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Ich habe meine Wohnung gegen ein Leben im Zug getauscht - mit diesem Problem hatte ich nicht gerechnet

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Eric Hoffmann
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Auf den ersten Blick ist mein Leben gewöhnlich. Mein Tag unterscheidet sich kaum von dem meiner Arbeitskollegen. Doch mein Abenteuer beginnt in der Nacht.

Dann liege ich nicht zuhause in meinem Bett, sondern bin eigentlich überall: Jeden Abend steige ich in einen Zug und fahre quer durch Deutschland. Eine Wohnung habe ich nicht - mein Zuhause ist mal der Nacht-ICE von Köln nach München, mal der von München über Frankfurt nach Hamburg.

Fast jede Nacht schlafe ich in den Zügen der Deutschen Bahn.

Ich wollte nur meinem Alltag entfliehen

All das war zunächst ein Experiment. Als ich mich dazu entschied, meine Wohnung aufzugeben und mir eine BahnCard 100 zu kaufen, wollte ich nur meinem tristen Alltag entfliehen.

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In welch missliche Lage mich dieses Experiment am Ende bringen würde, ahnte ich da noch nicht. Aber der Reihe nach.

Vor einem Jahr sah mein Leben noch komplett anders aus. Ich arbeitete in einem Call Center, wurde dort gut bezahlt und hatte sogar eine Führungsposition.

Zu dieser Zeit führte ich ein normales Leben, hatte eine Wohnung, ein geregeltes Leben, einen Fernseher, alles, was eben dazugehört.

Doch genau das, die Gewöhnlichkeit und der Nine-to-five-Bürojob, erfüllten mich nicht. Also entschied ich mich im Januar diesen Jahres für ein Abenteuer.

Ich habe mein Wohnzimmer in den Zug verlegt

Mein Ziel war es, herumzukommen, etwas zu sehen von der Welt und das klappte zunächst auch gut. Ich lernte schnell, in welcher DB Lounge es das beste Essen gab und auf welchen Strecken ich am besten schlafen konnte.

Oft bin ich nach der Arbeit von Saarbrücken nach Köln gefahren und dort in den Nachtzug umgestiegen, der mich wieder zurück brachte. Das Nomadenleben machte mir Spaß.

Ich habe mein Wohnzimmer in den Zug verlegt, oft dort auch gearbeitet, hatte einen Stammplatz auf jeder Strecke und bin einmal in der Woche zu meinem Vater gefahren, bei dem ich freundlicherweise meine Klamotten waschen und übernachten durfte.

So ganz selbstverständlich war das nicht - denn er hatte meinen neuen Lebenswandel zuvor verteufelt, war sogar wütend über meine Entscheidung. Schon zu diesem Zeitpunkt versicherte er mir, er würde mich finanziell nicht unterstützen, sollte ich Probleme bekommen.

Und natürlich bekam ich Probleme.

Mir wurde klar, wie naiv ich gewesen war

Im Februar kontaktierte mich eine Freundin: Sie hätte eine Stelle für mich - in einer Redaktion für Videospiele. Über meinen nächsten Schritt dachte ich natürlich nicht lange nach. Seit meiner Kindheit war das mein Traumberuf.

Ich sagte zu, obwohl das Gehalt deutlich zu niedrig war, um meinen Lebensstil so weiterführen zu können.

Die Bahncard 100 kostet für die erste Klasse 658 Euro im Monat. Im neuen Job verdiene ich knappe 1200 Euro. Eine knappe Kalkulation.

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Ich konnte nur noch meine nächtlichen Reisen finanzieren - sonst nicht mehr viel. Ich führte zwar ein Luxus-Nomadendasein und doch störte mich irgendwann die fehlende Privatsphäre und die Rastlosigkeit.

Irgendwann wollte ich meine BahnCard nicht mehr. Ich wollte das Leben im Zug nicht mehr, und ich wollte wieder eine eigene Wohnung. Doch das war schwerer als ich dachte und langsam wurde mir klar, wie naiv ich gewesen bin.

Ich wollte bei der Deutschen Bahn eine Sonderkündigung der Bahncard erwirken. Das lehnte die Bahn zunächst ab. Erst nach mehrmaligen Aufforderungen haben sie es eingesehen: Und jetzt stehe ich vor dem nächsten Problem.

Wieder Nomadendasein

Wieder Nomadendasein

Ab dem 31. Mai habe ich weder eine BahnCard, mit der ich im Zug übernachten könnte, noch eine Wohnung. Meine Arbeitsstelle ist in München - der angespannte Mietmarkt dort ist quasi mein Urteil zur Obdachlosigkeit.

Das Leben in der Großstadt ist so teuer geworden, dass es fast billiger ist, sich nachts im Zug durch ganz Deutschland fahren zu lassen. Was für eine verrückte Welt.

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Meine Kollegen unterstützen mich natürlich bei der Wohnungssuche und haben mir schon Schlafplätze angeboten. Nett, aber wieder nur Übergangslösungen.

Wieder Nomadendasein.

Ich bin eigentlich ein sehr positiver Mensch - manchmal etwas verrückt, aber positiv. Aus meinem Schlamassel werde ich schon irgendwie wieder herauskommen.

Ich hoffe, dass ich schon bald eine Wohnung in München finde und der Albtraum, der als Experiment begonnen hat, schnell wieder vorbei ist.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Franziska Kiefl.

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