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Licht und Schatten Kapitel 7

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Aus Kapitel 7 Überfall, Teil 2

Mittwoch informierte der IT-Spezialist Timo und seine Mitarbeiter, die Fangschaltung in dem alten, noch mit dem Internet verbundenen Testrechner habe zugeschlagen und einen Server in Russland genannt. Das sei aber nicht der Spion, sondern bei weiterem Nachforschen habe man wie vermutet eine Adresse in China herausgefunden, an die man aber nicht heran komme, weil sie passwortgeschützt sei. Um die richtigen Daten im neuen Testrechner zu schützen, werde man die alten Rechner weiter mit Fakes füttern und am Internet lassen. Timo freute sich, dass er durch die Aufmerksamkeit seiner Frau diese Lücke entdeckt hatte.

Nachmittags erhielt Theresa Molar einen Anruf vom Krankenhaus, ihr Mann sei aus dem Koma erwacht, leide aber unter einer schweren Amnesie und habe keinerlei Erinnerung, weder an den Überfall noch an sein bisheriges Leben. Er wisse überhaupt nicht, wer er sei. Wahrscheinlich habe der starke Blutverlust zu einer Schädigung von Gehirnzellen geführt. Nach der Arbeit besuchte sie ihn und stellte fest, dass er sie überhaupt nicht erkannte. Der Arzt tröstete sie: Da ihr Mann noch eine ganze Weile im Krankenhaus bleiben müsse, sei das im Moment nicht so schlimm, ein Neurologe würde die Behandlung begleiten. Sie rief bei Oma Susanne an, wo sie ihre Tochter wusste und berichtete weinend über den Befund. „Lass' uns abwarten", antwortete Evamaria, „solche Schäden bessern sich mit viel Mühe meist nach einer gewissen Zeit." Auf die Information, der Retter und seine Frau kämen am Sonntag zum Kaffee, versprach sie zu kommen.

Nachmittags fuhr Timo wieder mit den beiden in die eigene Wohnung, wo Evamaria in der Haushaltsführung immer selbstständiger wurde. Diesen Ablauf wiederholten sie auch bis Freitag und fanden auch wieder innig zusammen. Auch Theresa besuchte ihren Mann jeden Tag in der Klinik, konnte aber keine Besserung feststellen. Samstag früh sagte Evamaria, sie wolle selbst kochen und gab Timo einen Einkaufszettel, was er besorgen solle. Als er weg war, setzte sie die Waschmaschine in Gang und ließ sich von Marcus das Aufgabenheft zeigen. Am Nachmittag war er bei Ronja verabredet. Als Timo mit den Einkäufen nach Hause kam, bereitete Evamaria Lachs in Weißwein mit vielen vorgedünsteten Zwiebeln, dazu gab es Reis und als Nachtisch Rote Grütze. Marcus bekam statt der Weißweinsoße eine aus Orangensaft. „Jetzt bin ich wieder angekommen, das Kochen hat mir einen Mordsspaß gemacht", schwärmte die Mutter von ihrer Arbeit. „Allerdings muss ich mich jetzt langlegen, die Tätigkeit hat mich etwas ermüdet." „Herzlichen Dank, es hat ausgezeichnet geschmeckt. Den Abwasch mache ich jetzt mit Marcus und du schlaf' gut", antwortete Timo.

Sonntagvormittag besuchten die drei Opa Manuel im Krankenhaus. Körperlich schien es ihm gut zu gehen, aber er erkannte sie nicht und fragte wer sie seien. Auf Evamarias Gegenfrage, wer er denn sei, sagte er, das wisse er nicht, er könne sich an nichts erinnern. Traurig strich ihm die Tochter über den Kopf, dann kam ihr eine Idee. Sie hatte gelesen, dass man Gedächtnisverluste bessern kann, wenn man den Patienten zu bestimmten eindrucksvollen Situationen zurückführt, die sich ihm eingeprägt haben müssten. Deshalb erzählte sie ihm ein Erlebnis aus ihrer Jugend, an dem sie beide intensiv beteiligt waren:

„Du stehst hinter dem Fenster und siehst draußen ein Mädchen und einen Mann. Was tun sie?" „Moment mal", sagte Manuel langsam, „das ist ja schlimm! Der Mann will das Mädchen in ein Auto zerren und da sehe ich, dass es unsere Tochter Evamaria ist. Ich laufe raus und schlage den Mann nieder, das Kind ist gerettet. Wo ist es denn jetzt?" Evamaria schwieg einen Moment, weil sie so bewegt war, dann antwortete sie langsam: „Ich bin Evamaria und sitze neben dir." Fragend schaute Manuel sie an, dann sagte er zweifelnd: „Aber du siehst ja ganz anders aus." „Ja, seitdem sind viele Jahre vergangen und ich bin eine erwachsene Frau geworden, neben mir sitzt mein Sohn Marcus", antwortete Evamaria langsam. „Das muss ich erst mal verarbeiten", sagte Manuel nachdenklich, „und warum liege ich hier im Bett?" „Weil du einen Unfall hattest", antwortete Evamaria vorsichtig, sie wollte den alten Herrn nicht überfordern. Die Besucher saßen eine Weile und sahen, wie es in dem alten Herrn arbeitete. Marcus hielt das stille Warten nicht mehr aus und fragte mit seiner hellen Stimme: „Wird Opa wieder gesund?" Da lief ein Lächeln über das Gesicht des Patienten. „Die Stimme kenne ich", rief er, „das ist mein Enkel Marcus!" „Ja, das ist er und ich bin seine Mutter, deine Stieftochter Evamaria", antwortete die Mutter glücklich. „Dich erkenne ich noch nicht, in meinem Kopf ist alles so durcheinander", klagte Manuel. „Denk' nur weiter an das Mädchen, das du gerettet hast, und deinen Enkel, dann wird alles gut", sagte Evamaria und verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Wange.

„Du bist eine Zauberin", lobte Timo seine Frau, doch sie sagte nur: „Ich habe mal etwas über diese Methode gelesen und freue mich, dass es geklappt hat. Jetzt muss er das erst mal verinnerlichen und hoffentlich gewinnt er im Laufe der Zeit weitere Erinnerungen aus seinem Leben, wir müssen es einfach abwarten. Aber ich wollte ihn nicht überfordern." Telefonisch informierte Evamaria ihre Mutter über den Erfolg, dann fuhren sie zu Timos Eltern, die sie zum Essen eingeladen hatten. Evamarias Bericht über Manuel stimmten die Eltern hoffnungsvoll. „Meinst du, sein Gedächtnis kommt wieder?", fragte Susanne, doch Evamaria konnte nur sagen, dass sie es hoffe.

Am Nachmittag fuhren die drei zu Oma Theresa und bald kamen Hakan Koçak und seine Frau Nursel. zum Kaffee. Die beiden machten einen modernen Eindruck, ihr Alter entsprach etwa den Clausens und sie waren flott gekleidet. Der Mann trug Jeans mit einem bunten Pulli und keinerlei Bart, die Frau ein knielanges buntes Kleid und kein Kopftuch über ihren langen Haaren. Sie war dezent geschminkt und überreichte der Gastgeberin einen Strauß Gladiolen. Beide sprachen fließend Deutsch und begrüßten die Clausens recht unbefangen. Evamaria dankte dem Mann, dass er ihren Stiefvater gerettet hatte, doch er wiegelte ab, das sei doch seine selbstverständliche Pflicht gewesen. Dann erkundigte er sich nach seinem Zustand, worauf Evamaria ihren Erfolg bei dem Wiederaufbau seines Gedächtnisses berichteten.

Oma Theresa hatte einen Himbeerkuchen gebacken, dem die Gäste gerne zusprachen. Beim Essen fragte Timo den Gast, was er beruflich mache und er antwortete, er sei bei Daimler als Vorarbeiter in der Fertigung beschäftigt. Er habe nach der Realschule dort gelernt und mache jetzt neben der Arbeit einen Meisterkurs. Als Evamaria die Frau ansah, berichtete sie, sie habe eine dreijährige Lehre als Floristin gemacht und sei seit einigen Jahren für ein Blumengeschäft im Hauptbahnhof verantwortlich. Wie sie denn aufgewachsen seien, wollte Timo wissen und bekam einen Verweis von Theresa, er solle nicht so neugierig sein. Doch Hakan Koçak sagte, sie hätten nichts zu verbergen. Wie ihre beiden Eltern seien sie in Deutschland geboren worden, hätten sich aber im Gegensatz zu ihnen, die noch sehr an ihrer Herkunft hingen, intensiv für das deutsche Leben interessiert. „Mit 18 haben wir uns einbürgern lassen und mussten den türkischen Pass abgeben." Nursel fügte hinzu: „Zum Glück haben die Eltern uns offen erzogen, so dass wir mit den Deutschen nie Schwierigkeiten hatten. Meine Mutter trägt zwar noch das Kopftuch, aber die Eltern haben mir vertraut und Freiheit gelassen. Trotzdem habe ich Hakan als Mann gewählt, weil seine Lebensart mir vertrauter war." „Und meine Eltern haben Wert darauf gelegt, dass ich die Realschule besuchte und dann eine Lehre machte", erklärte Hakan.

„Haben Sie Kinder" wollte Evamaria wissen und Nursel antwortete: „Nein, bisher noch nicht. Wir wollten uns erst eine Existenz aufbauen, aber jetzt denken wir allmählich darüber nach." „Ich kann Ihnen nur dazu raten", schwärmte Evamaria, „Mutter zu sein ist schwierig aber wunderschön." Timo bat Hakan, etwas über den Überfall im Supermarkt zu erzählen, sie hätten bisher nur etwas aus zweiter Hand gehört. Bereitwillig schilderte der junge Mann den Ablauf: „Ich war gerade mit meinem Einkauf auf dem Weg zur Kasse, da habe ich den Jungen gesehen, wie er die Kassiererin bedrohte. Ich wollte eingreifen, aber bevor ich da war, ist der Filialleiter auf den Verbrecher losgegangen und der hat ihm das Messer in den Leib gestoßen. Darauf habe ich meine Sachen auf das Band geworfen und ihn von hinten umfasst, so dass er sich nicht bewegen konnte. Zum Glück hatte eine Kassiererin die Polizei alarmiert, die den Mann festnahm, die Stichwunde bedeckte und den Notarzt rief. Dann suchte ich meine Einkäufe zusammen, erstattete der Polizei Bericht, zahlte und ging nach Hause. Eigentlich habe ich gar nichts Besonderes getan und bin sicherlich kein Held."

„Was tun Sie beruflich?", fragte Nursel die Eltern und sie berichteten ihre Tätigkeit. „Also auch Daimler" lachte Hakan, „die Hälfte meiner Bekannten hat dort einen Job. Es ist eine gute Arbeit, sie zahlen ganz ordentlich, und wir haben sogar einen Pensionsanspruch, das hat allerdings noch viel Zeit." „Entwerfen Sie wirklich Damenkleider?", fragte Nursel Evamaria, als die ihre Tätigkeit genannt hatte, und fand es aufregend. „Schauen Sie, das ist ganz einfach", lachte Evamaria und zeichnete mit ein paar Strichen ein flottes Kleid auf ein Stück Papier, worauf die Frau begeistert applaudierte.

„Ich habe noch eine Frage", fuhr Evamaria fort. „Können Sie Ihren Glauben als Muslime hier in Deutschland frei und unbehindert leben?" Hakan sah seine Frau an, damit sie die Antwort übernehme. „Ja, das können wir, allerdings sind wir keine fanatischen Muslime. Die Gebete am Tag sind an unserem Arbeitsstellen nicht möglich, wir brauchen sie auch nicht Wenn wir Zeit haben, besuchen wir am Freitagabend die Moschee, aber mich stört, dass ich nicht neben meinem Mann beten darf. Nach Mekka würden wir nie reisen, denn in unseren Augen ist der Hadsch nur eine Veranstaltung, die den Saudis Geld in die Kasse spült. Und den Ramadan können wir uns nicht leisten, denn wir haben zu arbeiten und brauchen Kraft dafür, müssen also tagsüber etwas essen. Das Fastenbrechen feiern wir allerdings mit unseren Freunden."

Evamaria dankte für die Information, aber Timo war noch nicht zufrieden. „Wie weit beeinflusst der Koran denn allgemein Ihr Leben?", wollte er wissen. „Ich denke, ebenso intensiv, wie die Bibel die meisten Christen hier beeinflusst, nämlich so gut wie gar nicht.", lachte Hakan. „Was ein arabischer Händler vor 1.400 Jahren an Eingebungen hatte, ist doch größtenteils für unser heutiges Leben uninteressant. Sicherlich ist manches wertvoll und wir halten uns daran, ähnlich wie Sie sich an die zehn Gebote, aber das gilt nur für uns beide. Viele Muslime glauben noch heute, dass jedes Wort direkt von Allah gekommen und deshalb nicht hinterfragt werden darf. Wir wurden als Kinder in der Moschee vom Imam mit einem Stock geschlagen und unsere Eltern haben das ausdrücklich erlaubt, man erzog uns zu Islamisten und türkischen Nationalisten. Wir lernten, Juden und Christen zu hassen, deutsche Freunde waren verpönt, die Imame lehrten uns, dass wir Allah und die Hölle zu fürchten hätten, wenn wir uns mit ihnen einließen. Zum Glück fanden wir aus dieser religiösen Enge heraus und freuen uns, dass ein aufgeklärter Islam immer mehr Anhänger gewinnt. Wir haben einen Kreis Gleichgesinnter gefunden, auf den wir einige Hoffnung setzen. Unseren Eltern dürfen wir leider noch nicht mit diesen Ideen kommen." Auch Timo dankte für diese Information und die Gäste verabschiedeten sich höflich, sie wollten Frau Molar nicht länger zur Last fallen. Timo tauschte noch schnell die Adressen mit ihnen.

„Die beiden haben meine Einstellung zu Ausländern noch mehr verändert", sagte Theresa, „ich muss da wohl stärker differenzieren." „Nein, es ist eine grundsätzliche Einstellung, die du überprüfen solltest", warf Evamaria ein. „Ausländer sind Menschen wie wir, die einfach nur vernünftig leben wollen. Deshalb sind vor fünfzig Jahren die ersten anatolischen Bauern aus der Türkei zu uns gekommen, um hier unter besseren Bedingungen zu arbeiten, als zu Hause, und sind hier geblieben. Weil unsere Regierung nichts von Einwanderung wissen wollte und irrtümlich meinte, die Türken würden nach einer Weile wieder gehen, wurden sie nicht integriert, haben in Ghettos gelebt und die Türkei hat ihre Imane geschickt. Ihre Kinder waren schon viel offener, sie mussten hier zur Schule gehen und lernten Deutsch. Und die Koçaks sind schon die dritte Generation, man kann sie von uns kaum noch unterscheiden. Ende des neunzehnten Jahrhunderts war es mit den polnischen Bergleuten im Ruhrgebiet ebenso, allerdings gab es keinen Religionsunterschied. Für die muslimischen Flüchtlinge, die aus Krieg und Not zu uns kommen, gilt dasselbe, man muss sie vor allem bei der Integration unterstützen und ihnen Zeit lassen. Auch sie gehören einer anderen Religion an und sicherlich sind einige fanatische Muslime dabei, aber deshalb dürfen wir nicht den gesamten Islam verteufeln, sondern müssen ihnen Gelegenheit geben, ihren Glauben zu leben." „Da muss ich wohl noch eine ganze Menge lernen", sagte Theresa leise, „vielen Dank für Deine Aufklärung." Danach verabschiedete sich die Familie und fuhr in ihre Wohnung, wo sie nach dem Abendessen bald schlafen gingen.

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© Copyright 2017 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Licht und Schatten" beschreibt auf 192 Seiten die entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die zu einer erfüllten Ehe führt, bis ein Seitensprung des Mannes die Harmonie zerstört. Erst eine Reihe schwerwiegender Ereignisse bringt die Frau dazu, die eigene verschüttete Liebe auszugraben und den gekränkten Stolz zu überwinden, bis sie feststellen muss, dass sie auch fehlbar ist. Überrascht begreifen beide Partner, dass diese Turbulenzen ihre liebevolle Gemeinschaft gefestigt haben, so dass sie sich für die neuen Anforderungen gewappnet fühlen, die auf sie zukommen.

Der Roman wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:
Als Taschenbuch für 8,99 Euro mit ISBN Nr. 978-3-7450-3356-4
Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7450-3624-4

Das vorliegende Kapitel 7 umfasst im Buch 14 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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