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Licht und Schatten Kapitel 7

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Aus Kapitel 7 Überfall, Teil 1

Gegen 10 Uhr rief Theresa Molar aufgeregt bei Oma Susanne an, ob Evamaria bei ihr sei, sie könne sie nirgends erreichen. Als sie hörte, dass die Tochter in der Klinik behandelt werde, berichtete sie, ihr Mann sei im Supermarkt überfallen worden und ringe jetzt im Krankenhaus mit dem Tode. Sie sitze dort und warte auf das Ergebnis der Operation. Susanne rief ihren Sohn an und bat ihn, sich um die Schwiegermutter zu kümmern, die habe ja sonst niemanden. Timo ließ die Arbeit liegen und fuhr ins Krankenhaus, wo er die völlig aufgelöste Theresa fand. Manuel sei in seinem Supermarkt überfallen und lebensgefährlich verletzt worden. Er werde schon seit über einer Stunde operiert, berichtete sie und schimpfte: „Bestimmt war das wieder so ein dreckiger Ausländer!" Timo sagte nichts dazu und überlegte, wie es jetzt mit Theresa weiter gehen könnte. Selbst wenn Ihr Mann am Leben bliebe, wäre sie für lange Zeit alleine. Sollten sie sie zu sich in die Wohnung nehmen. Große Lust hatte er nicht, diese bigotte Frau ständig um sich zu haben und natürlich musste er das vor allem mit Evemie besprechen.

Während sie auf das Ergebnis der Operation warteten, kamen zwei Polizisten, die sich nach dem Zustand des Verletzten erkundigten. Dabei erzählten sie, Herr Molar sei in seinem Geschäft auf einen Mann losgegangen, der mit einem Messer von einer Kassiererin Geld erpressen wollte und der Verbrecher habe ihm das Messer in den Leib gestoßen. Ein türkischstämmiger Deutscher habe den Verbrecher niedergeschlagen, so dass er von Herrn Molar abließ und ihn festgehalten, bis die Polizei kam. Der Notarzt habe noch am Ort die starke Blutung zunächst stoppen können. Der Verbrecher sei ein sechzehnjähriger Deutscher aus gestörten Familienverhältnissen, der in einer betreuten Wohneinrichtung lebe und schon mehrfach aufgefallen sei. Timo konnte die Bemerkung nicht zurückhalten: „Also war der Täter ein guter Deutscher Junge, und ein ‚dreckiger Ausländer', wie du zu sagen pflegst, hat deinen Mann gerettet", worauf die Schwiegermutter ihn zornig anblitzte. Die Polizisten baten die Frau, sie möglichst bald zu informieren, wenn sie Näheres über den Zustand ihres Mannes wisse.

Nach einer Stunde erschien ein Arzt und berichtete, der Stich habe eine Ader im Leib verletzt, wodurch viel Blut in den Bauchraum geflossen sei. Nur die sofortige Operation mit Verschluss der Ader habe sein Leben gerettet und mit vielen Blutkonserven hätten sie den Patienten wieder aufgebaut. Er sei noch bewusstlos und sie könnten nicht sagen, wie weit der große Blutverlust sein Gehirn dauerhaft geschädigt habe und ob er überhaupt wieder aufwachen werde. Weinend fiel die Schwiegermutter Timo um den Hals und er versuchte sie zu trösten, indem er ihr Mut zusprach, es sei doch noch alles offen. Weil sie den Patienten in der Intensivstation nicht besuchen durften, rief Timo seine Mutter an, Oma Theresa sei im Augenblick nicht zur Arbeit fähig, ob er sie erst mal zu ihr bringen dürfe, damit sie in ihrer Wohnung nicht alleine sei. Dort könne sie ja auch bald ihre Tochter treffen. Als Oma Susanne einverstanden war, brachte er sie zu ihr und fuhr gleich weiter zur Arbeit.

Bald danach kam Evamaria von der Reha-Klinik zurück und hörte entsetzt den Bericht ihrer Mutter über den Überfall auf Manuel und seinen Zustand. Oma Susanne hatte das Mittagessen bereitet und beim Essen sprachen sie über das Geschehene. „Wenn ich daran denke, dass ein Türke Manuel vor dem Verbrecher gerettet hat, muss ich wohl meine Einstellung zu Ausländern ein wenig korrigieren", sagte Theresa leise und ihre Tochter antwortete: „Ich würde mich darüber freuen. Sicherlich gibt es auch unter Ausländern Verbrecher, aber bestimmt nicht mehr als unter Deutschen. Pauschalurteile sind niemals hilfreich." „Ja, hoffentlich hat der Eingriff Manuel gerettet, denn der Arzt konnte noch nicht sagen, ob er überhaupt wieder wird", erwiderte Theresa. Nachmittags rief sie das Krankenhaus an und erfuhr, man habe das Koma des Patienten stabilisiert, weil er das Bewusstsein noch nicht wieder erlangt habe. Das würde mindestens bis morgen andauern. Kurz danach kam auch Marcus aus der Schule und brachte seine Freundin Ronja mit.

„Kannst du es denn ohne Manuel in deiner Wohnung aushalten?", fragte Evamaria besorgt ihre Mutter. „Ich denke schon, ich habe ja keine andere Möglichkeit", war die Antwort. „Morgen gehe ich wieder zur Arbeit, und wenn mir abends die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich ins Kino. Du wirst ja noch täglich behandelt, sonst könntest du mich besuchen." „Aber ich bin doch abends frei", warf Evamaria ein, „Wenn Timo mich heute nach der Arbeit zu dir bringt, bleibe ich über Nacht bei dir und du bist nicht so alleine. Ich muss nur in der Klinik Bescheid sagen, dass sie mich morgen früh bei dir abholen." „Das willst du wirklich auf dich nehmen?" fragte Theresa erstaunt und Evamaria antwortete: „Du bist doch meine Mutter und hast mich als Kind umsorgt, bis ich eine selbstständige Frau geworden bin. Jetzt will ich dich ein wenig umsorgen, ich brauche nur etwas Hilfe im Bad, weil ich mit den Schienen nicht so beweglich bin." „Wird denn dein Mann damit einverstanden sein?" wollte die Mutter wissen und Evamaria antwortete, da sei sie ganz sicher.

Sie hatte Recht, als Timo nach Hause kam, sagte er seiner Frau, wie leid ihm der Überfall auf Manuel tue, dann erklärte er sich sofort einverstanden, sie und Oma Theresa nach dem Abendessen in deren Wohnung zu bringen, er würde dann mit Marcus in die eigene Wohnung fahren. Sie müsse nur der Reha melden, wo sie morgen früh abzuholen sei. Zum Essen war es bald Zeit und dann brachte Timo die beiden Frauen zu Thereses Wohnung und fuhr mit Marcus in die eigene. Der Junge wollte wissen, was mit Opa Manuel geschehen war und Timo berichtete ihm alles, was er wusste. „Da hat also der Opa die Kassiererin gerettet und ist dann selbst erstochen worden", versuchte der Junge, das Geschehen zu begreifen. „Ja, er hat die Kassiererin gerettet und der Verbrecher hat auf ihn eingestochen, aber er lebt und wird hoffentlich wieder gesund", erklärte Timo, „und wir sollten nicht vergessen, dass ein Mann mit türkischen Eltern ihn gerettet und den Verbrecher festgehalten hat." „Ja, Türken sind nett, wir haben auch zwei türkische Jungen in der Klasse, die müssen jeden Mittag beten", fügte der Junge hinzu, bevor der Vater ihm die Bettgeschichte vorlas.

Nachdem Theresa das Bett im Schlafzimmer frisch bezogen und die Tochter ihre Kosmetik im Bad deponiert hatte, saßen die beiden Frauen bei einem Glas Wein zusammen. „Ich kann es noch immer nicht begreifen, dass ausgerechnet ein Türke Vati gerettet hat", meinte die Mutter nachdenklich. Evamaria biss sich auf die Zunge, um eine scharfe Antwort zu vermeiden, sie wollte ihre Mutter jetzt nicht kränken. „Vielleicht sind doch nicht alle Ausländer schlecht, sieh mal: die ersten Türken sind schon vor fünfzig Jahren nach Deutschland gekommen, um unsere Wirtschaft zu entwickeln, und die meisten haben sich gut integriert, viele sind sogar eingebürgert. Ähnlich wird es mit den Flüchtlingen werden, die im letzten Jahr gekommen sind. Ganz eindeutig werden von diesen Ausländern nicht mehr Straftaten begangen als von Deutschen, und der Verbrecher in Vatis Supermarkt war ein deutscher Junge aus schlechten Verhältnissen. Gerade im Islam kümmern die Eltern sich viel intensiver um ihre Kinder. Dabei gibt es leider auch Übertreibungen wie die strenge Haltung gegenüber Mädchen, aber das ist nicht schlimmer als alkohol- oder drogensüchtige Eltern deutscher Kinder."

„Du hast in vieler Beziehung Recht, aber können wir denn diesen Islam hier bei uns dulden? Wir sind doch ein christliches Volk", warf die Mutter ein. „Denk' doch mal daran, wieviel Unheil die christliche Kirche - und speziell die katholische - in den vergangenen Jahrhunderten angerichtet hat mit der Inquisition und den Glaubenskriegen gegen die Protestanten", antwortete Evamaria. „Dagegen ist hier in Deutschland der Islam fast eine moralische Veranstaltung. Natürlich gibt es Fanatiker wie den IS, aber wir dürfen nicht vergessen, dass diese Religion 600 Jahre jünger ist als das Christentum und jetzt gerade da steht, wo es bei uns die Glaubenskriege gab. Sie braucht einfach Zeit zur Entwicklung, aber weil wir so viele Muslime in unserem Land haben, müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, ihren Glauben zu leben. Das steht schon im Grundgesetz." „Ich glaube, ich habe mich viel zu sehr von den alten Frauen in meiner Gemeinde einwickeln lassen, ich muss mehr selber denken.", sagte Theresa, „jetzt gehen wir erst mal schlafen."

„Vorher habe ich noch eine etwas kritische Frage, die mir wichtig ist, wenn es dir aber peinlich ist, musst du nicht antworten", wandte Evamaria ein. Als die Mutter sie aufmerksam anblickte, fuhr sie fort: „Du hast Timo für seinen Fehltritt noch strenger verurteilt als ich und mich so stark beeinflusst, dass ich unsere Liebe verdrängt habe und mich scheiden lassen wollte. Bei Marcus` Schuleinführung hast du dich über unseren Kuss gewundert und gesagt, nachdem du dich von Vati wegen eines Fehltritts getrennt hast, sei Manuel dir immer treu gewesen. Stimmt das wirklich? Ich habe da eine vage Erinnerung, als ich vierzehn war."

Theresa wurde rot und sagte eine Weile nichts, bis sie sich zur Antwort überwand: „Deine Erinnerung ist richtig und ich will ehrlich sein: Ja, auch Manuel hatte eine Weile neben unserer Ehe eine Affäre, ausgerechnet mit meiner besten Freundin. Ich hatte das ja schon mit deinem Vater erlebt, ihn dafür verachtet und mich von ihm scheiden lassen, obwohl meine Kirche das verbietet. Deshalb durfte ich Manuel nicht kirchlich heiraten und war von der Eucharistie ausgeschlossen. Jetzt wurde mir klar, dass wohl die weitaus meisten Männer so veranlagt sind, deshalb war ich zu stolz, um mich schon wieder von einem Mann zu trennen und als Versagerin dazustehen. Aber ich habe mich so vor ihm geekelt, dass ich lange Zeit nicht mit ihm schlafen konnte. Deshalb brauchten wir auch keine Verhütung, du erinnerst dich vielleicht an deine Worte, nachdem Timo bei dir übernachtet hatte. Danach habe ich ihm dann verziehen und wir sind wieder zueinander gekommen. Natürlich habe ich nach deiner Geburt und dann auch wieder die Pille genommen, obwohl die Kirche es verbietet." „Ich bin dir dankbar für deine Ehrlichkeit und freue mich vor allem, dass ihr wieder zueinander gefunden habt, denn ich habe euch beide sehr lieb. Jetzt können wir nur hoffen, dass Manuel wieder ganz gesund wird und dir noch lange erhalten bleibt", sagte Evamaria gerührt und umarmte die Mutter. Die half ihrer Tochter im Bad, dann gingen die beiden Frauen ins Bett und waren bald eingeschlafen.

Beim Frühstück am nächsten Morgen meinte Evamaria: „Solltest du dich vielleicht bei dem Türken bedanken, der Vati gerettet hat?" „Daran habe ich auch schon gedacht, ich weiß nur nicht, wie ich an ihn heran komme", antwortete die Mutter. „Ich denke, die Polizei wird ihn kennen, fahr' einfach vorbei und frag' nach ihm. Vielleicht sollten wir ihn und seine Frau mal zum Essen einladen, falls er verheiratet ist." „Das ist eine gute Idee, ich werde mich drum kümmern", versprach die Mutter. Bei der Klinik fragte sie telefonisch nach Manuels Zustand und erfuhr, es gebe noch nichts Neues. Nachdem Evamaria zur Reha abgeholt wurde, fuhr Theresa auf dem Weg zur Arbeit bei der Polizei vorbei, um die Daten des Türken zu erfragen.

Als Evamaria von der Reha zurück war, aß sie mit Oma Susanne Mittag und berichtete über das Gespräch mit ihrer Mutter. Auch Manuels zurück liegende Affäre erwähnte sie kurz, worauf Susanne lachend meinte: „Ich habe es ihr angesehen, als sie ihn so vehement verteidigte. Es gibt kaum einen Mann, der nicht gelegentlich neben der Ehe eine kurze Abwechslung braucht, und die Hälfte aller Ehefrauen tut es inzwischen auch." „Sprichst du aus Erfahrung?", fragte Evamaria erstaunt. „Nein, unsere Generation war da noch anders", antwortete die Schwiegermutter, „aber Gelegenheiten hätte ich auch gehabt, ohne sie zu nutzen. Vielleicht tut mir das heute sogar leid, aber nun ist es zu spät. Und auch Götz kennt schon seit Jahrzehnten nur noch mich." Evamaria erzählte von der alten Dame, die sie im Krankenhaus besucht hatte, und ihrer Aussage, solche Affären müssten die Liebe nicht unbedingt beschädigen, worauf Susanne zustimmte. „Obwohl Götz sich mehrfach außerhäuslich betätigt hat, wusste ich immer, dass er mich am meisten liebt und nie verlassen würde." „Ich hoffe nur, dass ich stark genug bin, um ‚nein' zu sagen, wenn sich mir eine derartige Gelegenheit bietet, neulich war ich kurz davor", fügte Evamaria leise hinzu. „Solange du stark genug bist, deine Liebe zu Timo dabei nicht zu verlieren, solltest du nicht unbedingt ‚nein' sagen, denn es könnte sein, dass dir dabei ein hinreißendes Erlebnis entgehen würde", erwiderte die Schwiegermutter lächelnd.

Oma Theresa meldete sich, sie habe Namen und Adresse des Mannes bekommen, der Manuel gerettet hatte, es sei ein Deutscher mit türkischen Eltern, was sie damit anfangen solle. Evamaria schlug vor, sie solle mit dem Mann Kontakt aufnehmen und ihn und evtl. seine Frau am kommenden Sonntag zum Kaffee einladen. Sie würde auf jeden Fall dazu kommen, und wenn sie wolle, könne auch Timo dabei sein. Theresa wollte das erledigen. Nachdem Timo nach der Arbeit Kaffee getrunken hatte, fuhr er mit Frau und Sohn in die eigene Wohnung. Evamaria ließ es sich nicht nehmen, das Abendessen zu bereiten und Marcus ins Bett zu bringen. Als die Eltern danach bei einem Glas Wein zusammen saßen, erzählte Evamaria auch ihrem Mann das Gespräch mit ihrer Mutter und Timo meinte lachend: „Da hat sie also gar kein Recht gehabt, meinen Fehltritt so vehement abzulehnen." Dann gingen die beiden ins Bett und wiederholten das zärtliche Miteinander vom Sonntagabend.

Wie es in diesem Kapitel weitergeht, erfahren Sie in der nächsten Folge.

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© Copyright 2017 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Licht und Schatten" beschreibt auf 192 Seiten die entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die zu einer erfüllten Ehe führt, bis ein Seitensprung des Mannes die Harmonie zerstört. Erst eine Reihe schwerwiegender Ereignisse bringt die Frau dazu, die eigene verschüttete Liebe auszugraben und den gekränkten Stolz zu überwinden, bis sie feststellen muss, dass sie auch fehlbar ist. Überrascht begreifen beide Partner, dass diese Turbulenzen ihre liebevolle Gemeinschaft gefestigt haben, so dass sie sich für die neuen Anforderungen gewappnet fühlen, die auf sie zukommen.

Der Roman wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:
Als Taschenbuch für 8,99 Euro mit ISBN Nr. 978-3-7450-3356-4
Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7450-3624-4

Das vorliegende Kapitel 7 umfasst im Buch 14 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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