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Licht und Schatten Kapitel 10

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Aus Kapitel 10 Verhandlungen, Teil 3

Donnerstag nahmen die beiden einen Tag Urlaub und fuhren mit dem Wagen nach Augsburg, Marcus hatten sie gesagt, er solle nach der Schule zu Oma Susanne gehen, sie würden ihn abends abholen. Kurz vor 10 Uhr erreichten sie die Niederlassung von FEM und wurden von den drei Herren begrüßt, die Timo schon vor acht Tagen getroffen hatte. Dr. Friedrich und Mr. Thorsten waren erfreut, Evamaria kennen zu lernen. Bei einer Tasse Kaffee sprachen sie den Vertrag noch einmal in allen Einzelheiten durch, dann unterschrieben Dr. Friedrich und Timo, worauf Mr. Thorsten Cognac kredenzte, den Evamaria stehen ließ. Da entschloss sie sich, von ihrer Schwangerschaft zu berichten und Anfang Juli als Entbindungstermin zu nennen, worauf die Herren ihr herzlich gratulierten und versprachen, den Termin bei der Übersiedlung nach China zu berücksichtigen.

„Ich möchte noch einen heiklen Punkt ansprechen", meinte Dr. Friedrich dann. „Sie sind bei Daimler ein hoffnungsvoller Geheimnisträger. Möglicherweise wird man Ihnen den Wechsel übel nehmen und Sie auf eine wenig attraktive Stelle versetzen. Wenn Sie sich dort nicht ausgefüllt fühlen und eine Möglichkeit sehen, schon vor dem vertraglichen Termin auszuscheiden, können Sie bei uns sofort anfangen, wir würden den Vertrag dann vordatieren. Und jetzt empfehle ich Ihnen beiden einen Spaziergang durch die Innenstadt. Hier ist ein Plan mit den Sehenswürdigkeiten und Parkmöglichkeiten. Um 13 Uhr würden wir Sie gerne zu einer Mahlzeit im Ratskeller einladen. Wenn Sie nicht alleine gehen wollen, kann Herr Niemetz Sie zunächst einmal führen, er kennt die Stadt gut und würde Sie erst nach dem Essen alleine lassen." „Ich denke, davon haben wir zunächst mehr und brauchen nicht zu suchen. Was meinst du, Schatz?", wandte er sich an seine Frau, die zustimmte. Die beiden verabschiedeten sich zunächst von den FEM-Chefs und fuhren hinter Herrn Niemetz in die Stadt und dort in das Parkhaus am Dom.

Der Berater führte die beiden zunächst zum Dom, wo sie das neue Bronzeportal und im Innenraum den steinernen Bischofsthron aus dem 11. Jahrhundert bewunderten, zwei kauernde Löwen tragen den halbrunden Sitz. Auch das das Chorgestühl mit seinen bedeutenden Schnitzereien von 1495 beeindruckte sie. Nachdem sie die Marienorgel und einige Fresken gesehen hatte, gingen sie zur Fuggerei, der ältesten Sozialsiedlung der Welt, die 1521 von Jakob Fugger für schuldlos verarmte Augsburger Bürger gestiftet wurde. Zuletzt führte Herr Niemetz sie hinüber zum Rathaus, wo sie den berühmten Goldenen Saal sahen. Er gilt als Glanzpunkt der Innengestaltung der Renaissance in Deutschland. Die Prachtdecke ist mit Blattgold verkleidet. Bei den Besichtigungen hatten sie gar nicht gemerkt, dass es 13 Uhr geworden war, und Herr Niemetz ging mit ihnen in den Ratskeller, wo ein Tisch reserviert war.

Kurz nach ihnen kamen auch die beiden Herren von FEM. Die Karte bot hauptsächlich bayerische Gerichte. „Wenn ich Ihnen etwas empfehlen darf, würde ich zur Leberspätzlesuppe und dem Schweinebraten raten, dazu sollte man Riegeles Dunkel trinken", schlug Dr. Friedrich vor und Timo und Evamaria stimmten zu. Nach der Suppe wandte er sich an Evamaria: „Ich habe gehört, dass Sie als begnadete Designerin im Stuttgarter Modetempel gelten. Es wäre doch schade, wenn Sie Ihr Talent durch den Wechsel Ihres Gatten nicht mehr nutzen können. Ich weiß, dass es in Shenzhen eine lebendige Modeszene junger Designer gibt. Falls Sie Lust haben, sich dort selbstständig zu machen, würden wir Sie mit Verbindungen unterstützen." „Ich danke Ihnen für dies positive Angebot", antwortete Evamaria unbefangen, „wir haben diese Modeszene schon im Internet gefunden, als wir uns für die Stadt interessierten, um eine Entscheidung über Herrn Niemetz' Angebot zu treffen." „Sie haben sich also über die Möglichkeiten in Shenzhen umfassend informiert", meinte Dr. Friedrich lachend, „das gefällt mir." „Na, ja, wir wollten doch keine Katze im Sack kaufen, die Entscheidung ist immerhin ein erheblicher Einschnitt in unser gemeinsames Leben", gab Evamaria zu bedenken. Mit den Worten: „Es zeigt mir Sie beide als nachdenkliche und verantwortungsvolle Menschen und ich bin froh, Sie gewonnen zu haben", schloss Dr. Friedrich das Gespräch, als der Schweinebraten serviert wurde. Nach einem Espresso bot Dr. Friedrich einen Cognac an, den Evamaria ablehnte und Timo, weil er noch fahren musste.

„Ich möchte noch ein bisschen von der Stadt sehen", sagte Evemie zu ihrem Mann, nachdem sie sich von den Gastgebern dankend verabschiedet hatten, „vor allem interessieren mich Modegeschäfte." „Da fangen wir gleich hier an", lachte Timo und führte seine Frau in die angrenzende Fußgängerzone der Altstadt. Sie besuchte eine ganze Reihe von Modegeschäften und fand in einigen auch Angebote ihres Stuttgarter Arbeitgebers. „Schau, dies Kleid habe ich entworfen", sagte sie plötzlich zu Timo, der sie zu dem Fund beglückwünschte. Nach zwei Stunden aufregender Besichtigung taten ihnen die Beine weh. In einem Café stärkten sie sich bei Kaffee und Kuchen, dann gingen sie zum Parkhaus, lösten ihren Wagen aus und fuhren zurück nach Stuttgart. Bei Timos Eltern wartete ihr Sohn schon auf sie. Beim Abendessen berichteten sie den Eltern von ihrem Besuch in Augsburg, dann gingen sie mit Marcus nach Hause, brachten den Jungen ins Bett und setzten sich noch ein wenig zusammen. „Jetzt möchte ich den Cognac haben, den ich mir in Augsburg verkneifen musste", bat Timo. Evamaria füllte sein Glas, nippte davon und sagte leise: „Ich freue mich auf diesen neuen Lebensabschnitt mit dir." „Das geht mir genauso, aber dafür braucht man eine Frau wie dich, mit der man Pferde stehlen kann. Hab vielen Dank, dass du das so problemlos mitmachst", antwortete Timo leise und küsste sie herzlich. Obwohl die beiden müde waren, mussten sie ihre Gemeinschaft unbedingt noch feiern.

„Sollten wir deine Mutter mal über die Schwangerschaft und unsere Pläne informieren?", fragte Timo Samstag beim Frühstück und Evamaria antwortete: „Das ist eine gute Idee, lass' uns nachher hingehen, vielleicht können wir sie zum Essen einladen." Als das Geschirr gespült war, machten sie sich mit Marcus auf den Weg. und waren überrascht, Evamarias Vater bei der Oma anzutreffen. „Ja, Moritz hilft mir, mit dem Verlust klar zu kommen", sagte Theresa verlegen, während der Opa die Gäste begrüßte. „Nach dem Kirchenrecht sind wir ja noch verheiratet, da ist es doch selbstverständlich, dass ich mich ein bisschen um Theresa kümmere, sie ist ja sonst ganz alleine. Es ist nett, dass ihr uns besucht. Wir wollten gerade zum Italiener essen gehen, was haltet ihr davon, wenn wir euch dazu einladen?" „Eigentlich wollten wir die Oma einladen, aber deinen Vorschlag nehmen wir gerne an", erwiderte Evamaria und Moritz reservierte telefonisch einen Tisch.

Mit den Worten: „Moritz ist zwar schon seit gestern bei mir, aber ihr dürft nicht denken, dass wir unsere Ehe einfach fortsetzen, er hat in deinem alten Zimmer geschlafen. Ich habe nach den blöden Bemerkungen des Pfarrers keine Bedenken, mich wieder mit ihm zu treffen", versuchte Theresa ihre Beziehung zu erläutern. Doch Evamaria antwortete schlicht: „Ich habe absolut nichts dagegen, wenn ihr wieder zusammen findet. Sieh mal, Timo und ich konnten doch auch unser Problem miteinander ausräumen, weil wir die tiefe Liebe zwischen uns wieder entdeckt haben." „Du könntest Recht haben", meinte Theresa nachdenklich, aber Moritz sagte leise zu ihr: „Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben, aber du warst ja aus deiner Sicht im Recht, als du mich in die Wüste geschickt hast. Und nun will ich warten, was sich zwischen uns weiter entwickelt." „Du bist ein lieber Mensch und ich bin dir dankbar für deine Unterstützung", antwortete Theresa ebenso leise und küsste ihn auf die Wange.

Inzwischen war es Zeit, zum Italiener zu gehen und als sie nach der Bestellung das Ciabatta-Brot mit Knoblauchbutter zu Chianti genossen, wunderten sich die Eltern, dass Evamaria den Wein ablehnte. So ergab sich eine Gelegenheit, sie über die Schwangerschaft zu informieren, was ihre Mutter mit gemischten Gefühlen aufnahm: „Ich bin ja dafür, dass du das Kind bekommst, aber war es wirklich nötig, dir das nochmal aufzuladen?" „Es war ja nicht geplant", antwortete Evamaria lachend und ihr Vater beglückwünschte sie. Dann schnitt Evamaria das Thema an, weshalb sie die Oma besucht hatten: Sie berichtete über das Angebot des Vermittlers für den Job in der aufstrebenden chinesischen Firma, ihre Internetrecherchen, die Vertragsverhandlungen und den Abschluss am Donnerstag, wofür sie beide in Augsburg waren. Auch den Vorschlag, sie solle sich selbstständig machen, erwähnte sie. „Seid ihr wahnsinnig?", rief Theresa entsetzt, „ihr wollt eure gesicherte Existenz aufgeben und nach China gehen, wo du jetzt noch ein Kind erwartest? Ihr habt doch hier ein gutes Leben als Deutsche in Deutschland, das setzt man doch nicht für ein Luftschloss aufs Spiel! Glaubt bloß nicht, dass ihr bei diesen Schlitzaugen ein Bein auf den Boden bekommt, die wollen euch nur ausnehmen."

Evamaria und Timo sahen sich erschrocken an, ihnen fehlten die Worte, einen derartigen Ausbruch hatten sie nicht erwartet. Auch Moritz war bestürzt und sagte erst mal nichts, dann legte er Theresa eine Hand auf die Schulter „Übertreibst du nicht ein bisschen?", fragte er sanft. „Der Bericht unserer Tochter zeigt doch, dass die beiden sich die Sache sorgfältig überlegt haben. Ich habe selbst gelesen, wie dringend die Chinesen in ihrem Land für saubere Luft sorgen müssen und bereit sind, dafür viel Geld auszugeben. Für Timo ist das eine tolle Gelegenheit, Ideen zu entwickeln und nebenbei gut zu verdienen, wie Evemie berichtet hat. Ich bewundere jedenfalls den Mut der beiden, sich auf dies - wie ich meine, gut kalkulierte - Wagnis einzulassen. Die Chinesen sind ein uraltes Kulturvolk und Maos Zeiten sind längst vorbei. Natürlich dürfen sie sich nicht politisch betätigen, aber das haben sie ja hier schon nicht getan. Also akzeptiere bitte ihre Idee, du kannst eh' nichts dagegen tun."

„Und was wird mit Marcus?", fragte die Oma, worauf der Junge spontan rief: „Ich komme mit und lerne chinesisch!" „Aber du bist weit weg und ich kann dich nicht mehr treffen, dasselbe gilt doch für dich", wandte Theresa sich mit Tränen in den Augen an ihre Tochter. „Wenn ihr weg seid, bin ich ganz alleine, wo Manuel jetzt tot ist." Zärtlich strich Moritz seiner geschiedenen Frau über die Haare und sagte leise: „Du musst nicht alleine sein, ich kann mich um dich kümmern, wenn du es möchtest, denn ich habe nie aufgehört, dich zu lieben." „Lass' mir bitte etwas Zeit, ich bin im Moment völlig durcheinander", antwortete Theresa nach einer Weile. „Manuel ist noch keine vier Wochen tot und jetzt erfahre ich, dass Evamaria mit ihrer Familie nach China auswandern will, das ist zu viel auf einmal für mich." „Da ist es doch gut, dass Moritz sich um dich kümmern will, nimm ihn einfach erst mal als lieben Freund an", wandte Evamaria sich an ihre Mutter und Moritz sagte leise: „Danke."

Die Spaghetti wurden serviert und die Gesellschaft wickelte die Nudeln um die Gabel, bis die Teller leer waren. Dazu tranken sie den Chianti, Marcus und Evamaria Orangensaft. Moritz bat noch einmal um die Karten und die Gäste wählten verschiedene Eisbecher. Nach dem Espresso bot der Wirt den Erwachsenen Grappa und Marcus einen alkoholfreien Likör auf das Haus an, den Evamaria auch erbat. Nachdem Moritz gezahlt hatte, gingen alle zurück zu Theresas Wohnung und nahmen beim Bäcker Kuchen mit. Nach dem Kaffee verabschiedete sich die junge Familie, Theresa bat Moritz, noch zu bleiben, sie könne nicht völlig alleine sein und er stimmte gerne zu. „Ich hoffe sehr, dass die beiden wieder ganz zusammen finden", meinte Evamaria auf dem Heimweg, „beide können dabei nur gewinnen." „Dein Vater ist sicherlich sofort dazu bereit, aber deiner Mutter musst du Zeit lassen, sich innerlich von Manuel zu verabschieden, den sie wohl sehr geliebt hat. Doch ich glaube auch, dass die beiden sich irgendwann wieder finden."

Oma Susanne rief an, um die Familie morgen zum Essen einladen, doch nach kurzer Abstimmung mit seiner Frau lehnte Timo dankend ab. Sie kämen eben vom Essen mit Evamarias Eltern und wollten morgen mal zu Hause essen, Evamaria habe schon dafür eingekauft. „Sind denn ihre Eltern wieder zusammen?", fragte Susanne erstaunt, worauf Timo antwortete: „Sie sind auf dem Weg und wir hoffen, dass etwas draus wird."

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© Copyright 2017 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Licht und Schatten" beschreibt auf 192 Seiten die entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die zu einer erfüllten Ehe führt, bis ein Seitensprung des Mannes die Harmonie zerstört. Erst eine Reihe schwerwiegender Ereignisse bringt die Frau dazu, die eigene verschüttete Liebe auszugraben und den gekränkten Stolz zu überwinden, bis sie feststellen muss, dass sie auch fehlbar ist. Überrascht begreifen beide Partner, dass diese Turbulenzen ihre liebevolle Gemeinschaft gefestigt haben, so dass sie sich für die neuen Anforderungen gewappnet fühlen, die auf sie zukommen.

Der Roman wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:
Als Taschenbuch für 8,99 Euro mit ISBN Nr. 978-3-7450-3356-4
Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7450-3624-4

Das vorliegende Kapitel 10 umfasst im Buch 20 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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