BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Ernst-Günther Tietze Headshot

Licht und Schatten Kapitel 5

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Aus Kapitel 5 Chance, Teil 2

Montag früh meldete Timo sich beim Direktor, der mit ihm zum Batterieprüffeld ging und ihn den Mitarbeitern dort als neuen Abteilungsleiter vorstellte. Einer der Männer hielt ihm mit einer Präsentation einen Einführungsvortrag: „Die gängigen Batterien für E-Autos besitzen eine durchschnittliche Energiedichte von 150 Wattstunden pro Kilogramm, Superbenzin ist 85 mal effektiver. Das macht die Entwicklung neuer Batterietechnologien dringen nötig. Eine Reihe von Prototypen wird in unserem Prüffeld getestet. Lithium-Ionen-Akkus beherrschen derzeit trotz aller Defizite den Speichermarkt: Mit schnelleren Ladezeiten, und höherer Leistungsdichte lässt sich möglicherweise ihre Anwendung verbessern. Denn während diese Batterien für Handys und Digitalkameras, die wenig Leistung brauchen, klein genug sind, müssen E-Autos noch mit ihnen vollgestopft werden, um akzeptable Reichweiten zu bekommen.

Unter Forschern hat längst der Kampf um die nächste Akku-Generation begonnen, leider ohne signifikante Erfolge, denn ohne Lithiumverbindungen gibt es zurzeit noch nichts. Eine österreichische Firma verspricht leichtere und kleinere Batteriepakete. Ein deutscher Hersteller kündigt Zellen mit einer nicht leitfähigen Kühlflüssigkeit an, die doppelte Ladekapazität und geringeres Gewicht haben soll. Ein Labor in den USA entwickelt angeblich eine Feststoffbatterie mit einer Anode aus massivem Lithium, die höhere Kapazität und Reichweite aufweisen soll, doch leider existieren nirgends Prototypen, die wir prüfen können. Zurzeit werden nur die herkömmlichen Lithium-Ionen-Akkus weiter entwickelt, ihre Reichweite soll sich in acht Jahren zum selben Preis verdoppeln. Sobald wir Neuentwicklungen bekommen, durchlaufen sie in unserem Labor umfangreiche Prüfzyklen. Wir freuen uns darauf, mit Ihnen wieder einen entscheidungsfähigen und wie wir gehört haben, kompetenten Vorgesetzten zu bekommen."

Timo dankte dem Mann und sagte, dass er sich freue, mit diesen fähigen Mitarbeitern zusammen arbeiten zu dürfen. Da er überhaupt nicht wusste, wie die Probeexemplare getestet werden, ließ er sich, nachdem die Chefs gegangen waren, im Labor die Versuchsanordnung erklären, mit der die einzelnen Objekte auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Er hatte nicht gedacht, wie viele Parameter zu einem Prüfzyklus gehören. Als nächstes sah er die Testreihen und Ergebnisse an, die penibel in Listen festgehalten wurden. Das ernüchternde Ergebnis zeigte, dass abgesehen von vielversprechenden Ideen noch keine der geplanten oder im Versuchsstadium befindlichen Neuentwicklungen wesentliche Vorteile gegenüber den aktuellen Lithium-Ionen-Batterien bot. „Da liegt ja noch viel Arbeit vor uns", sagte er enttäuscht und seine Mitarbeiter bestätigten diese Einstellung.

Das Gesehene spukte noch in seinem Kopf, als er Marcus von Oma Susanne abholte und mit ihm zur Reha-Klinik fuhr. Seiner Frau fiel seine geistige Abwesenheit auf und sie fragte nach dem Grund, da berichtete er von der zurzeit noch enttäuschenden Entwicklung auf dem Batteriemarkt, die eine erfolgreiche Elektromobilisierung in weite Ferne schob. „Ich bin sicher, dass du als Leiter des Prüffeldes die Angelegenheit positiv beeinflussen kannst", gab Evemie ihm etwas Hoffnung, worauf er sich von seinen trüben Gedanken vorerst verabschiedete und sich seiner Familie widmen konnte. Evemie konnte wieder das Bett verlassen und spazierte mit ihren beiden Männern durch den Garten der Klinik. „Freut euch", sagte sie strahlend, „das ganze nächste Wochenende bekomme ich Urlaub. Du kannst mich Freitagabend abholen und musst mich erst Sonntag wieder abliefern." „Das müssen wir feiern", rief Marcus und Timo stimmte ihm zu. „Der Spaziergang hat mich so müde gemacht, dass ich gleich nach dem Abendbrot schlafen werde", sagte Evemie, als sie wieder im Krankenzimmer waren und sah Timo bedauernd an. Der verstand daraus, dass er abends nicht kommen sollte.

Kurz nach 5 Uhr morgens hörte Timo seinen Sohn schwer husten und ging zu ihm. „Ich habe Halsschmerzen und der Kopf tut auch weh", klagte der Junge. Als Timo ihn in den Mund schaute, bekam er einen Schreck. Rachen und Mandeln waren dunkelrot und die Zunge hatte einen weißlichen Belag. Das Thermometer zeigte 39,7 Grad. Weil er einen Verdacht hatte, zog er den Jungen aus und sah seine Befürchtung bestätigt: ein samtiger, feinfleckiger Ausschlag hatte sich auf dem Körper ausgebreitet, das bedeutete Scharlach!

Jetzt war guter Rat teuer. Der Junge musste möglichst bald zum Arzt und brauchte Betreuung. Er selbst konnte nicht schon am zweiten Tag seines neuen Jobs der Arbeit fernbleiben, da blieb nur seine Mutter. Weil er sie so früh nicht anrufen wollte, machte er dem Jungen zunächst einen Wadenwickel, um das Fieber zu reduzieren und fragte, ob er etwas essen wollte, doch Marcus hatte in seinem Zustand keinen Appetit. So frühstückte Timo schnell selbst und rief um 7 Uhr seine Mutter an. Die beruhigte ihn: „Das ist nicht weiter schlimm, bring' den Jungen zu mir, ich kümmere mich um den Arzt und versorge ihn. Bringe noch etwas mehr Nachtwäsche für ihn mit, damit ich sie wechseln kann." Dankbar zog Timo seinen Sohn an, der alles ziemlich apathisch mit sich geschehen ließ, und fuhr ihn zur Oma. Die hatte schon das Bett im früheren Zimmer der Tochter gerichtet, das jetzt als Gästezimmer diente.
Mit einem Kuss auf die Stirn seiner Mutter verabschiedete sich Timo, strich dem Jungen noch einmal über die Haare und fuhr zur Arbeit, er wusste ihn in guter Hut. Susanne rief einen Kinderarzt an und schilderte ihm Marcus' Symptome, worauf der auch sofort auf Scharlach schloss und versprach, noch am Vormittag vorbei zu kommen. Solange sollte sie weiter Wadenwickel legen und versuchen, dem Jungen etwas warme Milch mit Honig zu geben. Nachdem er eine große Tasse davon getrunken hatte, schlief er ein. Timo war gerade eine halbe Stunde an seinem Arbeitsplatz, als Evamaria ihn anrief, was sie sonst nie tat. „Ich hatte einen schlimmen Traum, dass Marcus in Gefahr ist", sagte sie aufgeregt, sie könne nicht länger warten und wolle wissen, ob mit ihm alles in Ordnung sei. Timo war erfreut über die geheime seelische Verbindung zwischen Mutter und Sohn und berichtete von der Krankheit des Jungen, dass seine Mutter die Betreuung übernommen habe und sich auch um einen Arzt kümmern wolle. Darauf meinte Evamaria, sie wolle Oma Susanne direkt anrufen.

Um mit den aktuellen Versuchsreihen vertraut zu werden, rief Timo die Einzelheiten des gerade laufenden Tests in seinem Computer auf. Als er genug wusste, ging er ins Prüffeld und beobachtete die Prüfzyklen, wobei er eine ganze Menge lernte. Einen erfolglosen Versuch verstand er nicht und fragte nach dem Grund des Misserfolgs. Als man ihm das nicht erläutern konnte, schlug Timo eine ihm plausible Änderung der Versuchsanordnung vor, und der Prüfer staunte, als der Ablauf klappte. Timo freute sich, anscheinend hatte er in seiner bisherigen Tätigkeit genügend Wissen gewonnen, um hier in der neuen Umgebung erfolgreich arbeiten zu können.

Nach ihrer ergotherapeutischen Behandlung rief Evamaria ihre Schwiegermutter an und hörte, dass der Arzt gerade da sei und den Verdacht auf Scharlach bestätigt habe. Sie bat, den Arzt sprechen zu dürfen, der ihr versicherte, es sei ein ganz normaler Scharlach, der mit leichten Antibiotika erfolgreich und ohne Nachwirkungen behandelt werden könne. Wahrscheinlich habe der Junge sich in der Schule angesteckt, in zwei Wochen dürfte er wieder gesund sein. Evamaria dankte Oma Susanne für ihre selbstlose Hilfe, sprach noch ein paar Worte mit Marcus und legte auf. Als Timo nachmittags von der Arbeit kam, war er froh über die Auskunft des Arztes und das Medikament, das die Oma besorgt und dem Jungen gegeben hatte. Sein Fieber war zurückgegangen, dafür hatte er jetzt am ganzen Körper einen Ausschlag. Mit den Worten „Der Arzt hat gesagt, in zwei Wochen bin ich wieder fit", begrüßte der Junge seinen Vater und Timo lobte ihn mit den Worten „Ich bin stolz auf dich, wie tapfer du bist." „Ronja hat nach mir gefragt, schade, dass ich sie nicht sehen konnte", klagte der Junge

Dann fuhr Timo zur Reha-Klinik, wo er Evemie nach einer herzlichen Begrüßung für ihre innere Verbindung zum Sohn lobte. „Ich hatte einen Angsttraum, dass Marcus in Gefahr ist, und rief dich an, als ich dich in der Firma wusste. Aber nun bin ich beruhigt und deiner Mutter dankbar, dass sie sich um ihn kümmert." Die beiden sprachen noch eine Weile über ihren Sohn und die Krankheit, bis Evemie etwas einfiel: „Mein Tablet benimmt sich sonderbar. Im Explorer waren bisher alle Ordner so eingestellt, dass die Dateien alphabetisch geordnet sind. Jetzt sind sie nach dem Datum geordnet, ohne dass ich es verändert habe. Ist das normal?" Timo überlegte. Das Tablet lief noch auf seinen Namen, seitdem er es Evemie vor drei Monaten gegeben hatte, weil er ein leistungsfähigeres Notebook brauchte. War da ein Spion am Werk, der ihn ausforschen wollte? Er musste das im Auge behalten. Vorerst beruhigte er Evemie, vielleicht sei ein Update die Ursache.

Nachdem die beiden sich mit einem herzlichen Kuss verabschiedet hatten, fuhr er zu seinen Eltern zurück, wo er so lange wohnen wollte, wie Marcus krank war. Auf dem Weg nahm er aus seiner Wohnung die angebrochenen Lebensmittel und sein Notebook mit. Marcus schlief noch nicht und freute sich über die Geschichte, die der Vater ihm vorlas. Bevor er schlafen ging, prüfte Timo in seinem Notebook die Ordnerstruktur und stellte denselben Effekt wie Evamaria fest: Auch in seinen Ordnern waren die meisten Dateien nach dem Datum sortiert. Das beunruhigte ihn, auf jeden Fall würde er morgen in der Firma die Versuchsrechner prüfen.

Marcus' Fieber war zurückgegangen und er schlief noch, als Timo nach dem Frühstück zur Arbeit fuhr. Nachdem er seine Mitarbeiter begrüßt hatte, nahm er sich gleich den Versuchsrechner vor und prüfte das Dateisystem. Auch hier fand er in den wichtigen Ordnern die Dateien nach dem Datum geordnet. „Haben Sie die Reihung der Dateien in den Ordnern geändert?", fragte er den zuständigen Mitarbeiter, doch der hatte das noch nicht gemerkt. Sofort ließ Timo den IT-Spezialisten kommen und nannte ihm seinen Verdacht, dass von außen in ihre Datensysteme eingegriffen würde. Der Mann zweifelte daran, weil nur die Dateiordnung verändert worden war, doch Timo meinte, möglicherweise habe ein Eindringling die neuesten Daten gesucht. „Ich kann mir das nicht vorstellen, denn die Anlage wird durch einen sicheren Firewall geschützt", beruhigte er Timo. Trotzdem bat er, den Computer vorerst nicht zu benutzen, er wollte ein Spionagesuchprogramm darüber laufen lassen und der Sicherheitsabteilung den Verdacht mitteilen. Als Timo ihm sagte, dass er die Manipulation zuerst auf seinem Notebook festgestellt hatte, versprach er, es ebenfalls zu prüfen.

Timo beobachtete weitere Tests, bis ihm der IT-Spezialist mitteilte, er habe ein Rootkit entdeckt, das die neuesten Ergebnisse abrufbereit speichert. Wer diese Daten wann abruft, sei nicht feststellbar, er habe eine Fangschaltung eingebaut, die jeden Zugriff auf die Daten mit der IP-Adresse festhält. Auf Timos Notebook sei der Trojaner vorhanden gewesen, aber gelöscht worden, wahrscheinlich, weil keine relevanten Daten darauf seien. Die Sicherheitsabteilung sei informiert. Kurz danach wurde Timo zu seinem Direktor gerufen, der Sicherheitschef war bei ihm, und die beiden lobten Timo für seine Aufmerksamkeit. Als er ihnen erzählte, dass seine Frau das Problem entdeckt hatte, baten sie ihn, ihr Grüße und den Dank der Firma auszurichten. Sie hatten ein Konzept entwickelt, um die Spionage zu beenden: Im vorhandenen Versuchsrechner werden weiterhin Daten gespeichert, die allerdings falsch sind. Die bisherigen Daten werden in ein neues Rechnerpaar übernommen, das in kein Netz eingebunden ist und in dem auch die neuen Versuchsergebnisse hinterlegt werden. Wie früher üblich, werden regelmäßig Sicherungskopien auf externe Datenträger gezogen. „Ich hoffe, mit dieser Lösung sind wir sicher gegen Spionage und können mit der Fangschaltung den Spion enttarnen", sagte der Sicherheitschef. Timo freute sich, dass er schon am zweiten Tag in seinem neuen Arbeitsgebiert mit Evamarias Unterstützung eine Lücke im System aufgedeckt hatte.

Das Fälschen der Daten im alten Rechner nahm den ganzen Nachmittag in Anspruch, so dass Timo erst um 18 Uhr Feierabend machen konnte und beim Abendessen seinen Eltern das aufgefundene Eindringen in das Datensystem berichtete. „Diese Leute lassen doch nichts unversucht, um an unsere Ergebnisse zu kommen", schimpfte sein Vater, „ich werde auch in meinem Bereich die Rechner prüfen lassen." Nachdem Timo sich überzeugt hatte, dass Marcus ruhig schlief, fuhr er zu Evemie und die beiden begrüßten sich mit einem innigen Kuss. Stolz berichtete Timo, wie seine Leute durch ihren Hinweis über die Datenordnung in ihrem Notebook den Datenklau im Versuchsrechner gefunden hatten, und Evemie freute sich über ihre Mithilfe. Doch die intensive Arbeit den ganzen Tag über hatte Timo ermüdet, so dass er sich bald wieder verabschiedete. „Ich freue mich auf deinen Urlaub am Wochenende", flüsterte er, als sich ihre Lippen voneinander lösten. „Was meinst du, wie ich mich darauf freue", gab Evemie lachend zurück, dann bat sie ihn, ihr ein langes Kleid mitzubringen, wenn er sie abhole. „Ich muss doch nicht jedermann meine Schienen zeigen", lachte sie.

Donnerstag früh ging es Marcus schon besser, Schmerzen und Fieber war zurückgegangen. Nur die Pusteln auf seinem Körper zeigten noch die Krankheit an. Im Betrieb waren Timo und seine Mitarbeiter den ganzen Tag bis 18 Uhr mit dem Umschaufeln der Daten auf das vom Netz getrennten Rechnerpaar beschäftigt, danach fuhr er direkt in die Klinik und berichtete seiner Frau von Marcus' Genesung, was sie sehr freute. Vorher hatte er noch die Wohnung mit Blumen geschmückt und Wein zu ein paar Süßigkeiten besorgt.

2017-05-24-1495618608-7349475-CoverLichtundSchattenvorneklein.jpg

© Copyright 2017 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Licht und Schatten" beschreibt auf 192 Seiten die entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die zu einer erfüllten Ehe führt, bis ein Seitensprung des Mannes die Harmonie zerstört. Erst eine Reihe schwerwiegender Ereignisse bringt die Frau dazu, die eigene verschüttete Liebe auszugraben und den gekränkten Stolz zu überwinden, bis sie feststellen muss, dass sie auch fehlbar ist. Überrascht begreifen beide Partner, dass diese Turbulenzen ihre liebevolle Gemeinschaft gefestigt haben, so dass sie sich für die neuen Anforderungen gewappnet fühlen, die auf sie zukommen.

Der Roman wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:
Als Taschenbuch für 8,99 Euro mit ISBN Nr. 978-3-7450-3356-4
Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7450-3624-4

Das vorliegende Kapitel 5 umfasst im Buch 15 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffiPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.