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Migration ist das natürlichste auf der Welt - und Kunst kann uns helfen, das zu verstehen

26/11/2017 17:39 CET | Aktualisiert 26/11/2017 17:39 CET
GUILLERMO ARIAS via Getty Images

Mehr als 10 Jahre arbeite ich nun bereits an Projekten mit stark sozialen und politischen Inhalten, wie der schwierigen Frage der Immigration sowie von Grenzen, Nationalität, Sexualität, Frauen in Machtpositionen, internationale Wirtschaft und Umweltprobleme.

Durch das Einbringen dieser Thema in die Kunstarena erhoffe ich mir, mich in das Gewissen der Zuschauer vorzuarbeiten und Bewusstsein zu schaffen.

Mit einigen Projekten habe ich so etwas im Bereich Wirtschaft erreicht. Ich lud den Zuschauer ein, über die Auswirkung von wirtschaftlichen Entscheidungen, über globale Ethik, den Gebrauch von Geld, zirkulierendes Kapital und Migration nachzudenken.

Ich schuf die Möglichkeit, das Konzept von Geld in einen poetischen, spielerischen und phantasievollen Kontext zu bringen und das Verhältnis von Kunst und dem spielerischen Aspekt, der sich aus Freiraum ergibt, zu erkunden.

Wenn Menschen ein Teil des Kunstwerkes werden

Ich mag multidisziplinäre Projekte, die interaktiv sind, einen spielerischen Aspekt haben und deren immersive Erfahrung jedes Einzelnen die Bedeutung des Werkes selbst verändert.

Mit anderen Worten, Leute können Teil der Installation werden oder einen Teil der Installation als Geschenk oder Preis mit nach Hause nehmen.

Wenn ein Kunstwerk aktiv, also körperlich und mit allen 5 Sinnen, erlebt werden kann, besteht die Möglichkeit, dieses mit einer höheren Bewusstseinsebene zu verbinden und somit verbleibt die Nachricht, so hoffe ich, länger im Gedächtnis.

Ich habe in Mexiko, Italien, Deutschland, Brasilien und den USA gelebt. Da ich also selbst Immigrantin bin, befürworte ich Migration, den natürlichen Migrationsfluss von Ankunft und Rückkehr, so wie vor Jahrhunderten in einigen Ländern und wie nur vor einigen Jahrzehnten noch in anderen.

Migration - ein natürlicher Prozess

Ich habe den Monarchfalter, bekannt für seine epische Migration jedes Jahr zwischen Mexiko, den USA und Kanada, metaphorisch in verschiedene Projekte eingebracht.

Der Falter ist ein Bezug zu Menschen mit multinationalem und mehrgenerationalem Migrationshintergrund, deren Anzahl heute durch weltweite Mobilität stetig steigt. Diese Schmetterlinge immigrieren, um die in den jeweiligen Gebieten herrschenden Lebensbedingungen zu nutzen. Das ist ein natürlicher Prozess.

Mein an der B3 teilnehmendes Werk "Under the Same Sky... We Dream" wandelt den Kongressbeschluss zur Reform der Immigration in die USA in ein Lied. Der "Dream Act" wurde niemals verabschiedet, hätte aber "Träumern" ohne Papieren auf den Weg zu einer legalen Staatsangehörigkeit verholfen.

Das Video ist eine multisensorische Ausblick auf belastende Wirklichkeit an der Grenze und Einwanderungsfrage, der zum Nachdenken anregt.

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Grenzen werden ständig gebaut und umgebaut, die globale Mobilität wird dadurch behindert und Strategien für eingezäunte Gebiete werden mehr, was sich auf geopolitische Interessen und nationale Strukturen auswirkt.

Dieses Zeitraffervideo wurde aus mehr als 35.000 Fotos vom Himmel nahe der Grenze zwischen El Paso, TX. und Ciudad Juarez, Mexiko zusammengestellt.

Kunst hat ihre eigene Natur. Sie verbindet, verschmilzt und führt zusammen, ganz im Gegensatz zu Populismus. Der grenzt aus, Populisten separieren, sie führen nicht zusammen. Traurigerweise haben Massenkultur und soziale Medien eine enorme Verantwortung gegenüber dem politischen Ergebnis. Schnelle und manipulative Information führt kulturlose und unwissende Menschen auf dunkle Wege.

Information, Wissen, moralisches Bewusstsein und Empfindungsvermögen sind die Grundlage. Je mehr jemand über etwas in Erfahrung bringt, je besser können Projekte ins Leben gerufen werden, die etwas bewirken.

Der Traum von einer besseren Welt

Seit ich ein Kind war fürchte ich mich vor der Überbevölkerung. Mit der Zeit hat sich das Gefühl zwar gewandelt aber es ist noch da. Daher stammt auch meine Besorgnis den Auswirkungen von Umweltzerstörung, Machtmissbrauch, Krieg und Ungerechtigkeit. Trotzdem habe ich mir den Traum von einer besseren Welt erhalten.

Meine Arbeiten entstehen aus einer Hoffnungsquelle, aus einem Pulsschlag, der mit Leben und Eros verbindet. Es ist schwer, eine Verbindung zu Zerstörung und Thanatos herzustellen. Als Teenager hinterließen die Filme Blade Runner, ... Jahr 2022 ... die überleben wollen und Uhrwerk Orange sowie das George Orwells Buch 1984 einen tiefen Eindruck.

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Ich war schockiert von der darin beschriebenen Welt und diese Schreckensvisionen waren irgendwo eine Voraussicht. Habgier, Gewalt und das Geld als Gott scheinen vorzuherrschen und Regierungen sowie Großkonzerne haben die Macht und kein Ende ist in Sicht.

Die Wahrheit ist, dass wir in einer kapitalistischen und von Konzernen geführten Welt leben, die im eigenen Interesse aber nicht im Interesse der Menschen handelt. Wir brauchen Bewusstsein und weniger Gier, weniger Verlangen nach Besitz, mehr Teilen und Erleben und mehr Toleranz.

Meiner Meinung nach ist es sehr widersprüchlich, wenn uns das Internet in einer Sekunde mit der gesamten Welt verbindet, wir alle irgendwohin gehören und andere Leute, andere Länder und andere Kulturen kennenlernen möchten, aber den Nachbarn nicht zeigen wollen, wie wir leben, um ja nicht den trennenden Zaun zu überwinden.

Die Angst vor dem Anderen

Wir fürchten uns vor den Nachbarn, vor Fremden, vor dem Anderen. In einigen Ländern gibt es eine Hochsicherheitskultur, die Sicherheit der Heimat, die von Ausländern bedroht wird. Einige Regierungen sähen diese Angst, erfinden den Feind. Wir dürfen nicht vergessen, dass es immer etwas zu verteidigen und einen Schuldigen geben wird.

Wir müssen das jeweilige Gegenstück, der Gegensatz sein, und ein Gleichgewicht im Zentrum nicht im Extremen finden.

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Dasselbe gilt auch für das Wohlergehen, für Nahrung und Güter: einige habe es andere nicht, Überfluss ist an einigen Orten und Mangel woanders, Reichtum ist in der Hand von manchen, Armut in der Hand von anderen.

Wenn Künstler und Kunst sich in das soziale Gefüge integrieren und Projekte an unerwartete Orte außerhalb der Institution, in abgelegene Ortschaften und Flüchtlingslager etc. verwirklicht werden. Wenn Kunst soziale Praxis und visueller Aktivismus wird. Wenn Kunst der Nische der Elite entflieht und für jeden, auch für in Abgeschiedenheit lebende und nicht privilegierte, zugänglich ist.

Gewalt, Verbrechen, Armut

Mein Heimatland Mexiko liegt mit seiner gesamtwirtschaftlichen Leistung und seinem industriellen Wachstum unter den Top 20. Dennoch hat es eine unglaublich hohe Rate an Gewalt, Verbrechen, Straflosigkeit, Armut, fehlender Bildung und Ungerechtigkeit.

Das betrifft jeden einzelnen Mexikaner. Laut einigen Erhebungen leben fast 40 Prozent des Landes in Armut und ein dramatischer Anteil des Prozentsatzes wird in eine Familie geboren, die sich mit irgendeiner kriminellen Handlung den Lebensunterhalt verdient.

Nichts wird sich daran ändern, solange Regierungen wegschauen, wenn Kinder unten solchen Umständen aufgezogen werden.

Visueller Aktivismus treibt mich an. Zeugin zu sein, wenn marginale visuelle Ausdrucksformen zu einem Trend werden, Kunst nach draußen getragen wird und Gemeinschaften aus Künstlern, Architekten und Designer ländliche Gemeinden mit proaktiven und konstruktiven Ideen verändern, die für Wohnstätten, produktive Geschäftsmodelle, Wohlbefinden, Gesundheit und Bildung etc. umgesetzt werden.

Erika Harrsch wurde in Mexiko City geboren und lebt in New York. Sie ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die tradierte Medien mit neuen Medien verbindet.

Ihr Kunst-Werk: 'Under the same sky... we dream' sinnt nach über das Recht, sich frei jenseits von Grenzen zu bewegen, über die Folgen unregulierter Migration, die Haftanstalten für Minderjährige ohne Papiere an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, und über den DREAM Act, eine Bestimmung im amerikanischen Einwanderungsgesetz.

Die Video- und Soundinstallation zeigt Zeitrafferaufnahmen des Himmels über der Grenzregion El Paso, Texas / Juarez, Mexiko, untermalt von Magos Herreras eindringlicher musikalischer Umsetzung des DREAM Act.

Die B3 des bewegten Bildes war noch nie so politisch. Flucht, Vertreibung, Zukunftsangst, Ausgrenzung, Populismus - scheinen in weiten Teilen die Kunst-Welt zu beherrschen.

ON DESIRE ist das diesjährige Leitthema. Das lässt viel Spielraum für Reflektion und Positionierung zu politischen und ökonomischen Entwicklungen.

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