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Licht und Schatten

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Aus Kapitel 2 Unfall, Teil 3

Sie war noch halb wach, als sich die Tür des Zimmers leise öffnete. Im Dämmerlicht der Nachtleuchte sah sie eine ältere Dame mit freundlichem Gesicht zu ihrem Bett kommen und sich auf den Stuhl daneben setzen. Evamaria glaubte zu träumen, bis sie allmählich merkte, dass das Bild real war. „Wer sind Sie?", fragte sie die Erscheinung. „Entschuldigen Sie bitte die Störung Ihrer Nachtruhe", flüsterte die Dame, „ich bin Melitta Malter aus dem Nebenzimmer. Schwester Martha hat mit von Ihnen erzählt, und da ich nicht schlafen konnte, dachte ich, wir könnten ein wenig plaudern." Evamaria war zunächst ungehalten über die Störung, doch dann fiel ihr ein, dass sie ihr Problem vielleicht mit dieser gutmütig aussehenden alten Dame besprechen könnte, die sicherlich mehr Lebenserfahrung besaß als sie.

„Ich heiße Evamaria Clausen-Molar und habe einen schweren Unfall verursacht, als Quittung liege ich jetzt hier mit zertrümmerten Knochen", begann sie. „Erzählen Sie mir etwas davon", meinte die Besucherin freundlich, aber Evamaria hatte den Eindruck, dass sie nicht ganz bei der Sache war. „Aufgrund persönlicher Probleme habe ich gestern früh verschlafen und bin müde zur Arbeit gerast. Dabei bin ich an einer unübersichtlichen Stelle auf die Gegenfahrbahn geraten und mit einem großen Wagen zusammen gestoßen." „Das hört sich ja schlimm an", antwortete die Dame nachdenklich, „was sind denn das für persönliche Probleme? Sie können mit mir offen darüber sprechen, wenn Sie wollen, ich höre einfach zu." Dann dachte sie einen Moment nach und fragte: „Wie war noch Ihr Name?"

Verwundert wiederholte Evamaria den Namen, die Dame war wohl schon etwas vergesslich. Sollte sie ihr wirklich ihr Problem schildern? Da sie niemand anderen wusste, überwand sie sich. Es war ja harmlos, da die Frau sie nicht kannte. „Ich könnte einen guten Rat gebrauchen", sagte sie leise und berichtete offen von ihrer Ehe mit Timo und der langen Liebe zwischen ihnen, vom Sohn Marcus und von ihrer tiefen Verletzung durch Timos Seitensprung, die sie die Trennung von ihm wünschen ließ. Dann erzählte sie von Marcus' Worten, dass er viel lieber beim Vater sei, von ihrer Internetrecherche über die kindliche Entwicklung und vom Telefonat mit Timo, was sie alles so aufgewühlt hatte, dass sie Montag früh völlig verschlafen den Unfall verursachte.

„Das ist ein bisschen viel auf einmal", klagte Frau Malter, „ich kann mir nicht mehr so viel merken. Ihr Mann ist also fremdgegangen, obwohl zwischen Ihnen eine tiefe Liebe besteht und Sie sogar ein Kind haben. Wie haben Sie darauf reagiert?" „Ich war so empört, dass er unsere wundervolle körperliche Gemeinschaft an eine andere Frau verraten hat, dass ich ihn rausgeschmissen habe und mich scheiden lassen will", antwortete Evamaria verschämt.

Die alte Dame schien sich erinnern zu müssen, bevor sie antwortete: „Ich weiß, wovon Sie sprechen, denn ich war viele Jahre mit einem Mann verheiratet, der auch gelegentlich eine Abwechslung brauchte. Zuerst war ich empört, doch allmählich begriff ich, dass nur mein Stolz verletzt war und nicht meine Liebe.

Stolz war aber schon immer ein schlechter Ratgeber und zu einer Krise gehören zwei. Ich sah, dass diese Erlebnisse ihn glücklich machten, ohne dass seine Liebe zu mir darunter litt und verzieh ihm. Vielleicht haben seine Erfahrungen sogar unser Liebesleben bereichert." „Konnten Sie ihn denn noch lieben, wenn Sie wussten, dass er sich in einer anderen Frau erleichtert hat? Ich glaube, ich würde mich davor ekeln", warf Evamaria ein.

„Das ist doch nur ein fiktives Gedankenspiel ohne jeden realen Hintergrund", warf die alte Dame lächelnd ein, „wenn Sie Ihren Mann immer nur mit der anderen Frau im Bett sehen, werden Sie nie zur Ruhe kommen. Verbannen Sie diesen Gedanken und fragen sich stattdessen, ob Sie ihren Mann noch ein bisschen lieben." „Das ist ja mein Problem", erwiderte Evamaria langsam, „ich weiß es nicht. Er hat mir vorgestern Abend am Telefon gesagt, dass er mich noch immer über alles liebt und seinen Fehltritt bedauert. Heute bei seinem Besuch mit dem Sohn war er wieder so lieb zu mir, dass ich mich zum Abschied küssen ließ. Ich glaube, Sie haben Recht, dass ich meine Liebe verdränge, weil ich ihn immer nur mit der anderen im Bett sehe. Ich begreife aus Ihren Worten, dass Stolz in einer Liebesbeziehung nichts zu suchen hat."

„Ich denke, dazu kann ich ihnen etwas sagen, ich muss nur in meiner Erinnerung kramen, um es vor mir zu sehen. Ich vergesse ja schon so furchtbar viel. Wenn ich mich recht erinnere, hat mich irgendwann ein anderer Mann derart beeindruckt, dass ich mit ihm ins Bett ging, da hatte mein Mann sich schon die ersten Seitensprünge geleistet und ich kein schlechtes Gewissen. Dabei begriff ich, dass jeder Mensch tief in sich das Bedürfnis hat, immer wieder eine neue innige Vereinigung zu erleben, denn dieses erstmalige Erkennen eines anderen Menschen ist ein überwältigendes Erlebnis, das mit Liebe nichts zu tun haben muss. Im Vergleich mit meinem Mann waren manche sexuelle Fertigkeiten des anderen aufregender und ich konnte diese Erfahrung zu Hause nutzen, aber meine Liebe zu meinem Mann wurde dadurch nie geringer und von ihm hatte ich dasselbe Gefühl. So haben wir uns beide eine gewisse Freiheit gestattet unter der Bedingung, kein Geheimnis voreinander zu haben. Sie müssen jetzt nicht mit einem anderen Mann schlafen, um Ihrem Mann gegenüber freier zu werden, aber um ihres Kindes willen sollten Sie seine Reue annehmen und Ihre Liebe aus dem tiefen Loch hervorholen, in dem Sie sie vergraben haben."

Evamaria dachte lange nach, bevor sie eine passende Antwortet fand: „Sie könnten Recht haben, denn als er gestern gegangen war, wurde mir klar, dass ich ihn auch noch sehr liebe und ihm verzeihen sollte, aber später dachte ich dann, er könnte denken, ich tue das nur, weil ich jetzt so hilflos bin. Wie kann ich ihm zeigen, dass ich ihn immer noch über alles liebe und ihn vollkommen unabhängig von meinem momentanen Zustand wieder in mein Leben aufnehmen will?" „Lassen Sie mich nachdenken", meinte Frau Malter langsam, „damit ich das Problem begreife. Ich kann halt nicht mehr so schnell denken."

Erst nach einer Weile fuhr sie fort: „Sie meinen, Ihr Mann würde es nicht akzeptieren, wenn Sie ihm jetzt wieder Ihre Liebe zeigen?" „So krass meine ich es nicht", sagte Evamaria nachdenklich, „ich fürchte nur, er könnte meinen, ich nehme ihn jetzt nur deshalb wieder an, weil ich seine Hilfe brauche, und nicht, weil ich ihn wirklich liebe wie vorher. Das wäre doch keine Basis für einen Neubeginn."

„Natürlich sind Sie längere Zeit auf die Hilfe Ihres Mannes angewiesen und die wird er Ihnen auch gewähren, ob er sich geliebt fühlt oder nicht. Nehmen Sie diese Hilfe einfach freundlich und dankbar an und versuchen Sie, ihm allmählich mit kleinen Schritten näher zu kommen. Das kann ein dankbares Wort sein oder ein freundliches Lächeln. Wenn ab und zu ein Küsschen dazu kommt und er das genießt, sind Sie auf dem richtigen Weg. Da die ganze körperliche Liebe für Sie vorläufig ohnehin nicht möglich ist, sollten sie ihm anderweitig näher kommen, nach einer Weile mit tieferen Küssen und irgendwann können Sie ihn liebevoll streicheln, ich denke, Sie wissen, was ich meine. Das mag jeder Mann gerne, aber bis dahin muss noch sehr viel Wasser den Berg herunter geflossen sein. Beschränken Sie sich auf Taten und geben Sie ihm die Liebeserklärung erst, wenn Sie seine Hilfe nicht mehr brauchen. Und nun habe ich schon wieder Ihren Namen vergessen, es ist eine Krux mit meinem Gedächtnis."

Evamaria war überrascht, der Vorschlag, langsam und vorerst ohne Liebeserklärung auf Timo zuzugehen, erschien ihr plausibel. Wenn auch die Besucherin geistig nicht mehr ganz auf der Höhe zu sein schien, waren doch ihre Erfahrungen und der Vorschlag genau das, was sie in ihrer Situation brauchte. Als sie sich bei der Besucherin bedanken wollte, sah sie, dass die eingeschlafen war. Sie klingelte sie und sagte der Nachtschwester nur, die alte Dame hätte sie zum Plaudern besucht und sei dabei eingeschlafen. Vorsichtig bugsierte die Schwester die Frau in ihr Zimmer.

Evamaria schlief schnell ein und wachte Mittwoch früh erst auf, als die Schwester mit dem Frühstück kam. Trotz ihrer nächtlichen Überlegungen und des Gesprächs mit der Nachbarin fühlte sie sich gut ausgeschlafen, Schmerzen spürte sie nicht mehr. Nach dem Frühstück ließ sie das Gespräch noch einmal Revue passieren und wusste, wie sie jetzt handeln konnte:

- Ihrem Mann den Seitensprung innerlich verzeihen, es ihn aber noch nicht wissen lassen,
- seine Hilfe annehmen und ihm ihren Dank durch kleine Aufmerksamkeiten zeigen,
- ihm ihre Liebe erst durch Worte erklären, wenn sie seine Hilfe nicht mehr brauchte.

Sie fragte die Schwester nach ihrer Besucherin. Frau Malter sei 68 Jahre alt und hatte eine Totaloperation. Sie sei leicht verwirrt, deshalb habe sie Evamaria in der Nacht besucht, das werde nicht wieder vorkommen. „Nein. wir hatten eine nette Unterhaltung", beruhigte Evamaria die Schwester. „Sie schien zwar etwas vergesslich, aber das Gespräch war angenehm für mich. Sie kann jederzeit wiederkommen." Wirklich kam die alte Dame nach dem Mittagessen zu Evamaria, konnte sich aber weder an ihren Namen noch an den nächtlichen Besuch erinnern. Dafür erzählte sie viel von ihrer Kindheit und Jugend im Bayerischen Wald, wo ihr Vater einen Bauernhof hatte. An ihre Ehe konnte sie nicht erinnern. Evamaria war entsetzt, wie sehr die Demenz einen Menschen zerstören kann. In der Nacht war die Dame, abgesehen von ein paar Aussetzern, völlig klar gewesen und hatte ihr einen guten Rat gegeben. „Welch Glück, dass sie mir mit ihrem Rat einen Weg weisen konnte, mich Timo zu nähern", dachte sie.

Mittwoch brachte Timo nach dem Frühstück Marcus zum Kindergarten und fuhr zur mit der Bahn zur Arbeit, wo er seinen neuen Wagen bekam. Das Geld hatten ihm die Eltern geliehen, bis die Versicherung den Schaden bezahlte. Eigentlich brauchte er seine Gedanken für seine Tätigkeit, doch immer wieder glitten sie zu Evemie ins Krankenhaus, bis er einen Spaziergang über das Werksgelände machte und sich danach zwang, nur noch die Arbeit im Kopf zu haben. Gleich nach dem Ende der Gleitzeit holte er wieder Marcus bei Oma Susanne ab und fuhr mit ihm zur Klinik, heute konnte er den neuen Wagen nehmen. Am Eingang zum Tunnel zeigte er dem Jungen, wo die Mutter verunglückt war.

Evamaria freute sich über ihr Kommen und erzählte, dass sie über Nacht mit einer alten Dame geplaudert hatte. „Da ich hier ja nur still liegen kann, war das eine nette Abwechslung", fügte sie hinzu. Marcus erzählte, die Oma habe ihn heute abgeholt und mit Kuchen und Kakao verwöhnt. Nachdem die beiden eine Weile mit der Mutter geplaudert hatten, mussten sie sich verabschieden.

Als Timo es wagte, seine Frau auf den Mund zu küssen, öffnete sie ihre Lippen, so dass er mit der Zungenspitze eindrang, was sie sich gerne gefallen ließ. „Warum habe ich diesen Kuss so genossen, liebe ich ihn mehr, als sich mir eingestehen will?" dachte Evamaria, als die beiden gegangen waren. „Er bereut doch, was er getan hat und ich sollte mich nicht verweigern. Was hat die Wahrsagerin auf Kreta gesagt? ‚Sie müssen beide gemeinsam den Schatten über Ihrer Liebe verjagen, sonst geht sie verloren.' Zu einer Gemeinsamkeit gehören doch zwei und Timo will sie schon lange wieder aufbauen, da sollte ich jetzt die Zweite sein."

Nach dem Abendessen besuchte Frau Malter sie wieder, sie erschien völlig klar und erkundigte sich, ob sich ihr Verhältnis zu ihrem Mann normalisiert habe. „Ich habe ihn mit dem Jungen auf dem Flur gesehen, solchen attraktiven Mann darf man nicht einfach wegwerfen", sagte sie lächelnd. „Vielen Dank für Ihren guten Rat, ich habe mich heute leicht küssen lassen und empfand es als angenehm", antwortete Evamaria glücklich. „Männer sind doch wie Kinder, sie werden die Eierschalen hinter den Ohren ihr ganzes Leben lang nicht los. Es dauert aber eine Weile, bis man als Frau das erkennt", fügte die alte Dame lachend hinzu, worauf die Frauen sich bis zur Schlafenszeit unterhielten.

„Heute habe ich viel gelernt", dachte Evamaria, bevor sie einschlief. In der Nacht hatte sie wieder leichte Schmerzen in den Beinen und prompt kam der Alptraum mit dem riesigen Bären wieder, doch sie wusste, dass Timo sie retten würde und fürchtete sich nicht, bis sie aufwachte. „Allmählich glaube ich, dass ich ihn wirklich mehr liebe, als ich mir eingestehen will", dachte sie glücklich, dann konnte sie weiterschlafen.

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© Copyright 2017 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman Licht und Schatten" beschreibt auf 192 Seiten die entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die zu einer erfüllten Ehe führt, bis ein Seitensprung des Mannes die Harmonie zerstört. Erst eine Reihe schwerwiegender Ereignisse bringt die Frau dazu, die eigene verschüttete Liebe auszugraben und den gekränkten Stolz zu überwinden, bis sie feststellen muss, dass sie auch fehlbar ist. Überrascht begreifen beide Partner, dass diese Turbulenzen ihre liebevolle Gemeinschaft gefestigt haben, so dass sie sich für die neuen Anforderungen gewappnet fühlen, die auf sie zukommen.

Der Roman wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:
Als Taschenbuch für 8,99 Euro mit ISBN Nr. 978-3-7450-3356-4
Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7450-3624-4

Das vorliegende Kapitel 2 umfasst im Buch 21 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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