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Licht und Schatten

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COUPLE PROBLEMS
grinvalds via Getty Images
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Aus Kapitel 1 Fehltritt, Teil 1

„Ich will bei Papi bleiben!" schrie der sechsjährige Marcus seine Mutter an und trampelte mit den Füßen auf den Boden, als der Vater ihn am Sonntagabend wieder zu ihr brachte. „Bei Papi ist es viel schöner, wir gehen ins Kino und essen Eis. Abends darf ich länger aufbleiben und wir spielen schöne Spiele miteinander, dann liest er mir noch eine Geschichte vor. Zum Frühstück kriege ich Nutellabrötchen statt des blöden Müsli. Und Papi ist soo lieb zu mir und schimpft nie. Warum kann er nicht wieder bei uns wohnen?"

Bei diesen Worten schossen ihm die Tränen aus den Augen und er klammerte sich fest an seinen Vater, der ihm verlegen über die Haare strich.

„Timo, was hast du mit dem Jungen gemacht, hast du ihn gegen mich aufgehetzt?" fragte Evamaria erbost, „du weißt ganz genau, dass wir ihn mir zugeordnet haben. Du hast ja in der Woche gar keine Zeit, dich um ihn zu kümmern." „Entschuldige bitte, Evemie, ich habe ihn in keiner Weise gegen dich aufgehetzt und weiß ganz genau, dass er zu dir gehört, wenn es mir auch jedes Mal in der Seele wehtut, ihn abgeben zu müssen.

Vor allem achte ich seine sich immer weiter ausbildende Persönlichkeit mehr als du es wohl tust, das ist nötig, damit er ein selbstbewusster Mensch wird. Und ich versuche, ihm die Zeit bei mir so schön wie möglich zu machen; ich liebe ihn doch auch schon von seiner Geburt an."

„Ja, ich erinnere mich genau, wie du ihn immer verwöhnt hast, statt ihn zu einem ordentlichen Menschen zu erziehen. Ich bin froh, dass diese Zeit vorbei ist und ich die Zügel wieder in der Hand habe. Du hast dir ja die Suppe mit deinem Seitensprung selbst eingebrockt. Das hättest du bestimmt nicht getan, wenn du Marcus so geliebt hättest, wie du jetzt vorgibst. Und nun mach' ihm klar, dass er hier bleiben muss und troll dich dann!"

„Vielleicht solltest du unserem Sohn öfter mal zeigen, dass du ihn auch liebst, statt ihn nur zu erziehen. Ich sage es noch einmal: Mit keinem Wort habe ich etwas gegen dich gesagt, sondern ihm nur meine Liebe gezeigt. Und weil ich ihn über alles liebe, will ich jetzt versuchen, ihn seelisch zu dir zurück zu bringen, doch du musst mir dabei helfen. Mach' ihm liebevoll klar, wie sehr du ihn vermisst hast und zeige ihm deine Freude, dass er zu dir zurückkommt."

Nach diesen Worten wandte der Vater sich zu seinem Sohn, der ihn noch immer umarmte: „Sieh' mal Marcus, Mama hat dich doch auch lieb, sie zeigt es nur nicht so deutlich. Vielleicht zeigst du ihr erst mal, dass du sie lieb hast, dann wird sie dich auch anders ansehen. Mama und ich haben nun mal vereinbart, dass du bei ihr lebst und jedes zweite Wochenende zu mir kommst. Ich muss ja die Woche über arbeiten, da kann ich mich nicht um dich kümmern. Nun gib Mami einen Kuss zur Begrüßung, das hast du nämlich bisher vergessen."

Wirklich löste der Junge sich vom Vater und küsste seine Mutter leicht auf die Wange, die ihn erfreut in die Arme nahm. „Wollen wir es noch mal miteinander versuchen?", fragte sie freundlich, worauf der Junge nickte. Doch dann drehte er sich zum Vater um und fragte: „Was war das für ein Sprung, von dem Mami eben gesprochen hat? Wohin bist du gesprungen?"

„Auf eine andere Frau", schoss es aus der Mutter heraus, doch Timo antwortete ruhig: „Er hat mich doch gefragt, da habe ich auch das Recht zu antworten", dann wandte er sich zu seinem Sohn: „Ja, ich war mit einer anderen Frau lieb, das hätte ich nicht tun dürfen, denn ich habe Mama ja auch geliebt. Und weil Mama das nicht verwinden kann, hat sie sich von mir getrennt und wir haben vereinbart, dass du hauptsächlich bei ihr lebst."

„Hast du diese Frau auch richtig lieb gehabt wie Mama?", setzte Marcus das Verhör fort. „Nein, ich war zwar mit ihr zusammen, aber geliebt habe ich sie nicht. Mama habe ich immer am meisten lieb gehabt, doch sie glaubt es nicht mehr. Die andere Frau war ja nur ein kurzer Irrtum, ich habe sie danach nie mehr beachtet."

„Warum hast du das denn getan, wenn du Mama liebt gehabt hast?"

„Weil ich verblendet war und glaubte, Mama hätte mich nicht mehr so lieb wie früher. Und jetzt hat sie mich wirklich nicht mehr lieb, aber daran bin ich selber schuld. Nun muss ich euch verlassen und freue mich auf deinen nächsten Besuch in zwei Wochen. Mach's gut und sei lieb zu Mama." Mit diesen Worten gab er dem Jungen einen Kuss und verschwand, nachdem er seiner Ex-Frau die Hand gegeben hatte.

Mit den Worten: „Jetzt essen wir Abendbrot und dann ist es höchste Zeit für das Bett", schnitt Evamaria Brot, brühte Tee und deckte den Tisch. Während des Essens fragte Marcus nachdenklich: „Warum hast du denn Papa nicht mehr lieb, nachdem er mit der anderen Frau zusammen war?" Evamaria überlegte, wie sie dem Jungen ihre Enttäuschung erklären könnte, dann kam ihr eine Idee:

„Du erinnerst dich vielleicht, wie du neulich ins Schlafzimmer kamst, wo Papa und ich uns liebten. Wir haben dir erklärt, dass es ein wunderschönes Erlebnis ist, wenn wir ganz eng miteinander verbunden sind und uns damit zeigen, wie sehr wir uns lieben. Dir auf diese Weise das Leben zu schenken, war einer der schönsten Momente in unserem Leben.

Aber als Papa es dann auch mit einer anderen Frau getan hat, war ich so enttäuscht, weil er unser innigstes Geheimnis verraten hat, ich konnte nicht mehr mit ihm zusammen sein. Und nun marsch ins Bett, es ist schon spät." Marcus putzte seine Zähne, gab der Mutter einen Gute-Nacht-Kuss und verschwand in seinem Zimmer.

„Puh", dachte Evamaria, „da kommt ja allerlei auf mich zu. Ich glaube, Timo hat Recht, dass ich Marcus noch zu sehr als Kleinkind sehe und seine Persönlichkeit nicht genug achte. Ich habe gar nicht bemerkt, dass er diese Persönlichkeit entwickelt, die er zu einem selbstbewussten Menschen braucht. Mir ist es ja genauso gegangen, meine Mutter hat mich in dem Alter überhaupt nicht ernst genommen, nur beim Vater fand ich bis zur Scheidung die Anerkennung, die ich mir wünschte. Vielleicht finde ich etwas darüber."

Sie schaltete das Tablet ein und googelte „Kindliche Entwicklung". Manches, was sie dort fand, hatte sie schon bei dem Jungen beobachtet, vieles andere überraschte sie sehr: „Aus dem Kleinkind entsteht das völlig anders proportionierte Schulkind. Das Gesicht nimmt erwachsenere Züge an, die Muskulatur zeichnet sich ab, Arme und Beine werden länger und die Gelenke treten hervor.

Das Kind muss diesen Gestaltwandel verarbeiten und erwirbt eine Vielzahl neuer kognitiver und sozialer Kompetenzen, zwischen denen es ein Gleichgewicht finden muss. Außerdem entwickelt es eine eigene, ausgeprägte Persönlichkeit. Daraus entsteht häufig ein ruppiges Verhalten oder übersensibles Reagieren. Auch die Sexualität des Kindes ändert sich. Es beginnt, seine Geschlechtsorgane zu untersuchen und findet heraus, dass es beim Manipulieren ein angenehmes Gefühl, erlebt, das ist ein normaler Teil des Heranwachsens.

Beim Erforschen seines Körpers entwickelt das Kind ein gesundes Körpergefühl und Selbstbewusstsein, das ihm hilft, seine Intimsphäre abzugrenzen und Nein sagen zu können, wenn es nötig ist."

„Die körperliche Entwicklung kann ich bei Marcus sehen, aber das meiste andere weiß ich überhaupt nicht", dachte Evamaria überrascht. „Ich sehe ja manchmal morgens, dass sein kleiner Penis steif ist, aber dass ein sechsjähriges Kind schon eine Sexualität hat und sich durch Berührung angenehme Gefühle verschaffen kann, ist mir vollkommen neu. Ich muss wohl ganz anders auf ihn eingehen und verstehe jetzt auch, dass er sich bei Timo wohler fühlt als bei mir. Vielleicht sollte ich mit ihm darüber sprechen." Sie rief ihren Mann an und er meldete sich mit der Frage, ob etwas mit Marcus sei. Erstaunt hörte er ihren Bericht über das Gespräch mit dem Sohn und ihre Entdeckungen im Internet.

„Ich bewundere dich, wie offen du mit Marcus über unser Liebesleben sprichst, um ihm zu erklären, wie sehr dich meine Affäre verletzt hat", antwortete er nachdenklich. „Ich wäre glücklich, wenn ich sie rückgängig machen könnte und du mir wieder vertrauen würdest. Und Marcus müssen wir wohl mit ganz anderen Augen sehen, er wird allmählich erwachsener, wenn er auch gerade erst zur Schule kommt.

Hab' Dank, dass du mich informiert hast. Und bitte glaub' mir, dass ich ihn in keiner Weise gegen dich einnehmen will, dafür liebe ich euch beide viel zu sehr, dich auch noch immer." „Lassen wir das", gab Evamaria zurück, „aber ich weiß jetzt, dass du Marcus nicht von mir absondern willst. Er wird ja bald sieben, da muss ich ihn wohl mehr als erwachsen werdenden Menschen ansehen und das Erziehen behutsamer angehen. Schlaf' gut!" „Danke, das wünsche ich dir auch, ich denke immer noch an die schöne Zeit zurück, wo wir uns das von Angesicht zu Angesicht wünschen konnten. Tschüss denn."

„Schön war es ja doch mit ihm, aber ich kann mit seinem Verrat nicht leben", dachte Evamaria, als sie den Hörer in die Halterung gesteckt hatte und sich wehmütig an den Beginn der langen, schönen Zeit mit ihm erinnerte:

Wie es in diesem Kapitel weitergeht, erfahren Sie in der nächsten Folge.

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© Copyright 2017 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman Licht und Schatten" beschreibt auf 192 Seiten die entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die zu einer erfüllten Ehe führt, bis ein Seitensprung des Mannes die Harmonie zerstört. Erst eine Reihe schwerwiegender Ereignisse bringt die Frau dazu, die eigene verschüttete Liebe auszugraben und den gekränkten Stolz zu überwinden, bis sie feststellen muss, dass sie auch fehlbar ist.

Überrascht begreifen beide Partner, dass diese Turbulenzen ihre liebevolle Gemeinschaft gefestigt haben, so dass sie sich für die neuen Anforderungen gewappnet fühlen, die auf sie zukommen.
Der Roman wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:
Als Taschenbuch für 8,99 Euro mit ISBN Nr. 978-3-7450-3356-4
Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7450-3624-4

Das vorliegende Kapitel 2 umfasst im Buch 21 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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