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2000m² Weltacker: Städter (Teil 2)

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Teilt man die Ackerfläche dieser Welt durch die Zahl ihrer Bewohner, ergibt das etwa 2000m². Freiwillige haben auf einer 2000m² großen Fläche an der Havel im Weltmaßstab die Bepflanzung dieser 1,4 Milliarden Hektar nachvollzogen. Die Initiative ging aus einer Informationskampagne über die europäische Agrarreform hervor.

Sie geht der Frage nach, wie wir weltweit Landwirtschaft organisieren und was sich strukturell verbessern sollte. Obwohl auf diesen 2000m² tonnenweise Gemüse, Kartoffeln oder Getreide wachsen, kommen wir Europäer mit diesem Platz nicht aus: Wir verbrauchen, verschwenden und vernichten zu viel. So lautet eines der Kernaussagen der Initiative 2000m².

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2000m² große Projektionsfläche

2000m² bilden auch eine Projektionsfläche für die Vorstellungen von Menschen, die nicht auf dem Land leben. Die Sehnsucht der Städter nach dem „Land" wächst mit dem Mangel an Kontaktmöglichkeiten zum Landleben, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach nachweist. In den Städten erzielen die Grünen ihre besten Wahlergebnisse und werden am meisten Exemplare der Zeitschrift Landlust verkauft.

In der als naturnahe geltenden Uckermark vor den Toren der Bundeshauptstadt haben die Grünen keine Basis. Anderseits werden von Städtern in Städten wie Berlin, Brüssel (EU-Kommission), Straßburg (Agrarauschuss des EU-Parlaments), Genf (Welthandelsorganisation), und nicht auf dem Land, die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft gesetzt. An den internationalen Börsenplätzen der Welt, New York, Chicago, London, Tokio, Shanghai und Frankfurt, werden ökonomische Fakten geschaffen, die die Landwirtschaft auf dem Land maggeblich beeinflussen. In den Städten, und nicht auf dem Land, gestalten Banker, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer, Verbandsfunktionäre, Manager der Energie- und Lebensmittelindustrie landwirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Dort, im urbanen Raum, konzentriert sich das aufgeklärte Bildungsbürgertum, das sich vorstellen kann, was es langfristig bedeutet, wenn heute zehn Agrochemiekonzerne knapp 75% des kommerziellen Saatgutmarktes beherrschen und in vielen Regionen der Welt mehr als 90% der Saatgutsorten längst verloren gegangen sind; wenn die biologische Vielfalt der Pflanzen- und Tierarten weiterhin rapide abnimmt. Dort macht man sich Gedanken, wozu es führen kann, wenn einzelne Konzerne die natürlichen Ressourcen unserer Welt - auf oftmals trickreiche Weise - zu patentieren und privatisieren versuchen.

An den städtischen Universitäten und Forschungsinstituten wird darüber gegrübelt, wann die Übermacht einzelner Konzerne die nachhaltige Landwirtschaft und Nutzpflanzenvielfalt zu zerstören droht; wann aufgrund von strukturellen Fehlentwicklungen unsere Ernährungssicherheit in Gefahr gerät.

Aufgrund fehlender spezifischer Standortfaktoren konnten natürlich nicht alle Früchte auf dem kleinen Weltacker in Kladow, gegenüber vom Grunewald, abgebildet werden. Was man auf der 2000m² großen Fläche heute sehen kann, reicht aber, um auch einem Städter eine Vorstellung zu geben, wie auf dieser Fläche tonnenweise Gemüse, Kartoffeln und Getreide entstehen und geerntet werden.

Wünschenswert wären solche Projekte überall, vor allem in anderen Ballungsräumen, wo viele Kinder und Jugendliche eine sehr vage Vorstellung haben, wo ihre Lebensmittel herkommen, welche Böden benötigt werden, wem sie gehören, wie diese bearbeitet werden, über wie viele km wie viele Händler Ackerprodukte weiterleiten, bevor sie von der Lebensmittelindustrie weiterverarbeitet und transportiert werden, um dann auf ihren Tellern zu landen. Auf lange Sicht können Projekte dieser Art nicht nur der Bewusstmachung dienen, sondern auch Fehlernährung und die maßlose Verschwendung von Lebensmitteln eindämmen.

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Gemüsegarten für das US-Volk

In den USA werden jedes Jahr weit über eine Million Fettabsaugungen durchgeführt. 2009 ließ Michelle Obama die Tradition des White House Gemüsegartens wiederaufleben. Auf einer deutlich kleineren Fläche als der Weltacker in Kladow gedeihen heute Kräuter, Tomaten und Kohl für Staatsempfänge und Mahlzeiten der Präsidentenfamilie.

Schulen im ganzen Land eifern der First Lady nach. Mittlerweile sind in den USA Zehntausende Nutzgärten entstanden. Michael Pollan, Autor des Bestellers Omnivore's Dilemma (Das Omnivoren-Dilemma: Wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum Essen so kompliziert wurde) und ein Verfechter der nachhaltigen Landwirtschaft, glaubt der Gemüsegarten der First Lady habe bereits viele Amerikaner auf den Pfad der Tugenden zurückgeführt und vermittle der amerikanischen Fast Food Nation (Titel eines Sachbuchs von Eric Schlosser) in anschaulicher Weise die Vorzüge des regionalen Anbaus und gesunden Essens.

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Der US-Landwirtschaftsminister Tom Vilsack, ein Gentechnik-Befürworter, nutzt seinerseits Michelle Obamas Projekt, um Gesetzesinitiativen und Verordnungen auf den Weg zu bringen, die Kindern mehr Zugang zu Obst und Gemüse im Schulalltag verschaffen sollen.