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Ich hatte Angst, dass er mich eines Tages umbringen würde

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VIOLENCE CHILDREN
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Mein Vater hat meine Freundin mit einem Baseballschläger in die Flucht geschlagen. Meine Freundin rannte weg, aber ich war gefangen und konnte nicht entkommen. Dann hat er den Baseballschläger benutzt, um mir eine Lehre zu erteilen. Ich sollte nie wieder Freunde mit nach Hause bringen.

Meine Freundin hat nach diesem Vorfall kein Wort mehr mit mir gesprochen.
Ich weiß nicht, wie alt ich damals war.

Ich habe nicht viele Erinnerungen an meine Kindheit und die wenigen,
die ich habe, möchte ich um alles in der Welt vergessen.

Niemand hat mich beschützt. Ich hatte blaue Flecken und Knochenbrüche.

Das waren die sichtbaren Verletzungen. Aber es gab auch unsichtbare Verletzungen, die emotionalen und die zerstörerischen Verletzungen. Meine Geschwister und ich haben unsere Mutter so oft angefleht, aber sie hat sich nicht getrennt.

Sie sagte uns, dass ihr Vater sie mit einem Gürtel ins Gesicht geschlagen habe. Sie
sagte, es würde uns nicht so schlecht gehen. Manchmal hat sie versucht, dazwischen zu
gehen. Sie wurde einfach weggestoßen.

Am besten die Augen davor zu verschließen

Lehrer haben nie etwas gesagt. Ich nehme an, in den 1970er- und 80er-Jahren war vieles noch anders. Das war eine Familienangelegenheit oder vielleicht wollten sie es auch nicht sehen und hielten es für das Beste, die Augen davor zu verschließen.

Ich würde gerne sagen, dass es nur ein Lehrer war, aber die Misshandlungen gingen so lange, wie ich mich erinnern konnte. Von der Grundschule bis zu meinem Schulabschluss.

Einmal klingelte ein Nachbar bei uns. Er hatte Lärm gehört und machte sich Sorgen.
Ich war so erleichtert. Ich spähte durch den Schlitz zwischen einem Vater und dem Türrahmen und bat den Nachbarn um Hilfe.

Mein Vater stieß mich mit Gewalt weg. Ich schlitterte über den Boden gegen die Wand.
Der Nachbar ging einfach. Als ich 14 Jahre alt war erkannte ich, dass das nicht normal war. Es war ein Instinkt, ein Gefühl tief in mir drin. Ich wusste, dass es nicht richtig war.

Ich hatte Angst. Ich hatte Angst, dass er mich eines Tages umbringen könnte.
Ich hatte auch Angst, dass er es nicht tun würde.

Einmal war ich wegen eines gebrochenen Arms im Krankenhaus. Er brach, als mein Vater mich auf den Boden gedrückt hatte. Meine Großmutter hat darauf bestanden, dass ich ins Krankenhaus komme.

Mein Vater verlor die Geduld als ich weinte, weil wir eine gefühlte Ewigkeit warten mussten. Er schlug meinen Kopf gegen eine Metalltür. Mein Arm wurde eingegipst,
die frische Platzwunde an meinem Kopf wurde genäht und der Arzt schickte uns wieder nach Hause.

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Niemand würde mir zu Hilfe eilen

Da wurde mir klar, dass ich auf mich alleine gestellt war. Niemand würde mir zu Hilfe eilen. Mit 14 griff ich zu dem einzigen Mittel von dem ich glaubte, dass es mir helfen und mich schützen würde: ich schluckte alle Medikamente aus unserem Badezimmerschrank. Ich wollte nicht sterben. Ich wollte in Sicherheit sein. Und damals glaubte ich, dass einzig der Tod mir Schutz bieten würde.

Am nächsten Morgen wachte ich im Krankenhaus auf. Ich hatte einen Katheter und einen Schlauch in der Nase. Ich rollte mich auf die Seite und übergab mich auf den Boden. Ich schrie. Die Krankenschwester kam ins Zimmer und versicherte mir, dass ich in Sicherheit sei.

Aber das war ich nicht. Das wusste ich. So lange ich am Leben war, war ich nicht sicher.
Ich wurde in die Kinderpsychiatrie im St. Vincent Hospital in Harrison, New York überwiesen. Dort verbrachte ich die nächsten 15 Monate.

Einmal im Monat kam meine Familie zu einer Beratungsstunde. Mein Bruder sah mich nicht an. Ich dachte, er würde mich hassen. Später verstand ich, dass er wütend war. Ich hatte ihn zuhause alleine gelassen.

Ich hätte alles getan, nur um nicht zurück nach Hause zu müssen

Ich wurde mit Haldol behandelt. Meine Muskeln wurden steif. Ich konnte meine Hände nicht öffnen und mein Nacken neigte sich zu einer Seite. Jedes Mal, wenn ich entlassen werden sollte, tat ich etwas, um das zu verhindern.

Ich aß nichts mehr. Ich spielte Wutausbrüche vor. Ich ritzte mich. Ich drohte mit Selbstmord. Das verlängerte meinen Aufenthalt jedes Mal. Ich hätte alles getan, nur um nicht zurück nach Hause zu müssen.

Das ging mir in letzter Zeit durch den Kopf. Ich weiß nicht, ob ich jetzt, dreißig Jahre später, einen Abschluss brauche, ob ich verbittert sein sollte oder einfach die Lücken in meiner Erinnerung füllen muss. Vor allem aber will ich wissen, ob das Krankenhaus von den Misshandlungen gewusst hat und mich trotzdem nach Hause geschickt hätte.

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Wussten sie davon?

Vor ein paar Monaten beantragte ich im St. Vincent Hospital Einsicht in meine Krankenakte. Habe ich den Missbrauch angezeigt? Wussten sie davon? Hätten sie mich trotzdem nach Hause entlassen?

Diese offene Frage schwirrte mir durch den Kopf. Diese Ungewissheit.
Ich wurde enttäuscht. Ich werde es nie herausfinden und ich muss für mich selbst eine Antwort auf diese Frage finden, um loslassen zu können.

Vielleicht soll ich es nicht wissen. Vielleicht muss ich nur aus mir herausgehen, um mich daran zu erinnern, dass ich das Puzzle nicht zusammensetzen muss. Die Erinnerungen gehören der Vergangenheit an. Ich bin nicht mehr das Kind von damals. Ich bin kein Opfer mehr.

Ich wusste, dass ich nicht das Problem war. Ich war kein böses Kind. Ich habe das, was mir angetan wurde, nicht verdient. Mein Vater brauchte Hilfe, die er nie gesucht hat. Er muss sehr viel länger mit sich leben, als ich es musste.

Ich habe den Kreis durchbrochen. Meine Kinder erleben nicht den Schmerz und die Angst, die ich in meiner Kindheit erfahren musste. Ich habe sie mit Mut, Unabhängigkeit, Liebe und Zuneigung erzogen.

Kinder sind auch Menschen

Ich habe ihnen beigebracht, Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit zu zeigen. Ich bin mit gutem Beispiel vorangegangen, in dem ich an mich geglaubt habe. Stets in der Hoffnung, dass auch meine Kinder an sich glauben werden. Ich habe sie nie angeschrien. Kinder sind auch Menschen. Wenn ich mich selbst respektieren will, dann muss ich auch sie respektieren.

Ich frage mich oft, ob ich meine Kinder auch mit der Bewunderung und dem Mut erzogen hätte, wenn meine eigene Kindheit anders verlaufen wäre. Mein Vater hat mir eine Lehre erteilt, und wenn es auch sonst nichts gibt - dafür bin ich ihm dankbar.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Medium.com und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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