BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Ernst-Günther Tietze Headshot

Licht und Schatten Kapitel 9

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Aus Kapitel 9 Angebot, Teil 2

Donnerstag war beim Nachbarn ein Paket von Herrn Niemetz abgegeben worden und sie beschlossen, es morgen durchzusehen. Deshalb machte Timo am Freitag früh Feierabend und sie schauten interessiert die umfangreichen Papiere an. Neben Informationen über die Stadt Shenzhen, die internationale Schule und die dortigen Lebensbedingungen, die sie schon im Internet gelesen hatten, enthielt es vor allem Details der Firma FEM. Ihr grober Aufbau zeigte die Säulen Entwicklung, Produktion und Verwaltung. Timo war vor allem der Entwicklungsbereich wichtig, dessen Struktur der von Daimler ähnelte:

- Elektronik,
- Batterien,
- Motoren und Antrieb,
- Chassis und Fahrwerk
- Bedienung und Klima.

„In der Elektronik weiß ich gut Bescheid, ich habe dort jahrelange Erfahrungen gewonnen, aber seit fünf Wochen beschäftige ich mich mit Batterien", überlegte Timo, „das ist sicherlich der wichtigste Bereich, weil da noch ein großes Entwicklungspotenzial besteht. Nun, ich muss sehen, was mir angeboten wird. Leider gibt es nicht mehr Angaben über die Augsburger Dependance, als wir sie schon gefunden haben. Es wäre ja nicht schlecht, wenn ich da zunächst tätig sein könnte. Möglicherweise habe ich demnächst dort ein Gespräch." „Vieles ist ja noch offen", seufzte Evemie, „selbst ob wir vorläufig in Deutschland bleiben oder bald nach China umziehen sollen, wissen wir noch nicht. Dabei müssen wir auf jeden Fall meine Schwangerschaft berücksichtigen. Kannst du dir denn überhaupt vorstellen, zu dieser Firma zu wechseln?" „Vorstellen kann ich es mir gut, denn die Verantwortung für selbstständige Arbeit und eine Führungsaufgabe in einem wichtigen Bereich scheue ich nicht. Allmählich reizt mich das Angebot, hier mit fähigen Kollegen etwas vollkommen Neues aufzubauen. Meine Arbeit in der Elektronik hat mich schon eine ganze Weile gelangweilt. Jetzt, wo ich Leiter der Batterieprüfung geworden bin, sieht es anders aus, das heißt aber nicht, dass mich dieses chinesische Angebot nicht interessiert. Lass' uns morgen die Vor- und Nachteile eines Wechsels für uns dreieinhalb zusammenstellen und abwägen, wobei wir auch die jeweiligen Risiken betrachten müssen."

Evemie war einverstanden und am Samstag schrieb jeder nach dem Frühstück zunächst für sich die Vor- und Nachteile zusammen. Beim Vergleich der Ergebnisse stellten sie erfreut fest, dass es nur wenige Unterschiede zwischen ihnen gab. Als großen Vorteil hatten sie das höhere Gehalt und bessere Aufstiegsmöglichkeiten gesehen, als Nachteil das wahrscheinliche Eingewöhnen in eine völlig andere Umgebung, Schulprobleme für Marcus und die Schwangerschaft. Insgesamt überwogen die Vorteile aber eindeutig und wesentliche Risiken waren nicht zu erkennen. „Das sollten wir morgen mit deinen Eltern besprechen", schlug Evemie vor und Timo stimmte zu. Er rief seinen Vater an und kündigte für morgen einen Besuch an, sie hätten etwas mit ihm zu besprechen. Der Vater wollte Näheres wissen, aber Timo sagte nichts, so blieb seinen Eltern nur eine Einladung zum Mittagessen.

„Was hast du denn mit uns zu besprechen, das für das Telefon zu wichtig ist?", wollte der Vater nach dem Essen wissen. Timo und Evamaria berichteten über das Angebot und zeigten die Unterlagen, worauf Götz zunächst die Sprache wegblieb. Susanne hatte schneller begriffen, um was es ging und fragte: „Ihr erwägt also, Stuttgart aufzugeben und nach Augsburg oder sogar nach China zu gehen?" „Ja, China, da kann ich Englisch und Chinesisch lernen!", rief Marcus begeistert. Inzwischen hatte Opa Götz sich von seiner Überraschung erholt. „Ist dir unsere Firma nicht mehr gut genug?", fragte er seinen Sohn, der ihm dasselbe antwortete, was er schon zu seiner Frau gesagt hatte: „Obwohl ich jetzt Leiter der Batterieprüfung bin, reizt mich dieses chinesische Angebot, denn es öffnet mir ganz neue Perspektiven. Wir sind beide noch jung genug für einen radikalen Neuanfang." Der Vater meinte, man könne doch einen sicheren Job nicht für solche ungewissen Perspektiven aufgeben, doch die Oma sagte „Ich verstehe das." „Timo und ich haben die Vor- und Nachteile sorgfältig geprüft und auch alle möglichen Risiken bedacht", schaltete Evamaria sich ein, „und werden jetzt in die Verhandlungen einsteigen. Die endgültige Entscheidung ist noch lange nicht getroffen, sie hängt von den Einzelheiten ab, die wir dabei erfahren. Doch grundsätzlich sagen wir erst mal ‚ja' zu weiteren Gesprächen. Bevor wir eine endgültige Entscheidung treffen, werden wir sie auf jeden Fall mit euch besprechen."

„Wie stellst du dir denn deine Tätigkeit dort vor und welche Aussuchten hast du?", fragte der Vater. „Das werde ich in den Verhandlungen klären, aber ich sehe die reale Zukunftschance, in einem leistungsfähigen Unternehmen kreativ tätig zu sein", erwiderte Timo. „Die Chinesen haben notgedrungen erkannt, dass das Elektroauto das Fahrzeug der Zukunft bei ihnen sein muss. Denk' nur an unser Gespräch neulich über Batterien, wo ich gezeigt habe, dass die Probleme bei uns selbst in der Führungsebene geheim gehalten werden. Unsere obersten Manager trauen sich nicht, die Elektromobilität massiv zu fördern, weil sie fürchten, dass der Absatz kraftstoffgetriebener Fahrzeuge darunter leiden könnte." „Hast du auch bedacht, dass du das Wissen aus deiner jetzigen Tätigkeit nicht anderweitig preisgeben darfst?", fragte der Vater. „Ja, das habe ich dem Headhunter erklärt und er hat mich fast ausgelacht", erklärte Timo. „Die Firmenleitung, die übrigens aus zwei deutschen früheren BMW-Managern besteht, sei an mitgebrachtem Wissen überhaupt nicht interessiert, sondern man erwarte von den Mitarbeitern völlig neue Ideen und das traue ich mir zu."

„Ich hätte nicht euren Mut", meinte der Vater nachdenklich, „aber ihr seid jung und die Zukunft liegt vor euch. Ich wünsche euch allen denkbaren Erfolg bei diesem nach meiner Meinung unsicheren Schritt in ein Abenteuer." „Sieh' das doch nicht so schwarz", schaltete sich die Oma ein, „ich traue den beiden zu, dass sie sich die Sache sorgfältig überlegt haben." „Das haben wir weiß Gott", gab Evamaria dazu, „an drei Tagen haben wir vom Nachmittag bis in die Nacht Informationen eingeholt und das Für und Wider gegeneinander abgewogen, bis wir uns sicher waren, den Schritt wagen zu können." Mit den Worten: „Na, dann will ich euch mal glauben, dass ihr das Richtige tut", schloss der Opa das Gespräch. Nach dem Kaffee mit von der Oma gebackenem Kuchen ging die Familie wieder nach Hause. „Wie geht es jetzt weiter?" wollte Evamaria wissen. „Ganz einfach", lachte Timo, „ich rufe den Vermittler an, signalisiere unsere Bereitschaft und bitte um ein baldiges Gespräch in Augsburg."

Das tat er Montag früh aus dem Büro und Herr Niemetz versprach, möglichst bald ein Gespräch in Augsburg zu vermitteln. Abends rief er zurück, Dr. Friedrich sei in dieser Woche in Augsburg und zu einem Gespräch bereit. Timo solle am Mittwochabend spätestens um 19 Uhr dort sein, sie würden im Steigenberger Hotel ein Zimmer für ihn buchen, ihn dort zu einem Essen zwecks Kontaktaufnahme einladen und am nächsten Tag in der Niederlassung von FEM das Gespräch beginnen. Man rechne damit, dass das Treffen am Donnerstag spätestens um 11 Uhr zu Ende sei. Timo fragte, ob er irgendwelche Unterlagen mitbringen solle, erfuhr aber, das sei nicht nötig, Dr. Friedrich wolle vorerst nur einen Eindruck von ihm gewinnen. Er, Niemetz, sei schon früher am Ort und werde bei dem Gespräch anwesend sein, am Donnerstag könne er Timo nach Stuttgart mitnehmen. Timo kaufte online die Fahrkarte für den ICE um 15:13, der kurz vor 17 Uhr in Augsburg sein sollte, um nicht im letzten Augenblick dort zu sein.

Nachdem das Gespräch festgelegt war, überlegte Timo, in welch Fachgebiet er dort am liebsten einsteigen würde. In der Elektronik wusste er durch seine alte Stelle gut Bescheid und hatte das Gefühl gewonnen, dass die Entwicklung hier ziemlich ausgereizt war. Auch bei den Motoren gab es kaum noch etwas Neues und beim Fahrzeugbau wäre vielleicht die Umstellung auf das leichtere Carbon interessant, doch davon verstand er nichts Die Zukunft lag ganz sicher bei den Batterien und er war sicher, dass FEM dieses wichtige Element der geplanten Elektrofahrzeuge nicht anderen Firmen überlassen würde. Er hatte inzwischen in seiner neuen Stellung eine Menge Erfahrungen mit der Prüfung von Batterien gewonnen, aber um auf diesem Gebiet kreativ tätig zu sein, musste er sich die Physik der Stromspeicher in Erinnerung rufen, mit der er sich zuletzt im Studium beschäftigt hatte:

„Aus der Erkenntnis, dass Materialien unterschiedliche Potenziale besitzen, entwickelte Alessandro Volta um 1800 eine Batterie, indem er eine Kupfer- und eine Zinkplatte über ein elektrisch leitendes Medium verband. Durch die Potenzialdifferenz entsteht zwischen den beiden Elektroden eine elektrische Spannung. Werden sie über einen Widerstand verbunden, fließt als Potenzialausgleich ein Strom, bei dem das unedlere Zink Elektronen abgibt und sich allmählich auflöst, während das edlere Kupfer sich aufbaut. Bei einem Akkumulator kann dieser Vorgang durch Anlegen einer äußeren Spannung zum größten Teil rückgängig gemacht werden, der Akku wird wieder aufgeladen. Im zurzeit hauptsächlich verwendeten Lithium-Ionen-Akku besteht die eine Elektrode aus Lithiumverbindungen, weil Lithium das unedelste aller Elemente ist. Für die andere Elektrode werden unterschiedliche Materialien eingesetzt." „Anscheinend geht ohne Lithium kaum etwas", dachte er, „und das scheint ziemlich ausgereizt zu sein. Gibt es vielleicht etwas ganz anderes?"

Unter dem Begriff „Stromspeicher" fand er die Elektrolyt-Batterie, die aus einer geteilten, aber durch eine für Elektronen durchlässige Schicht verbundene Reaktionskammer mit zwei unterschiedlichen Elektrolytflüssigkeiten besteht. Jeder Teil enthält eine Elektrode, an der die aus dem Ladungsausgleich zwischen den Elektrolyten bereitstehende Energie abgriffen wird. Die Flüssigkeiten lassen sich in einem normalen Tankvorgang austauschen und die Speicherkapazität der Batterien hängt nur von der Größe der Flüssigkeitstanks ab. Die benötigten Werkstoffe sind billig und in beliebigen Mengen verfügbar. „Damit werde ich mich mal intensiv beschäftigen", dachte Timo, „vielleicht könnte das für FEM interessant sein."

Evemie freute sich, dass es so schnell ging, als er abends von der Einladung nach Augsburg berichtete. „Schade, dass ich nicht mitkommen kann", meinte sie, „ich fand das Gespräch mit dem Vermittler sehr interessant. Weil du dich schon mit der Technik von Batterien beschäftigt hast, wirst du gleich einen guten Eindruck machen", lobte sie ihren Mann.

Am nächsten Tag sprach Timo das Thema Elektrolyt-Batterie bei einem Mitarbeiter an, den er für neue Ideen offen hielt. Der hatte unter Timos Vorgänger davon gehört, durfte sich aber nicht weiter damit beschäftigen, weil der damalige Vorgesetzte die Aufgabe der Abteilung ausschließlich in der Prüfung marktreifer Akkus sah. „Wir sind keine Forschungseinrichtung, sondern prüfen das, was die Industrie bereitstellt", hatte er bestimmt. Auf Timos Bitte erklärte sich der Mitarbeiter bereit, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und ihm bis morgen seine Meinung dazu zu sagen. Dann musste Timo sich bis zum Feierabend dringend mit den Ergebnissen weiterer Batterietests durch seine Abteilung vertraut machen, die er gestern durch seine Recherche versäumt hatte. Weil er die nächste Nacht in Augsburg verbringen sollte, feierten die beiden Eheleute abends einen intensiven Abschied.

Mittwoch ließ Timo den Wagen zu Hause und fuhr im guten Anzug mit seiner Reisetasche per U-Bahn zur Arbeit. Der Mitarbeiter, den er gestern gebeten hatte, sich mit der Elektrolyt-Batterie zu beschäftigen, kam zu ihm und nannte die Sache eine möglicherweise hoffnungsvolle Entwicklung. „Da man die Elektrolyte schnell nachtanken kann und nur zwei Flüssigkeitstanks braucht, sehe ich in diesem Verfahren eine hervorragende Entwicklungsmöglichkeit für Elektroautos. Leider ist bisher die Energiedichte nicht höher als bei Batterien, so dass man bei Tanks erträglicher Größe nach 200 Kilometern nachtanken muss. Möglicherweise findet man leistungsfähigere Elektrolyte, damit die Technik in E-Autos wirtschaftlich einsetzbar wird, die Forschung fängt ja erst an. Natürlich erfordert diese Technik auch eine Infrastruktur an Tankmöglichkeiten, die allerdings leichter zu realisieren sein wird als Schnellladestationen für Akkus. Ich wäre froh, wenn wir die Sache schon hier bei uns testen könnten, aber so weit ist sie leider noch nicht", sagte er.

Auf der Suche nach weiteren Antriebsmöglichkeiten für E-Autos fand Timo im Internet die Wasserstofftechnologie. Weil die Wasserstoffherstellung und die Rückverstromung in den Brennstoffzellen des Fahrzeugs verlustintensiv sind, benötigen Wasserstofffahrzeuge für dieselbe Strecke mehr als doppelt so viel elektrische Energie wie batteriebetriebene Elektroautos, las er. Ein weiteres Problem ist, dass bisher nur wenige Wasserstofftankstellen existieren. Daimler wollte 2014 mit der Serienfertigung von Wasserstofffahrzeugen beginnen, verschob aber dann die Produktion bezahlbarer PKW um mehrere Jahre. Diese Informationen, die wie viele andere gegenüber den Mitarbeitern geheim gehalten wurde, zeigten Timo, dass der Wasserstoffantrieb zwar technisch weiter entwickelt ist als die neuen Speichertechnologien, aber wahrscheinlich nicht die günstigste Lösung für Elektrofahrzeuge ist. Er würde sie im Auge behalten, hoffte aber, sich bei FEM vorwiegend mit der Elektrolyttechnik beschäftigen zu können.

2017-05-24-1495618608-7349475-CoverLichtundSchattenvorneklein.jpg

© Copyright 2017 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Licht und Schatten" beschreibt auf 192 Seiten die entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die zu einer erfüllten Ehe führt, bis ein Seitensprung des Mannes die Harmonie zerstört. Erst eine Reihe schwerwiegender Ereignisse bringt die Frau dazu, die eigene verschüttete Liebe auszugraben und den gekränkten Stolz zu überwinden, bis sie feststellen muss, dass sie auch fehlbar ist. Überrascht begreifen beide Partner, dass diese Turbulenzen ihre liebevolle Gemeinschaft gefestigt haben, so dass sie sich für die neuen Anforderungen gewappnet fühlen, die auf sie zukommen.

Der Roman wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:
Als Taschenbuch für 8,99 Euro mit ISBN Nr. 978-3-7450-3356-4
Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7450-3624-4

Das vorliegende Kapitel 9 umfasst im Buch 15 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.