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"Ich dachte, ich würde ihn kennen" - wie ein früherer Studienfreund zum AfD-Funktionär wurde

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AFD DEMONSTRATION
Michaela Rehle / Reuters
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Beim Kicken, beim Pokern, beim Studieren - wenn man mit einem Menschen all diese Interessen teilt, lernt man sich normalerweise recht gut kennen, menschlich, charakterlich und intellektuell.

Das dachte ich zumindest, bis mich vor kurzem ein Youtube-Video stutzig werden ließ. Zu sehen ist mein ehemaliger Kommilitone aus Eichstätt, Johannes Huber, wie er als AfD-Kandidat vom deutschen Unrechtsstaat palavert und sich - immerhin als Absolvent einer katholischen Uni - gegen das Kirchenasyl ausspricht.

Er ergänzt seine politische Profilierung durch einen fein säuberlich herausgeputzten Facebook-Auftritt. Das finde ich im Übrigen sehr verwunderlich, da ich mich noch gut daran erinnere, wie er das Netzwerk vor ein paar Jahren unter demonstrativer Empörung verlassen hatte.

Seine abwägende Strategie hat sich schon beim Pokern ausgezahlt

Wenn ich den "Jojo" nun jedoch unter der Fahne der AfD agitieren sehe, stelle ich mir ein paar Fragen: Schließlich habe ich ihn zum einen immer als äußerst kritischen und reflektierten Gesprächspartner in Erinnerung und zum anderen waren bei unseren zahlreichen Unterhaltungen keinerlei Anklänge der Intoleranz und Diskriminierung zu vernehmen, die nun offensichtlich sein Weltbild prägen.

Dies ist umso verwunderlicher, da wir uns als Soziologiestudenten ja aus tiefstem Interesse mit der Suche nach dem Wesen von Gesellschaften beschäftigt haben.

Natürlich erkenne ich den "Jojo" aus dem Studium in seinen diversen Videos auch wieder. Der blitzgescheite Typ, der jedes Wort präzise wie eine Schachfigur setzt und dabei die Linie ins Extreme wohlwissend nie mit beiden Füßen überschreitet.

Diese abwägende, risikominimierende Strategie hat sich schon beim Pokern ausgezahlt, wo nebenbei bemerkt nie derjenige gewinnt, der die meisten Schläge austeilt, sondern der, der die meisten Treffer landet. Ähnlich verhielt es sich beim Fußball, wo er als Kapitän unseres Underdog-Teams beim Unicup eher Lenker denn Treter war.

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Damit das nicht falsch verstanden wird: Diese Eigenschaft ist auf keinen Fall schlecht. Im Gegenteil: mit Blick auf die politische Debatte in Deutschland sollte es sogar mehr Leute geben, die erst denken, bevor sie reden.

Allerdings gilt dies besonders für die AfD, die mit ihren Höckes, von Storchs und Gaulands das populäre Pöbeln zum modus operandi erster Wahl erhoben haben. Wie passt also jemand, den seine ausgeglichene Art und toleranzvermittelnde Herkunft auszeichnen, in dieses populistische Umfeld?

Wo große Nachfrage besteht, schießen politische Staubsaugervertreter wie Pilze aus dem Boden

Es herrscht Morgenluft. Themen wie Eurokrise, Flüchtlingswelle und soziale Gerechtigkeit bestimmten seit einigen Jahren die Nachrichten. Die politische Meinungsbildung nimmt Fahrt auf, was nach den politisch grauen neunziger Jahren ohnehin längst überfällig ist.

Und wo eine große Nachfrage besteht, schießen die politischen Staubsaugervertreter natürlich wie Pilze aus dem Boden. Die Geschichte lehrt uns, dass Menschen gerade in Zeiten der Orientierungslosigkeit besonders anfällig für Leitplanken sind, die ihnen bequem die Richtung weisen.

Mehr zum Thema: So wie sie ist, wird die AfD schon bald nicht mehr existieren

Ganz nach dem Motto: Hirn aus, geradeaus! Weiterhin lehrt uns die Geschichte, dass Selbstbezug und -erhöhung die süßesten Früchte für verdorrte Seelen sind. Wohin dieses Vorgehen jedoch führen kann, braucht hier sicher nicht weiter erläutert zu werden.

Nun ist ein konservatives und identitätsstiftendes Weltbild natürlich kein Verbrechen, sondern - ganz im Gegenteil - ein notwendiger Farbklecks im demokratischen Spektrum. Entscheidend sind jedoch die Motive: Wer, wie die AfD, seine Thesen im lauwarmen Wasser des Nationalismus wäscht, handelt nicht im demokratischen Interesse, sondern egoistisch und verantwortungslos auf dem Rücken derer, die er zu schützen vorgibt.

Die AfD ist ein Opportunistenverein

Mit dieser Taktik drängt sich die AfD in eine Lücke, die zwar von den etablierten konservativen Parteien sicherlich geöffnet wurde, die jedoch nicht so neu ist, wie es die "Alternativen" in ihrer einfachen Gut-Böse-Weltsicht gerne darstellen. Mit anderen Worten: Die AfD ist eher ein Opportunistenverein als eine echte Oppositionspartei, als die sie sich allzu gerne darstellt.

Dies zu erkennen, hätte ich Johannes Huber wirklich zugetraut. Andererseits: Wenn sich beim Pokern die Mitspieler gegenseitig aus der Runde kegeln, wird gepflegter Opportunismus oft belohnt. Empathie nicht.

Mehr zum Thema: Reporter findet bei Höcke-Rede eine Notiz auf einem Bierdeckel - sie entlarvt das doppelte Spiel der AfD

P.S.: Vor ein paar Wochen habe ich einen offenen Brief an Johannes Huber geschrieben. Eine Reaktion habe ich leider noch nicht erhalten.

Von Eric Placzeck, Soziologe

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