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Kita-Betreuungsqualität: Es muss sich dringend etwas ändern

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KITA
dpa
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Der Tag, an dem ich beschloss, dass sich etwas ändern musste, war Mitte Oktober.

Ich fuhr mittags zwischen zwei Terminen in der Kita meiner Tochter vorbei, um ihr Kleidung zum Wechseln vorbeizubringen.

Die Kinder waren gerade vom Spielen im Freien zurückgekommen. Sie standen dicht gedrängt im Flur. Bei meiner Tochter war die Hose durchweicht. Frierend und verloren stand sie umher.

Als ich meine Tochter in den Arm nahm, merkte ich, dass sie eingepullert hatte. Ich befreite sie von der nassen Hose und zog ihr eine frische Strumpfhose an.

Eine Erzieherin für 15 Kinder? Das ist doch unmöglich

Ich ging auf die Erzieherin zu und sagte ihr, dass ich die Situation unmöglich fand. "Ich finde das ja auch nicht gut", beteuerte sie. "Aber sehen Sie sich doch mal um!"

Sie war allein mit 15 Kindern. Ich war perplex. Das geht doch nicht, dachte ich mir. Die meisten Kinder der Gruppe sind knapp drei Jahre alt.

Ich konnte der Erzieherin keinen Vorwurf machen. Sie kann nichts dafür, dass in Mecklenburg-Vorpommern der Betreuungsschlüssel so schlecht ist. Wer wäre denn in der Lage, sich gleichzeitig um die Bedürfnisse von 15 Kleinkindern zu kümmern?

Ich brauche jeden Morgen drei bis vier Minuten meiner Tochter beim Anziehen zu helfen. 15 Kindern vor dem draußen Spielen beim Anziehen und Ausziehen zu helfen, kostet eine Menge Zeit. Wieviel Zeit bleibt dann noch fürs Spielen?

Ich war wütend - auch auf mich selbst

Nasse Hosen kommen häufiger vor und müssen gewechselt werden. Was geschieht dann mit dem Rest der Gruppe?

Ich war wütend - auch auf mich, denn für mich war es ja bequem, unser Kind morgens abzugeben und abends abzuholen. Über Betreuungsschlüssel und wie unterschiedlich diese in Deutschland sind, hatte ich noch nie nachgedacht. Warum war mir das erst jetzt aufgefallen?

Mir wurde bewusst: Das darf kein Konflikt zwischen Eltern und Erziehern sein, denn dort herrscht ja schon genug Stress. Es sind auch nicht die Erzieherinnen, die etwas ändern können.

Am Abend entschied ich, was zu tun war. Ich startete eine Petition, adressiert an die Ministerin für Arbeit, Gleichstellung, und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern. "Bessere KiTa-Betreuung - eine Person für 15 Dreijährige ist zu wenig", nannte ich sie.

Der Betreuungsschlüssel muss angehoben werden

Ich forderte darin, den Betreuungsschlüssel in Mecklenburg-Vorpommern auf ein realistisches Niveau anzuheben. Derzeit kommen bei uns im Bundesland 15 Kinder auf eine Betreuungsperson.

Ziemlich schnell kontaktierten mich andere Eltern mit ähnlichen Erlebnissen. Sie wollten mitmachen. Gemeinsam wollen wir erreichen, dass der Schlüssel bei Kindern zwischen 3 und 6 Jahren auf 1:8 und bei Kindern bis 3 Jahre auf 1:4 angepasst wird.

Bundesweit liegt der Schnitt bei neun Kindern zwischen 3 und 6 Jahren pro Erzieherin.
Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt einen Schlüssel von 1:3 unter drei Jahren und 1:7,5 darüber. Von all diesen Zahlen ist Mecklenburg-Vorpommern meilenweit entfernt.

Über 3000 Menschen haben die Petition schon unterschrieben. Ich bekomme täglich Nachrichten von Eltern, die ähnliche Sorgen haben, auch aus anderen Bundesländern.

Wer sich an etwas stört, sollte versuchen, die Situation zu ändern

Inzwischen haben wir eine Arbeitsgruppe gegründet und wollen auch auf anderen Wegen auf das Problem aufmerksam machen.

Wir haben bereits erste Gespräche mit Kita-Trägern geführt, die uns hoffen lassen. Es gibt so viel zu tun. Die meisten von uns arbeiten und sitzen jetzt jeden Tag noch abends und organisieren, was zu tun ist.

Flyer entwerfen und verschicken, Emails schreiben, Treffen organisieren. Wir wollen einen Verein gründen, damit wir Spenden annehmen können um noch breiter auf die Thematik aufmerksam zu machen.

Es ist anstrengend. Aber ich bin sicher, dass es die Mühe wert sein wird. Wer sich an etwas stört, sollte versuchen, die Situation zu ändern.

Wir müssen hier vor Ort mehr in die Kinder investieren

Vor kurzem war bei uns Landtagswahl. Im Wahlkampf wurde damit geworben, die Kita-Beiträge zu senken. Ich denke Kinder, Eltern und Erzieher und am Ende auch der Staat hätten viel mehr davon, die Qualität in den Kitas anzuheben.

Wir müssen hier vor Ort mehr in die Kinder investieren. Doch leider lassen wohl auch wir Eltern uns viel zu mit dem Geldargument ködern.

Ich finde es schade, dass gut ausgebildete ErzieherInnen kaum die Chance haben, ihre Fähigkeiten in ihrer täglichen Arbeit mit den Kindern anzuwenden - schlicht, weil sie keine Zeit dazu haben.

Hier kommt ihr zu der Petition für eine bessere Kita-Betreuung.

Dieser Text wurde aufgezeichnet von Lea Kosch.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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