper so gesund, dass die Risiken vernachlässigbar klein seien. Ihre Krankenkasse wird allerdings die Kosten kaum übernehmen." „Das wissen wir", antwortete ich.

Fabian

„Wann können Sie in Seattle sein?", wollte der Arzt wissen. Ich überlegte. „Wir müssen erst noch nach Mannheim, weil ich einiges für die Reise brauche, und sollten dann von Frankfurt fliegen. Wenn wir Mittwoch früh einen Flug bekommen, sind wir trotz der Flugzeit von mindestens zwölf Stunden nachmittags in Seattle, denn die Zeitdifferenz beträgt neun Stunden. Ich kümmere mich gleich um den Flug, und wenn das klappt, ist Dagmar Donnerstag früh in der Klinik." „OK", sagte der Arzt, „ich habe schon prophylaktisch eine Patientennummer bekommen. Wenn Sie die Operation wirklich wollen, müssen Sie sich unverzüglich mit dieser Nummer bei der Klinik anmelden, Ihren Ankunftstermin nennen und eine Vorauszahlung leisten."

Bei Dagmar beantragte ich über das Internet Einreisegenehmigungen in die USA für uns. Dafür mussten wir Riesenfragebögen ausfüllen, zum Glück hatten wir beide schon neue Reisepässe mit elektronischen Daten. Dann buchte ich zwei Flüge für Mittwoch um 7:15 ab Frankfurt mit nicht terminierten Rückflugtickets.

Dagmar

Fabian half mir bei der Anmeldung in der Klinik mit dem 11. Juni als Antrittstermin. Als Vorauszahlung wurden 2.000,- $ gefordert und ich belastete meine Kreditkarte damit. Fabian buchte eine Juniorsuite in einem Hotel nahe der Klinik und organisierte seine Vertretung im Club für vier Wochen. Dann sah er mich an und sagte leise „Bevor du diese nicht harmlose Operation durchführen lässt, solltest du unbedingt mit zwei Menschen darüber sprechen, die dir besonders vertraut sind, nämlich Margitta und deiner Tochter. Ich hoffe mit dir, dass du sie noch lange sehen kannst, aber wir können nicht hundertprozentig ausschließen, dass es das letzte Mal ist."

Ich erschrak, doch dann begriff ich, wie recht er hatte und antwortete lächelnd: „Hab' Dank für den Tipp. Margitta sehen wir morgen und Christine könnte von Edmonton, wo sie eine Forschungseinrichtung leitet, nach Seattle fliegen, das ja dicht an der kanadischen Grenze liegt." „Gut", schlug Fabian vor, „dann sollten wir Margitta morgen noch vor dem Club in Mannheim sprechen." Ich war einverstanden, rief Margitta an und vertröstete sie mit Einzelheiten auf morgen. Mit Christine wurde es ein längeres Gespräch, in dem ich schon etwas von meinem Problem andeutete, wir hatten uns seit Martins Bestattung nicht gesehen.

Fabian

In Mannheim fragte Dagmar, ob Angelicas Grab weit von hier sei. „Nein, nur zehn Minuten zu Fuß", antwortete ich verwundert. „Dann lass' uns bitte hingehen", sagte sie leise. Am Eingang kaufte sie rote Tulpen und stellte sie auf das Grab. Ich war so überrascht über diese Geste, dass ich sie einfach küssen musste, ganz gegen die Sitte des Friedhofs. „Ich muss mich doch bei ihr für dich bedanken", meinte sie lächelnd. „Ich habe in Weimar gar nicht daran gedacht, mit dir zu Martins Grab zu gehen", meinte ich verschämt. „Das kannst du auch nicht", antwortete Dagmar lachend. „Er hat sich für eine Seebestattung entschieden, und ich finde das großartig. Immer wenn ich irgendwo im Meer schwimme, fühle ich mich ihm nahe."

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© Copyright 2015 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Liebe im Herbst" beschreibt auf 208 Seiten die neu entstehende Liebe zwischen zwei Senioren. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 8,- Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9527-9

Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Das vorliegende Kapitel 4 umfasst im Buch 11 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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