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Licht und Schatten Kapitel 10

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HOTEL
Martin Barraud via Getty Images
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Aus Kapitel 10 Verhandlungen, Teil 1

Um 14:30 fuhr Timo zum Bahnhof, für Donnerstag hatte er Urlaub genommen. In Augsburg brachte ihn eine Taxe in das Steigenberger Hotel, wo man eine Juniorsuite für ihn gebucht hatte. Da er bis zum Abendessen noch genug Zeit hatte, ging er ins Schwimmbad und sah vom Rand des Beckens überrascht, dass ein Mann sich vor einem Jetstream an den Griffen festhielt und den Strahl auf seinen Unterleib spritzen ließ, obwohl mehrere Gäste im Wasser waren.

Nach kurzer Zeit stöhnte er auf und ein glücklicher Schimmer lief über sein Gesicht, dann schwamm er zur Treppe und verließ das Bad. Timo ahnte, was der Mann erlebt hatte und dachte: „Wenn die anderen Gäste sich überhaupt nicht drum kümmern, kann ich es ja auch mal versuchen" Also sprang er ins Wasser, schwamm zu dem Jet, hielt sich an den Griffen fest und ließ den Strahl zwischen die Beine spritzen.

Sofort spürte er, wie seine Erregung anstieg, bis es ihm nach kurzer Zeit kam. „Donnerwetter", dachte er, „das ist ja viel schöner als mit den Fingern." Um eine angenehme Erfahrung reicher schwamm er eine halbe Stunde, dann verließ er das Bad und legte sich im Zimmer eine Weile lang.

Kurz vor 19 Uhr ging Timo in den Speisesaal, wo ihn drei Herren erwarteten. Er begrüßte Herrn Niemetz, der ihm die beiden anderen vorstellte: Herrn Dr. Friedrich, einer der CEO von FEM und den farbigen Mr. Thorsten, Chef der Augsburger Niederlassung. Beide machten einen entschiedenen, aber freundlichen Eindruck. „Ich freue mich, dass Sie sich so kurzfristig die Zeit zu einem Gespräch nehmen konnten", sagte Dr. Friedrich und wies auf die Stühle, „ich denke, wir sollten erstmal etwas bestellen, dann können wir plaudern."

Ein Ober brachte die Karten und Timo, der abends wenig aß, wählte Rindscarpaccio. Die anderen Herren bestellten umfangreichere Gerichte und der Ober fragte Timo, ob er das Carpaccio als Entrée oder Hauptgericht gewählt habe, worauf er es als Hauptgericht bestätigte. Zuletzt orderte Dr. Friedrich eine Flasche Merlot Rothschild und alle stießen miteinander an, nachdem Dr. Friedrich gekostet hatte. „Auf eine gute Zusammenarbeit", war sein Trinkspruch.

„Lassen Sie uns die Einzelheiten Ihres möglichen Engagements bei FEM morgen besprechen", begann Dr. Friedrich das Gespräch und sah Timo freundlich an, „jetzt wollen wir Sie erst mal etwas besser kennen lernen. Herr Niemetz hat zwar einiges über Sie heraus bekommen, aber vielleicht erzählen Sie uns einfach ein bisschen über Ihre Entwicklung und Ihr Leben." Timo überlegte, wo er anfangen sollte, und entschloss sich für seine Jugend.

„Ich wurde 1984 als Sohn des Diplom-Ingenieurs Götz Clausen und seiner Ehefrau Susanne geboren, mein Vater war bei Daimler in der Endprüfung neuer Wagen tätig, die er inzwischen verantwortlich leitet. Nach dem Abitur studierte ich am Institut für Leistungselektronik und Elektrische Antriebe der Uni Stuttgart. Als Ersatzdienst war ich nebenbei freiwillig beim THW engagiert und bin dort auch weiterhin in geringem Umfang tätig. 2008 begann ich nach Abschluss des Studiums eine Tätigkeit bei Daimler im Bereich Elektronik für Elektromobile.

Kurz nach der Einstellung habe ich meine Jugendliebe, die gleichaltrige Modedesignerin Evamaria Molar geheiratet, wir haben einen siebenjährigen Sohn. Nach vier Jahren Tätigkeit wurde ich Leiter einer Arbeitsgruppe, in der wir eine wesentliche Verbesserung des Schnellladesystems entwickelten, aber Sie werden verstehen, dass ich meine Erfahrungen bei Ihnen nicht verwenden darf."

„Das haben wir keinesfalls vor", unterbrach ihn Dr. Friedrich. „Konfuzius, der in China nach der Verdammung durch Mao Tse-tung wieder als Lehrer des Volkes anerkannt wird, hat gesagt: ‚Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken; sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.' Wir wollen nicht etwa Ihre Erfahrungen in einer wenig zukunftsfähigen Technik übernehmen, sondern mit Hilfe Ihrer Kreativität nach vorne schauen.

Doch erzählen Sie bitte weiter." „Vor sechs Wochen", nahm Timo wieder das Wort, „wurde mir die Leitung des Batterieprüffeldes übertragen, wo sämtliche auf dem Markt erreichbaren Batterien für die Eignung in Daimlers geplanten Elektroautos auf Herz und Nieren geprüft werden. Doch ich musste feststellen, dass bisher kaum wesentliche Neuerungen geboten werden."

Inzwischen kamen die Speisen und die Herren widmeten sich dem Mahl, dann bat Dr. Friedrich noch einmal um die Karten. Nachdem jeder ein Dessert bestellt hatte, fragte er Timo: „Herr Niemetz hat mir von einem Spionageversuch aus China berichtet, der Ihnen persönliche Schwierigkeiten gebracht hat, mögen Sie uns etwas darüber erzählen?" Timo hatte kein Problem, die Angelegenheit im Detail zu berichten und Dr. Friedrich schüttelte den Kopf.

„Ja, das ist das andere China, mit dem wir auch schon Probleme hatten, aber wir haben den Leuten eindeutig klar gemacht, dass wir dem Land die Zukunft bringen und jede derartige Störung ganz hoch aufhängen werden, da hatten wir Ruhe.

Ich möchte noch etwas zu unserem Führungsstil sagen: Für die Mitarbeiter aus dem Westen gilt klar die Delegation der Verantwortung, das heißt, der Chef stellt die Aufgabe und gibt das Ziel vor, aber der Mitarbeiter ist ganz alleine dafür verantwortlich, wie er das Ziel erreicht. Das heißt nicht, dass der Vorgesetzte nicht gelegentlich den Erfolg kontrolliert. In Besprechungen muss der Chef zunächst die Meinung aller Teilnehmer hören und erst dann im Sinne eines optimalen Ergebnisses entscheiden.

In China sieht das leider noch anders aus. Sowohl von der gesellschaftlichen Struktur als auch von der politischen Situation sind die Chinesen gewöhnt, dass ältere Vorgesetzte immer den Weg bis ins Detail vorgeben und jede Kleinigkeit entscheiden. Selbstständiges Denken ist die Gesellschaft nicht gewöhnt und im politischen Leben ist es sogar höchst gefährlich. Wir wollen versuchen, allmählich auch unsere chinesischen Mitarbeiter an die Verantwortlichkeit für die eigene Arbeit zu gewöhnen, doch es wird ein langer Weg sein.

Aber nun denke ich, Mr. Thorsten sollte Ihnen etwas über seinen Bereich erzählen, in dem Sie zunächst tätig sein werden, falls Sie sich entschließen, für uns zu arbeiten. Sie müssen allerdings damit rechnen, dass dieser Bereich mit Fertigstellung der Fabrik irgendwann im nächsten Jahr nach Shenzhen verlegt wird, um näher bei der Fertigung zu sein.

Mr. Thorsten war bei Tesla an entscheidender Stelle für die Entwicklung verantwortlich und wir sind froh, ihn für uns gewonnen zu haben. Er hat übrigens eine deutsche Mutter, so dass es keine Verständigungsprobleme gibt. Für die Zeit in Augsburg können wir Ihrer Familie eine möblierte Wohnung zur Verfügung stellen."

„Wir sind sozusagen das Gehirn von FEM", nahm Mr. Thorsten das Wort, „denn bei uns soll die neue Technik entwickelt werden. Dafür arbeiten zurzeit zweiundvierzig Ingenieure, die meisten haben wir von anderen Firmen abgeworben, andere kommen direkt von der Hochschule und können sehr kreativ sein, weil sie von keiner Erfahrung mit dem Metier belastet sind. Doch das ist erst der Anfang, wie bei einem neu geborenen Kind muss sich das Gehirn erst entwickeln, wobei wir vor allem neue unkonventionelle Ideen gewinnen wollen.

Unser Schwerpunkt liegt zunächst weniger auf der Fahrzeugtechnik und den Antrieben, sondern bei der intelligenten Speicheranwendung und natürlich auch auf den Energiespeichern selbst. Wenn Sie an einem Wechsel interessiert sind, werden wir morgen ausloten, auf welchem Gebiet Sie am besten tätig sein können."

„Ich freue mich darauf, morgen mit Ihnen die Einzelheiten meines möglichen Wechsels zu besprechen, habe aber vorher noch eine Frage: Plant FEM auch die Entwicklung selbstfahrender Autos?" „Nein, für diese Spielerei sind uns Geld und Zeit zu schade, wir müssen die Chinesen möglichst schnell mit Elektroautos versorgen", antwortete Dr. Friedrich lachend. „Dann danke ich Ihnen für Ihre Erläuterungen", antwortete Timo und Dr. Friedrich beendete das Gespräch mit einem Gute-Nacht-Wunsch, morgen sei er nicht dabei, Timo werde mit Mr. Thorsten verhandeln.

Timo zog sich in sein Zimmer zurück, rief Evamaria an und berichtete ausführlich die Gespräche beim Essen. Sie freute sich und wünschte ihm eine erfolgreiche Verhandlung. „Etwas völlig Neues wollen sie entwickeln", dachte Timo, bevor er einschlief, „hoffentlich bin ich dafür kreativ genug."

Am nächsten Morgen stand Timo um 7 Uhr auf, schwamm eine halbe Stunde, ohne den Jet zu benutzen, und war nach einem vorzüglichen Frühstück zehn Minuten vor 9 Uhr in der Lobby. An der Rezeption erfuhr er, sein Zimmer sei bereits bezahlt. Bald kam Herrn Niemetz und fuhr mit ihm zur Zweigniederlassung. Mr. Thorsten zeigte ihm das Bürogebäude, das noch viele leere Räume enthielt, und stellte ihn den anwesenden Mitarbeitern vor, dann fragte er Timo, für welch Gebiet er sich am besten geeignet fühle.

„Darüber denke ich schon seit dem ersten Gespräch mit Herrn Niemetz nach", begann Timo, „und weil das wichtigste Entwicklungspotenzial in der Energiespeicherung liegt, wäre ich gerne in diesem Feld tätig. Heute werden die Autos mit tonnenschweren Batterien beladen, um dieselbe Strecke zu fahren, die sie mit 40 kg Superkraftstoff erreichen, das muss sich dringend ändern. Ich meine, gestern aus Dr. Friedrichs Worten gehört zu haben, dass FEM nicht nur die Fahrzeuge, sondern auch die Speichermedien selbst herstellen will.

Ich weiß aus meiner augenblicklichen Tätigkeit, dass wir trotz kleiner Verbesserungen mit der Lithium-Technologie keine wesentlich höhere Energiedichte erreichen können. Anderes Elektrodenmaterial ist nicht geeignet, denn Lithium ist nun einmal das unedelste Metall. Dazu kommt die zeitaufwendige Nachladung. Um die Energie für dieselbe Strecke zu speichern, die man in 5 Minuten mit dem Tanken von Superbenzin erreicht, braucht selbst die Schnellladung eine Stunde.

Kürzlich habe ich gelesen, dass sich eine völlig neue Speichertechnik in der Entwicklung befindet, die Elektrolyt-Batterie mit zwei verschiedenen flüssigen Elektrolyten, die in einem einfachen Tankvorgang ausgetauscht werden können. Zurzeit ist ihre Energiedichte noch nicht besser als bei Akkus, doch an der Entwicklung geeigneterer Elektrolyte wird geforscht. Gegenüber der 200 Jahre alten ausgereizten Akkutechnik kann in dieser noch weitgehend unerforschten Technik ein Potential für etwas Langlebigeres und Leichteres liegen, als herkömmliche Batterien es bieten. Verschiedene Institute forschen bereits an dieser Technik.

Hier die Entwicklung zu beobachten und wenn möglich, weiter zu treiben, wäre eine Aufgabe, die mich erfüllen würde." Mr. Thorsten schwieg einen Moment, bis er eine Antwort fand: „Ich muss gestehen, dass Sie mich überraschen. Ich habe von dieser Technik gehört und könnte mir denken, dass das ein Arbeitsgebiet für Sie wäre, ich muss allerdings noch mit Dr. Friedrich darüber sprechen. Wie Herr Niemetz berichtet hat, sind Sie im April frei, wir haben also genug Zeit, über diese Aufgabe mit Ihnen im Detail nachzudenken, sollten dann aber jetzt schon über Ihre Konditionen sprechen. Welch Gehalt stellen Sie sich vor?"

„Jetzt stelle ich die Weichen für unser künftiges Leben, da darf ich nicht zögerlich sein", dachte Timo, bevor er mit fester Stimme antwortete: „Sie wissen sicherlich, dass ich gerade die Leitung einer Abteilung übernommen habe und zum Jahresanfang mit einem Jahresgehalt von mindestens 80.000 Euro rechnen kann, dazu kommt eine Pensionszusage. Herr Niemetz sprach vom Zwei- bis Dreifachen meines jetzigen Gehalts und dass es bei FEM keine Betriebsrenten gibt. Aufgrund dieser Daten würde ich bei einem Jahresgehalt von etwa 200.000 Euro gerne zu Ihnen wechseln, denn die Aufgabe reizt mich, in einem zukunftsträchtigen Unternehmen an der Entwicklung von etwas Neuem beteiligt zu sein."

Wieder brauchte Mr. Thorsten einen Moment, bis er antwortete: „Ich muss ihre Vorstellung mit Dr. Friedrich abstimmen, kann mir aber vorstellen, dass ihm dieser Wert etwas zu hoch sein dürfte. Bis wann brauchen Sie unsere Entscheidung?" „Wenn ich zum 1. April nächsten Jahres bei Ihnen anfangen soll, muss ich spätestens Ende Dezember kündigen. Um meine Vorgesetzten nicht zu verärgern, würde ich diesen Termin gerne um einen Monat vorziehen.

Das heißt, ich müsste innerhalb von drei Wochen mit Ihnen einig werden und einen unterschriebenen Arbeitsvertrag haben." „Das sollte sich machen lassen, Herr Niemetz wird Ihnen in der nächsten Woche den Entwurf des Arbeitsvertrages vorlegen und Sie müssten zur Unterschrift dann noch einmal nach Augsburg kommen. Ich würde mich freuen, Sie in unserem Team zu haben." Mit diesen Worten erhob sich Mr. Thorsten und gab Timo die Hand zum Abschied.

Wie es in diesem Kapitel weitergeht, erfahren Sie in der nächsten Folge.

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© Copyright 2017 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Licht und Schatten" beschreibt auf 192 Seiten die entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die zu einer erfüllten Ehe führt, bis ein Seitensprung des Mannes die Harmonie zerstört. Erst eine Reihe schwerwiegender Ereignisse bringt die Frau dazu, die eigene verschüttete Liebe auszugraben und den gekränkten Stolz zu überwinden, bis sie feststellen muss, dass sie auch fehlbar ist. Überrascht begreifen beide Partner, dass diese Turbulenzen ihre liebevolle Gemeinschaft gefestigt haben, so dass sie sich für die neuen Anforderungen gewappnet fühlen, die auf sie zukommen.

Der Roman wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:
Als Taschenbuch für 8,99 Euro mit ISBN Nr. 978-3-7450-3356-4
Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7450-3624-4

Das vorliegende Kapitel 10 umfasst im Buch 20 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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