BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Ernst-Günther Tietze Headshot

Licht und Schatten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Aus Kapitel 2 Unfall, Teil 2


Als am späten Nachmittag Evamarias Bewusstlosigkeit quälend langsam verflog, versuchte sie mühsam, ihre Gedanken zu ordnen. Mit einem Mal sah sie wieder den riesigen Geländewagen auf sich zu rasen, hörte den Knall und fühlte furchtbare Schmerzen am ganzen Körper. Was dann geschehen war, wusste sie nicht mehr, doch sie merkte, dass sie in einem Bett lag und fühlte Schienen und Verbände am Körper. Außerdem kamen die Schmerzen wieder. Allmählich kam ihr zum Bewusstsein, dass sie wohl schwer verletzt war und von Glück sagen konnte, noch am Leben zu sein. Als sie versuchte, sich an das Geschehen vor dem Unfall zu erinnern, sah sie einen weiß gekleideten Mann an ihrem Bett stehen.

„Schön, dass Sie wieder bei Bewusstsein sind", sagte der Arzt, „können Sie sich an irgendetwas erinnern?" „Ja", antwortete Evamaria langsam, „ich bin mit einem Wagen zusammengestoßen, aber ich kann mich nicht erinnern, warum." „Wissen Sie denn, wer Sie sind?", fragte der Arzt weiter. „Ich glaube, ich heiße Evamaria Clausen-Molar, bin verheiratet und Mutter eines Sohnes." „Gott sei Dank!", rief der Arzt aus, „Ihr Gehirn hat keinen Schaden genommen, wie wir wegen ihrer langen Bewusstlosigkeit befürchtet hatten. Sie haben Brüche an den Beinen und einen Schaden an der Milz, doch wir haben das alles in einer langen Operation soweit zusammen geflickt, dass wir hoffen, Sie in ein paar Wochen einigermaßen geheilt entlassen zu können. Ob Sie dann wieder normal laufen können, wird sich nach einer intensiven Reha heraus stellen. Und jetzt lasse ich Ihnen etwas zu essen bringen." „Ich habe ziemliche Schmerzen in den Beinen", sagte Evamaria leise, worauf der Arzt ihr ein Schmerzmittel versprach.

Kurz darauf kam eine Schwester mit einer leichten Mahlzeit, Rührei, Weißbrot mit Butter und Tee. Sie fütterte Evamaria, denn sie konnte sich nicht aufrichten. Nach dem Essen gab sie ihr eine Spritze und ließ sie allein. Das Essen hatte Evamaria gut getan und die Schmerzen gingen langsam zurück, so dass sie zur Ruhe kam und über den Tag nachdenken konnte. Allmählich erinnerte sie sich an das Gespräch mit Timo gestern Abend über Marcus und ihre langdauernden Gedanken danach über ihre Beziehung, die sie heute früh verschlafen ließen. Sie hatte Marcus mit dem Wagen zum Kindergarten gefahren und wollte dann zur Arbeit, konnte sich aber nicht erinnern, wie es zu dem Zusammenstoß gekommen war. Doch langsam kam sie zur Erkenntnis, dass sie wohl zu verschlafen gewesen war, um sicher zu fahren, und so den Unfall selbst verschuldet hatte. Das war bitter und sie fühlte jetzt die Quittung überall an ihrem Körper.

Als sie an Marcus dachte, fiel ihr ein, dass sie ihn hätte vom Kindergarten abholen müssen. Hoffentlich war Timo benachrichtigt worden und hatte den Jungen abgeholt, dann dürfte er jetzt bei ihm sein. Also hatte Marcus durch ihren Unfall erreicht, mit dem Vater zusammen zu sein, während sie hier unbeweglich lag und nur zuschauen konnte. „Scheiße!", dachte sie, doch dann erinnerte sie sich, dass Timo ihr mehrmals versprochen hatte, den Jungen nicht gegen sie einzunehmen. Das glaubte sie ihm, so sehr er sie auch enttäuscht hatte, denn sie ahnte, dass er sie noch immer liebte. Dabei kam die Frage in ihr auf, wie sie denn zu ihm stand. Wenn sie die Enttäuschung über seine Untreue ausblendete, empfand sie ganz versteckt in ihrer Seele noch immer Liebe zu ihm. Bei diesem schönen Gedanken schlief sie ein.

Nach ein paar Stunden Schlaf hatte Sie einen Alptraum: Ein riesiger Bär sprang sie an, schlug sie mit den Tatzen und biss sie in die Beine. Sie wollte schreien, bekam aber keinen Ton heraus und konnte sich auch nicht bewegen, um das Untier abzuwehren. Die Beine schmerzten von den Bissen und sie war sicher, dass sie den Angriff des Tieres nicht überleben würde. „Timo, hilf mir, du hast doch gesagt, dass du mich liebst!", wollte sie verzweifelt rufen, konnte aber nicht sprechen. Doch er hatte sie wohl trotzdem gehört, sie sah sie ihn dem Bären eine Axt auf den Kopf schlagen. „Gott sei Dank", wollte sie sagen, doch in dem Augenblick erwachte sie und fühlte die Schmerzen in den Beinen weiter. Anscheinend wirkte das Mittel nicht mehr, das sie gestern bekommen hatte. Sie klingelte nach der Nachtschwester, die ihr bereitwillig eine neue Spritze gab. Sie konnte nicht gleich wieder einschlafen und erinnerte sich noch genau an den Alptraum. Der Bär war wohl der große Wagen, mit dem sie zusammen gestoßen war, aber dass sie im Traum Timo zu Hilfe rufen wollte und er sie vor dem Untier gerettet hatte, verwunderte sie. Empfand sie noch so viel für ihn, dass sie ihn in als Beschützer sah? Darüber musste sie nachdenken, anscheinend fühlte sie im Innersten mehr für ihn, als sie sich eingestehen wollte. Langsam verließen sie die Gedanken und sie schlief ein.

Am Morgen brachte Timo seinen Sohn zum Kindergarten und fand in der Zeitung einen Bericht „Geisterfahrerin am Heslacher Tunnel". Der Unfall wurde ausführlich beschrieben und an mehrere ähnliche Fälle in den letzten Jahren mit der Aufforderung an die Stadtverwaltung erinnert, endlich die unübersichtliche Spurzusammenführung zu verbessern.
Evamarias Mutter Theresa besuchte am Vormittag die Tochter, küsste sie vorsichtig und wollte wissen, wie es ihr ging. Evamaria berichtete über die Brüche und den Milzschaden, aber über den Unfall war ihr noch nicht mehr eingefallen als gestern. Als die Mutter ihr den Zeitungsbericht zeigte, dass sie auf der falschen Fahrbahn mit einem anderen Fahrzeug zusammen gestoßen war, wurde ihr die gestrige Ahnung zur Gewissheit, dass sie halb verschlafen den Unfall verschuldet hatte. Offen gestand sie der Mutter ihre Schuld ein, die streichelte ihren Kopf und riet ihr, bei der wahrscheinlichen Befragung durch die Polizei nichts von ihrer Müdigkeit zu sagen, sondern die Schuld auf die unübersichtliche Verkehrsführung abzuwälzen. Die Frage, wie es jetzt mit Marcus weiter gehe, konnte Evamaria nicht beantworten, sagte aber ganz klar, dass sie es begrüße, wenn sein Vater sich um ihn kümmere. „Und sein Treuebruch?", fragte Theresa zweifelnd, worauf Evamaria entschieden antwortete: „Das spielt jetzt keine Rolle. Er ist der Vater und steht dem Jungen am nächsten." „Schade", meinte die Mutter, „ich dachte, wir könnten uns um ihn kümmern", dann musste sie gehen.
Nach dem Ende der Kernzeit holte Timo den Sohn bei seiner Mutter ab. Zunächst mussten sie wieder ein Stück Kuchen essen und sprachen über den Zeitungsbericht, dann machten sie sich mit der U-Bahn auf den Weg. Von selbst nahm Marcus seinen liebsten Teddy mit, den er der Mutter zur Erinnerung an sich schenken wollte, Timo beobachtete das gerührt. Anscheinend existierte bei dem Jungen doch noch eine liebevolle Beziehung zur Mutter. In der Klinik sprach Timo zunächst mit dem Arzt, der die gestrige negative Auskunft aufhellte. Evamaria habe ihr klares Bewusstsein zurück gewonnen, der Bruch des Schienbeins würde problemlos heilen, nur bei der Kniescheibe seien sie noch unsicher, während die Milz sich ebenfalls unproblematisch gezeigt habe. Wahrscheinlich könne sie in absehbarer Zeit entlassen werden und nach einer ausgedehnten Reha wieder nahezu voll leistungsfähig sein. Dann mussten die beiden Kittel überziehen, bevor sie Evemies Einzelzimmer betreten durften. Marcus wollte gleich zur Mutter laufen, doch Timo hielt ihn zurück. „Mama ist noch ziemlich krank, du darfst sie nur vorsichtig berühren", mahnte er. Evemie konnte sich nicht aufrichten, doch über ihr Gesicht lief ein Strahlen, als sie den Sohn erkannte. „Du darfst dich über mich beugen und mich leicht küssen", sagte sie leise, was der Junge begeistert tat, dann drückte er ihr mit den Worten „Damit du nicht so alleine bist", den Teddybär in die Hand. Gerührt hielt die Mutter seine Hände noch eine Weile fest, bis sie sich an Timo wandte: „Ich freue mich, dass ihr mich besucht, auch du darfst mich leicht küssen." Das ließ Timo sich nicht zweimal sagen und küsste sie auf die Wange. „Ich bin froh, dass du schon so weit bist", sagte er glücklich und strich ihr sacht über die Haare.
„Nun ja, ich lebe noch, es hätte schlimmer kommen können", erwiderte sie. „Aber ob ich jemals wieder voll auf die Beine komme, weiß weder ich noch der Arzt. Er sprach von ein paar Wochen hier und einer anschließenden intensiven Reha, das wird wohl zusammen ein Vierteljahr sein. Ob ich dann voll leistungsfähig oder immer auf eure Hilfe angewiesen sein werde, steht in den Sternen. Ich habe leichtsinnig unser ganzes Leben kaputt gemacht." „Nun wart's erst mal ab"; erwiderte Timo und strich ihr über die Stirn, „es wird zwar eine Weile dauern, aber nach dem Gespräch mit dem Arzt eben bin ich sicher, dass sie dich wieder gut hin kriegen."
„Hast du eine Information, wie der Unfall passiert ist, ich konnte mich nur erinnern, dass plötzlich eine Riesenkutsche auf mich zugerast ist, aber meine Mutter hat mir vorhin erzählt, ich sei auf die Gegenfahrbahn geraten", wollte Evamaria wissen. „Sie hat Recht", klärte Timo sie auf, „du bist wirklich an diesem unübersichtlichen Wechsel von vier auf zwei Spuren auf die Gegenfahrbahn geraten, auf der dir im selben Augenblick ein SUV mit viel zu hoher Geschwindigkeit entgegen raste. Ich kenne diese Stelle und fahre dort immer sehr vorsichtig, aber anscheinend hattest du es eilig. Die Zeitung hat heute deinen Unfall beschrieben, aber auch, dass durch die unübersichtliche Spurzusammenführung schon mehrere Fahrer auf der falschen Fahrbahn gelandet sind. Zur besseren Übersicht müsste man die Verengung vorverlegen, denn der Tunnel ist nun mal so schmal."

„Ich muss dir etwas gestehen", nahm Evemie den Faden wieder auf. „Nach meiner Internetrecherche und dem Telefonat mit dir vorgestern Abend habe ich mir deine Liebeserklärung durch den Kopf gehen lassen und an die schöne Zeit unserer Begegnung gedacht. Das hat mich so beschäftigt, dass ich die halbe Nacht wachgelegen und gestern früh verschlafen habe. Normalerweise bringe ich Marcus zu Fuß zum Kindergarten und fahre mit der Bahn zur Arbeit, aber um Zeit zu sparen, habe ich den Wagen genommen und war wohl an dieser kritischen Stelle viel zu verschlafen. Ich allein bin an dem Unfall schuld und muss jetzt die Konsequenzen tragen." „Abgesehen von dem verrückten Tempo des Geländewagens", warf Timo ein und fügte hinzu: „Das solltest du der Polizei nicht erzählen, wenn sie dich danach fragt."

„Eine andere Frage: Wie organisiert ihr denn jetzt Marcus' Leben?", wollte Evamaria wissen. „Recht einfach", war Timos Antwort. „Wir leben zusammen in der Wohnung und ich bringe ihn morgens zum Kindergarten. In der Woche holt meine Mutter ihn ab und ich fahre nach der Arbeit zu ihnen. Wir trinken zusammen Kaffee, dann fahren wir zur Wohnung. Die ganzen Wochenenden sind wir beide dort zusammen. Und natürlich besuchen wir dich so oft wie möglich. Deine Mutter habe ich informiert, sie wird dich wohl auch besuchen." „Ja, sie war heute schon hier", sagte Evamaria nachdenklich, dann wandte sie sich an Marcus: „Da kannst du ja jetzt viel mit Papa zusammen sein. Bist du froh darüber?" „Ein bisschen schon", antwortete der Junge, „aber viel schöner wäre es, wenn du auch dabei wärst." Evamaria kamen Tränen in die Augen, bevor eine Schwester kam und die Gäste zu gehen bat, da die Patientin essen und danach schlafen müsse. „Habt Dank für euren Besuch und für deine beruhigenden Informationen", sagte Evamaria zu Timo und ließ sich zum Abschied auf die Wange küssen.
Nach dem Abendbrot las Timo dem Sohn eine Gute-Nacht-Geschichte vor, bis er eingeschlafen war, und setzte sich mit einem Glas Wein auf das Sofa. Evemie war heute richtig lieb zu ihm gewesen und hatte sich sogar leicht küssen lassen. Verzieh sie ihm wirklich die Affäre mit Uta oder war sie nur so nett, weil sie ihn jetzt brauchte? In der Hoffnung, dass ihre Liebe zurückkehrte, ging er nach einer Weile schlafen.

Weil Evamaria sich nicht aufrichten konnte, fütterte die Schwester sie mit Weißbrotscheiben mit Leberwurst und Käse und Tee. Danach musste sie einige Pillen nehmen und zum Abschluss gab es Fruchtjoghurt. „Wenn Sie nicht schlafen können, klingeln Sie", meinte die Schwester, „dann gebe ich Ihnen ein Schlafmittel." „Danke, ich hoffe, es geht ohne", antwortete Evamaria. Sie wollte noch nicht schlafen, sondern über den Besuch von Timo und Marcus nachdenken, der sie mehr aufgewühlt hatte, als sie sich den beiden gegenüber anmerken ließ. Dass Marcus ihr seinen liebsten Teddy mitbrachte, zeigte doch, wie sehr er sie liebte. Und Timo war so liebevoll mit ihr umgegangen, dass sie sich von ihm zum ersten Mal nach langer Zeit wieder küssen ließ, wenn es auch nur auf die Wange war. Mit ihrer abrupten Trennung von ihm hatte sie wohl einiges falsch gemacht. Statt alles zu tun, um ihre Gemeinschaft zu retten, hatte sie sich von ihrer Mutter aufhetzen lassen und ihn fort gejagt. Sie war doch selbst für ihr Leben verantwortlich! Anscheinend hatte er sofort den Fehltritt bereut, immer wieder ihre Vergebung gesucht und sie an die Scheidung ihrer Eltern erinnert. Könnte sie ihm den Seitensprung vergeben? Sie durfte doch jetzt nicht so hart zu ihm sein, wo er sich voll um Marcus kümmern musste und ihr versprochen hatte, ihn nicht gegen sie einzunehmen. Diese Gedanken beruhigten sie, so dass sie ruhig einschlief.
Nach zwei Stunden wurde sie wach und sofort waren die Gedanken wieder in ihrem Kopf. Langsam wurde ihr klar, dass sie nicht so einfach wieder auf Timo zugehen durfte. Er könnte denken, sie täte das nur, weil sie jetzt hilflos war. Sie musste einen Weg finden, ihm ihre Vergebung unabhängig von ihrem Zustand nahe zu bringen. Beim Nachdenken über einen möglichen Weg fielen ihr ihre Eltern ein, doch nach dem Besuch ihrer Mutter zweifelte sie daran, die lehnte Timo noch viel mehr ab, als sie es getan hatte. Nach diesen Gedanken schloss sie die Augen, um wieder einzuschlafen.

Wie es in diesem Kapitel weitergeht, erfahren Sie in der nächsten Folge.

2017-05-24-1495618608-7349475-CoverLichtundSchattenvorneklein.jpg

© Copyright 2017 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Licht und Schatten" beschreibt auf 192 Seiten die entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die zu einer erfüllten Ehe führt, bis ein Seitensprung des Mannes die Harmonie zerstört. Erst eine Reihe schwerwiegender Ereignisse bringt die Frau dazu, die eigene verschüttete Liebe auszugraben und den gekränkten Stolz zu überwinden, bis sie feststellen muss, dass sie auch fehlbar ist. Überrascht begreifen beide Partner, dass diese Turbulenzen ihre liebevolle Gemeinschaft gefestigt haben, so dass sie sich für die neuen Anforderungen gewappnet fühlen, die auf sie zukommen.

Der Roman wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:
Als Taschenbuch für 8,99 Euro mit ISBN Nr. 978-3-7450-3356-4
Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7450-3624-4

Das vorliegende Kapitel 2 umfasst im Buch 21 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.