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Forstwirtschaft als Wurmfortsatz der Landwirtschaft

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FOREST
Axel Ellerhorst via Getty Images
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Ein Drittel der Fläche Deutschlands ist bewaldet. Visuell wird unser Landschaftsbild ganz wesentlich von Wäldern und Bäumen geprägt. Waldbilder lösen Emotionen aus, sie stehen für unzählige Mythen und Legenden. Städter verbinden mit Wäldern sauerstoffreiche Erholungsgebiete und tier- und pflanzenreiche Lebensräume, eben all das, was der Landwirtschaft zunehmend abhandenkommt. Wald versinnbildlicht Sehnsüchte nach Ruhe, Schönheit, Erdverbundenheit und Naturnähe.

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(Naherholung im Wald)

Dementsprechend werden an Waldbesitzer immer mehr Interessen und Begehrlichkeiten gerichtet. Waldbesitzer und Förster sollen generationsübergreifend arbeiten, den Klimawandel vorwegnehmen und die Belange des Naturschutzes und der Naherholung aufgreifen. Der Wald soll vielfältige und wertvolle Gemeingüter möglichst zum Nulltarif anbieten. Hier wird insb. dem privaten Waldbesitz ein großes Sonderopfer abverlangt, denn die Wohlfahrtsleistungen des Waldes lösen erhebliche betriebswirtschaftliche Aufwendungen aus. 

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Mark Milroy, Oil on Canvas

Das Verhältnis zwischen Land- und Forstwirtschaft oder Acker- und Waldbau ist von einer Unwucht geprägt. Die Ziele könnten kaum diametraler entgegengesetzt sein: versucht die Waldwirtschaft mit der ökologischen Vielfalt zusammenzuarbeiten und sie zu erhöhen, ist die Landwirtschaft bestrebt, die Vielfalt in der Flora auf jeweils eine Pflanzenart - ob Mais, Weizen oder Raps - zu reduzieren. Letzteres wird mit substanziellen EU-Beihilfen gefördert.

Bundeswaldgesetz

Im § 1 des Gesetzes zur Erhaltung des Waldes und zur Förderung der Forstwirtschaft (Bundeswaldgesetz) werden Ziele für den Waldbau in Deutschland benannt. Danach ist der Wald „wegen seines wirtschaftlichen Nutzens (Nutzfunktion) und wegen seiner Bedeutung für die Umwelt, insbesondere für die dauernde Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes, das Klima, den Wasserhaushalt, die Reinhaltung der Luft, die Bodenfruchtbarkeit, das Landschaftsbild, die Agrar- und Infrastruktur und die Erholung der Bevölkerung (Schutz- und Erholungsfunktion) zu erhalten, erforderlichenfalls zu mehren und seine ordnungsgemäße Bewirtschaftung nachhaltig zu sichern, die Forstwirtschaft zu fördern und einen Ausgleich zwischen dem Interesse der Allgemeinheit und den Belangen der Waldbesitzer herbeizuführen."

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(from my sketchbook)

Lässt sich die gesellschaftliche Wertschätzung quantifizieren? 

Während die Landwirtschaft im Bundesschnitt EU-Beihilfen von knapp 300 EUR/ha Ackerfläche erhält, fristet die Forstwirtschaft, die aktiv Natur- und Umweltschutz betreibt und Gemeingüter produziert, ein Aschenputtel-Dasein.

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Sie erhält marginale Zuwendungen von den Bundesländern - wenn überhaupt. Dabei gewährleistet sie - ganz im Sinne von §1 des Bundeswaldgesetzes - mit ihrem Prinzip einer ökonomischen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit die Bewahrung und Leistungsfähigkeit natürlicher Ökosysteme. Von der EU, vom Bund und von den Ländern und somit von der Gesellschaft selbst wird sie dafür - im Vergleich zur Behandlung von landwirtschaftlicher Produktion - verschmäht. 

Wirtschaftsliberale Sicht

Viele Forstleute begegnen der marktverzerrenden europäischen und US-amerikanischen Subventions- und Interventionspolitik mit großer Skepsis. Statt jährlich mit Milliardenbeihilfen Lebensmittel zu verbilligen und heimische sowie internationale Märkte zu verzerren, fordern liberale, konservative und sozial-ökologische Agrar- und Forstökonomen gleichermaßen, Beihilfen müssten wenigstens dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen dienen. Subventionen sollen nicht Privatschatullen füllen, sondern Umweltgüter (sauberes Wasser, saubere Luft, große biologische Vielfalt der Pflanzen und Tierarten, Bodenschutz, Kohlenstoffvorräte, vielfältiges Saatgut) fördern und schützen.

Wald ist en vogue

Wald ist en vogue, Waldspaziergänge hip, Jagdschulen prosperieren, Wildbret wird - gegrillt und exotisch gewürzt - verschlungen. Keine Frage, die Gesellschaft wünscht sich pflanzen- und tierartenreiche Wälder. Sie ist aber (noch) nicht bereit die Funktionen des Waldes, bspw. für den Wasserhaushalt oder als Produzent von zahlreichen Gemeingütern, in angemessener Weise zu würdigen. Die Forstwirtschaft verzichtet weitestgehend auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger und trägt durch eine naturnahe Waldbewirtschaftung zum Schutz des Trinkwassers bei. Während Grundwasser in landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten häufig besonderen Belastungen durch Düngemittel und Pestiziden ausgesetzt ist, hat das unter Wäldern gesammelte Wasser regelmäßig so gute Qualität, dass es ohne zusätzliche Aufarbeitung sofort als Trinkwasser genutzt werden kann.

Mehr zum Thema: Nachhaltige Ernährung: Warum ökologischer Landbau kein Luxus für die Reichen ist

Die garstige Unwucht zwischen Wald- und Ackerbau

Diese Unwucht wird solange bestehen bleiben, solange die Forstwirtschaft der öffentlich-rechtlichen Verwaltung der Landwirtschaft und nicht einer eigenständigen, ganz und gar auf sie ausgelegten Verwaltung, die vom Geist der Vielfalt durchdrungen ist, unterstellt wird. Das hätte auch Nachteile: Wer will schon mehr bürokratische Aufmerksamkeit und Aufsicht? Forstwirte lieben ihre unternehmerische Freiheit und nehmen gern in Kauf, keine EU-Beihilfen zu erhalten, um nicht erleben zu müssen, wie sich der Wald in einen Paragraphendschungel verwandelt.
In Bundesländern wie Brandenburg hat der großflächige Marktfruchtanbau Vorfahrt; die Forstwirtschaft wird politisch und administrativ nachrangig behandelt. Das Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft trägt primär Verantwortung für die Landwirtschaft. Forstwirtschaft degradiert zum Wurmfortsatz des Ministeriums. Analog ist es auf Bundesebene. Dort hat sich die Forstwirtschaft dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterzuordnen. Nur im Freistaat Bayern gibt es noch ein Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. In Österreich gibt es das das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft. Ohne die Einbindung der Forstwirtschaft in die Namensgebung hätte das Ministerium wohl nie den klangvollen und in der Bevölkerung beliebten Zusatz "Ministerium für ein lebenswertes Österreich" erhalten.

Geschädigter zahlt!

Eines der vielen Folgen ist, dass bspw. in Brandenburg selbst im Wald liegende Naturschutzgebiete Opfer von Entwässerungsmaßnahmen werden, die ausschließlich der landwirtschaftlichen Nutzung dienen, sogar in den niederschlagsärmsten Regionen des Landes. Einer kompletten Verhöhnung des Waldes entspricht es, wenn Waldbesitzer aufgefordert sind, aus „Solidarität" die Kosten dieser Entwässerung zugunsten der Landwirtschaft und Eigentümern von versiegelten Flächen in den Kommunen mitzutragen. So sieht es das geltende Recht vor. Auch in der offiziellen Kommunikationsstrategie und in der Verteilung von finanziellen Mitteln spiegelt sich wider, dass die industrielle Landwirtschaft mit ihrer geringen Beschäftigungsquote Vorfahrt genießt.

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Mark Milroy, Oil on Canvas

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