Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Ernst Dieter Rossmann Headshot

Deswegen ist die AfD so erfolgreich

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
MECKLENBURGVORPOMMERN
Carsten Koall via Getty Images
Drucken

Darauf setzen sie - die Rechtsextremen, Rassisten, Nationalisten und Demokratiever├Ąchter - : dass sie sich ├╝ber die AfD einschleichen k├Ânnen in die Werte, W├╝nsche, Sprache und Verhalten der Verunsicherten und Missmutigen, der Selbstbezogenen und der Spie├čb├╝rger. Und davon leben sie: Der Ausgleich von Interessen und der Kompromiss der Parteien und damit die Demokratie m├╝ssen madig gemacht werden.

Vorurteilsfreie Vernunft und m├╝hsame Differenzierung werden mit dem Schlachtruf von ÔÇ×L├╝ge und Verrat" niedergewalzt. Die objektive wie subjektive Erfahrung von Ungerechtigkeit, Missachtung und Entfremdung f├╝hrt nicht in eine konstruktive politische Arbeit, sondern in eine Identit├Ąt von R├╝ckw├Ąrtsgewandtheit, Katastrophenstimmung, Egoismus und Abgrenzung. Es lebt sich stattdessen gut in beliebig aufladbaren Freund-Feind-Schemata.

Was sich in W├Ąhlerprozenten ausdr├╝ckt, erlebe ich auch an Informationsst├Ąnden, in B├╝rgersprechstunden und Versammlungen. Wo einige Menschen in Sorge und Unruhe sind, lassen andere die ÔÇ×Sau" raus und pflegen ungeniert einen lange verdeckten rechtsextremen Ungeist.

Mit der AfD ist diese Wiedergeburt der Ungl├╝ckskr├Ąfte des letzten Jahrhunderts als historische Karikatur, aber eben als eine gef├Ąhrliche, Gift und Missgunst verbreitende, in der Gegenwart von Europa und Deutschland wieder angekommen. Da hilft jetzt kein Psychologisieren, kein Kleinreden und Wegschauen, keine vorauseilende Anpassung oder Umarmungsstrategie. Jetzt sind Selbstvertrauen und Kampfbereitschaft, Zuversicht und Ernsthaftigkeit, auch Eigenkritik und Kr├Ąftekonzentration gefragt.

Wir haben in Deutschland von Willy Brandt bis Gerhard Schr├Âder von den Achtundsechzigern bis zu der Frauen- und Schwulenbewegung nicht f├╝r mehr Demokratie, Liberalit├Ąt , Weltoffenheit und europ├Ąische Zusammenarbeit gestritten, um hier jetzt kampflos der Restauration von v├Âlkischem Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Autokratie und Geistesverachtung Platz zu lassen.

Das fasst viele in meinem Familien- und Freundeskreis, in meinem politischen Umfeld und in meiner Partei auch ganz pers├Ânlich an und l├Ąsst sie sagen: Genug ist genug - das wollen wir uns nicht mehr l├Ąnger gefallen lassen. Da wollen wir zus├Ątzliche Kr├Ąfte mobilisieren. Wir wollen uns diese Demokratie, diesen Fortschritt und dieses Lebensgef├╝hl nicht nehmen lassen.

Gegen diese Ungl├╝ckskr├Ąfte von rechtem Populismus und Extremismus m├╝ssen die beharrlichen Arbeiter im Garten der Demokratie, in den Parteien, in den Parlamenten jetzt streitbar werden mit dem Entwickeln und Entfalten von klaren politischen Alternativen. Und mit der aus ├ťberzeugung und Haltung vorgelebten F├Ąhigkeit zum Kompromiss und zum konkreten Fortschritt. Denn das macht Demokratie aus.

Dazu m├╝ssen sich die Meinungsf├╝hrer und Repr├Ąsentanten in der Welt der Intellektuellen, der Medien, der Verwaltungen und der Verb├Ąnde auch immer wieder selbstkritisch fragen, wo sie sich als ebenso abgehobene wie erstarrte Elite verhalten oder wahrgenommen werden (m├╝ssen) und wo sie stattdessen wieder mehr B├╝rgern├Ąhe und Partizipation, Aufkl├Ąrung und Transparenz, Verzicht und Bescheidenheit zeigen k├Ânnen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Gegen die Missachtung von freiheitlicher Demokratie mit ihren Rechten und Pflichten durch die Raubtierkr├Ąfte des ungez├╝gelten Kapitalismus oder von korrupter Staatswirtschaft m├╝ssen die Regierungen und die Parlamente auch wieder ├╝berzeugend daf├╝r eintreten und zum Konflikt bereit sein, damit die globalen M├Ąchte von Kapital und Konzernen den Regeln der Demokratie folgen und nicht der Demokratie ihre Regeln diktieren.

Wo globale Konzerne Steuern hinterziehen, Normen und Arbeitnehmerrechte missachten, setzt sich der Eindruck fest, wirtschaftliche Macht kann der Demokratie auf der Nase rumtanzen. Weshalb sollen normale B├╝rger die Regeln der Gesellschaft und den gemeinsamen Staat dann noch ernst nehmen?

Echte Teilhabe f├╝r alle und ein fairer Ausgleich von Interessen lassen sich aber nicht auf eigene Faust und individualistisch herstellen, sondern brauchen ein starkes Gemeinwesen, eine aktive Zivilgesellschaft und einen leistungsf├Ąhigen Staat. Auch das bekomme ich als zweifelnde Frage in vielen B├╝rgergespr├Ąchen h├Ąufig zu h├Âren. Die Resignation von ÔÇ×denen da oben und uns hier unten" ist immer noch allzu weit verbreitet. Und sie wird systematisch gesch├╝rt.

Nicht zuletzt gegen diesen weltabgewandten R├╝ckzug in ein pessimistisches Biedermeier zwischen Gartenlaube und Verschw├Ârungsinternet m├╝ssen wir wieder die Lust und die Bereitschaft zum direkten Austausch, Gespr├Ąch, Streit, Konflikt setzen. Aug in Aug, von Angesicht zu Angesicht, in kleinen und in gro├čen Runden. Die Chance der politischen Beunruhigung muss genutzt werden.

Das Interesse an politischer Erkl├Ąrung, Einordnung, Perspektive ist bei vielen Menschen sp├╝rbar. Viele suchen Orientierung, Hoffnung, Beteiligung. Weshalb sollte hier nicht voller Optimismus und sehr kraftvoll gelten k├Ânnen: Das schaffen wir auch noch. Und daf├╝r lohnt es sich anzustrengen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert: