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2000m² Weltacker (Teil 3)

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Teilt man die Ackerfläche dieser Welt durch die Zahl ihrer Bewohner ergibt das etwa 2000m². Obwohl darauf tonnenweise Gemüse, Kartoffeln oder Getreide wachsen, kommen Europäer und Amerikaner mit diesem Platz nicht aus: Sie verbrauchen, verschwenden und vernichten zu viel.

So lautet eines der Kernaussagen der Initiative 2000m². Als praktische und visuelle Hilfestellung werden auf einer 2000m² großen Fläche in Kladow an der Havel im Weltmaßstab die Bepflanzung dieser 1,4 Milliarden Hektar nachempfunden. Das 2000m² Projekt ging aus einer Informationskampagne über die europäische Agrarreform hervor.

Die ARC2020 - ein Bündnis aus über 150 zivilgesellschaftlichen Netzwerken und Organisationen, das sich für eine nachhaltigere Landwirtschaft im Rahmen der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) einsetzt - unterstützt das Projekt. Die Initiative sucht nach Antworten, wie wir weltweit heute Landwirtschaft organisieren sollen und was sich strukturell verbessern sollte.

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Guter Boden

Im Boden trifft die Lithosphäre (Gesteinsschicht) auf die Atmosphäre (Luft), Hydrosphäre (Wasser) und Biosphäre (Fauna und Flora). Der Oberboden - in der Landwirtschaft auch Ackerkrume genannt - ist der Produktionsfaktor, der über Jahrtausende die Lebensqualität der Menschen sicherte und in großen Teilen der Welt nach wie vor sichert.

Der Oberboden ist so vital, so fruchtbar, dass wir ihn auch als Mutterboden bezeichnen. Der Bodenkundler sieht den Mutterboden mit seinen Mikro- (Bakterien, Viren, Schimmelpilze und Hefen) und Makroorganismen (Insekten, Schnecken und andere Organismen, die man mit dem bloßen Auge erkennen kann) als Garant des Lebens auf Erden. Wer etwas Blumenerde zwischen die Finger nimmt, bewegt Millionen Mikroorganismen (Mikroben), darunter Tausende verschiedene Arten. Forscher haben nicht einmal ein Prozent der Milliarden verschiedenen Arten klassifiziert.

Je „naturnaher" der Boden bebaut wird, desto mehr biologische Vielfalt erhält er. Abermillionen Mikro- und Makroorganismen eines nicht mit Pestiziden, Fungiziden und Insektiziden behandelten Bodens bilden die Grundlagen einer reichen Bodenfauna und -flora und bieten eine schier unerschöpfliche Nahrungsquelle für Pflanzen, Insekten, Vögel und Säugetiere. Intensiv bewirtschaftete Monokulturen können das nicht leisten.

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Aus landwirtschaftlicher Sicht besteht ein „guter" Boden aus etwa 45% Mineralien (Kies, Sand, Schluff und Ton), 5% organische Materie (Humus), 50% Wasser und Luft - samt Nährstoffen und Abermillionen Bodenlebewesen (Edaphon). Selbst der Laie kann zwischen leichten (Sandboden), mittleren (Gartenboden) und schweren Böden (mit hohen Ton- und Lehmanteil) unterscheiden.

Jeder Standort verfügt über einzigartige Eigenschaften mit unterschiedlichen Folgen für den dynamisch sich verändernden Bodenbildungsprozess. Diese geben Auskunft darüber, für welche Arten von Pflanzen der Boden geeignet ist. Ein Landwirt erkennt schnell die wesentlichen Eigenschaften eines „guten" Mutterbodens: krümelig, humos, gut durchlüftet, leicht durchwurzelbar, nimmt ausreichend Niederschlagswasser auf, usw.

Aus diesen Eigenschaften kann er ableiten, wie wasserdurchlässig der Boden ist, wie hoch der Anteil an organischen Pflanzen ist, er kann den ungefähren pH-Wert des Bodens schätzen und Aussagen über den Nährstoff- und Humusgehalt treffen.

Eine der größten Herausforderungen für Wissenschaftler besteht allerdings in der Erforschung der sehr komplexen und dynamischen Wechselwirkungen, die im Leben unter der Erdoberfläche auftreten. Die außergewöhnlichen Merkmale von Mikroorganismen spiegeln sich in der Vielfalt der ökologischen Nischen wider, in denen sie zu finden sind.

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EU-Bodenschutzrecht

Zahlreiche Versuche, auf europäischer Ebene ein Bodenschutzrecht (vergleichbar dem europäischen Gewässerschutz- und Luftreinhalterecht) zu etablieren, sind bislang gescheitert. Stattdessen adressiert ein Dickicht von Einzelregelungen in wenig kohärenter und konsistenter Weise einzelne Aspekte des Bodenschutzes.

2006 hatte die EU-Kommission einen Entwurf für eine Bodenrahmenrichtlinie vorgelegt, der die Vermeidung einer weiteren Verschlechterung der Bodenqualität, die Erhaltung der Bodenfunktionen und die Wiederherstellung der geschädigten Böden unter Funktionalitätsgesichtspunkten zum Ziel hatte.

Das EU-Parlament hatte dem Entwurf zugestimmt. Eine Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten hatte den Entwurf begrüßt. Kürzlich wurde der Entwurf zurückgezogen. Deutschland hatte sich dagegen versperrt. Nach Ansicht des Bauernverbandes und der Bundesregierung sei nur eine nationale Bodenschutzgesetzgebung mit dem Subsidiaritätsprinzip, also dem Anspruch, bestimmte Aufgaben auf der möglichst niedrigsten Ebene zu erledigen, vereinbar.

Charles Darwin und die Regenwürmer

Die Anwesenheit von Regenwürmern im Boden deutet auf eine gute mikrobielle Aktivität hin. Am Ende eines intensiven Forscherlebens war das naturwissenschaftliche Genie Charles Darwin davon überzeugt, dass nichts wichtiger sei für das Wohl und Wehe der Menscheit als die Erhaltung und der Schutz von Böden.

Wie besessen verbachte Darwin seine letzten Lebensjahre mit der Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Würmern und Boden. 1881 erschien sein Spätwerk The Formation of Vegetable Mould through the Action of Worms, with Observations on their Habits. Dafür wurde Darwin von vielen Zeitgenossen als seniler Spinner verspottet.

Heute stehen wir immer noch ganz am Anfang der Erforschung dieser Wechselwirkungen und des Lebensraums Boden. Das liegt sicher auch daran, dass die Bodenkunde als interdisziplinäre Wissenschaft darauf angewiesen ist, die Erkenntnisse und Methoden verschiedener Fachgebiete zu verwenden.

Dazu zählen ausser den den Agrarwissenschaften die Biologie, Physik, Chemie, Biochemie, Botanik, Zoologie, Mikrobiologie, Geologie, Mineralogie, Geographie und Hydrologie. Deswegen empfiehlt die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) die Bedeutung der Böden als endliche Georessource viel stärker als bisher national, europäisch und global in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Sie fordert, Fachwissen zu bündeln und institutionelle Zusammenarbeit zwischen den relevanten Akteuren und Personen transdisziplinär zu fördern.

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Bodenschutzziele verfehlt

Landwirte in Deutschland operieren im Allgemeinen auf hohem technischen Niveau. Sie gehen verantwortungsvoll mit der Ressource Boden um, insbesondere wenn sie selbst Eigentümer der Flächen sind. Dennoch lösen überhöhte Stickstoff- und Phosphatausträge Alarm aus:

Die wissenschaftlichen Beiräten für Agrarpolitik (WBA) und für Düngungsfragen (WBD) beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMELV) sowie der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung sehen dringenden politischen Handlungsbedarf, damit einige zentralen Umweltziele im Agrarbereich erreicht werden.

Die größten Defizite sehen sie in Regionen mit intensiver Tierhaltung und Bioenergieproduktion sowie in Regionen mit einem hohen Anteil von Sonderkulturen. Dort nehmen die Nährstoffausträge zu, dort verringert sich die Qualität der Oberflächen- und Grundgewässer, dort leidet die biologische Vielfalt der Landökosysteme am meisten.

In diesen Regionen geht der kleinere Anteil der Produktion in die direkte Versorgung des Menschen mit Lebensmitteln. Der weitaus größere Teil liefert energetische Biomasse oder dient der Aufzucht und Mast von Tieren, was daran erinnert, dass es totaler Quatsch ist, wenn Verbandsfunktionäre der Agrarindustrie immer wieder behaupten, man müsse auch in Deutschland mehr Flächen in die Produktion bringen, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren.

Der WBD fordert eine umfassende und transparent dokumentierte Bilanzierung, die Verlängerung der Sperrfristen zur Ausbringung von organischen Düngemitteln, die Ausweitung der Mindestlagerkapazitäten für organische Düngemittel, die Verschärfung der Anforderungen an die Ausbringungstechnik und Einarbeitung von organischen Düngemitteln sowie eine stärkere Limitierung der Phosphatzufuhr als wirksame Begrenzung von Nährstoffüberschüssen.

Beim Projekt 2000m2 kann jeder mitmachen.