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Ehe für alle in Deutschland: "Gott hat schon lange Ja gesagt"

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EHE FUER ALLE
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Das Unvergessliche war, dass die Trauung wie jede andere auch war. Wichtig war, dass zwei Menschen zueinander Ja gesagt haben, unabhängig von ihrem Geschlecht.

Das war im August in der St. Marienkirche Berlin. Ich durfte das Paar trauen - und es war das erste Mal in einer Berliner Kirche, dass es auch öffentlich so genannt wurde. Das hohe Interesse daran war ein wichtiges Signal, dass dieser Moment ein bedeutender war.

Für mich als Pfarrer bedeutet er, dass wir nicht mehr zwischen der Liebe von zwei Menschen und dem Segen Gottes stehen. Er bedeutet auch, dass Kirche und Gesellschaft gleichgeschlechtliche Paare und ihre Liebe und ihre Beziehungen unterschiedslos anerkennen, nachdem sie lange Zeit ausgeschlossen und diskriminiert wurden.

Ich als 33jähriger Pfarrer profitiere davon, dass sich viele Menschen vor mir für die Gleichstellung von LGBTTI*Q-Menschen eingesetzt haben.

Ich darf frei und offen leben, ohne dafür kämpfen zu müssen.

Wenn man so will, habe ich mich ins gemachte Nest gesetzt. Dafür bin ich dankbar. Ich habe zwar das erste gleichgeschlechtliche Paar in Berlin kirchlich getraut. Aber dafür gekämpft haben andere.

Und das über mehr als zehn Jahre und lange davor. Es begann mit der Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft in Deutschland.

Die Evangelische Kirche hat im Zuge dessen die Segnung eingetragener Lebenspartnerschaften eingeführt, was ein großer und wichtiger Schritt damals war. In diesem Frühjahr ging dann die Synode - dasParlament unserer Kirche - einen Schritt weiter und hat die Trauung für alle beschlossen.

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Im Vorfeld wurde viel diskutiert und gerungen. Es wurden Vorträge gehalten und immer wieder erklärt, warum das Thema so wichtig für die Kirche ist. Das war auch gut so, denn es sollte nicht einfach durchgeboxt werden, sondern von einer großen Mehrheit getragen werden, obgleich das Thema weiter polarisiert.
 
Das zeigte sich alleine schon an den Reaktionen, die ich nach der Trauung erhalten habe. Einige haben gesagt: Machen wir das nicht schon immer so? Andere haben sich kritisch geäußert und gesagt, dass sie das ablehnen.
 
Wer verstehen will, welche Probleme die Kirche mit Homosexualität hatte und auch noch hat, muss in die Bibel und in die Tradition schauen. Grundsätzlich geht es um die Frage, wozu der Mensch bestimmt ist.

Der Mensch - das ist unumstritten - ist dazu bestimmt, zu lieben.

Dabei kommt es vor allem auf die Interpretation an: Was heißt es zu lieben? Was heißt es Verantwortung füreinander zu übernehmen, verlässlich und verbindlich? Und soll eine solche Liebe und Verantwortung nur gesegnet sein, wenn Frau und Mann sie übernehmen. Ich denke nicht.
 
Die Liebe zum Nächsten ist unumstritten. Sie folgt daraus, dass Gott uns liebt, obwohl wir sind, wie wir sind. Auch die Liebe zwischen Mann und Frau. Das war eben schon bei Adam und Eva so. Der Punkt ist aber: Die Formen von Partnerschaften, die wir heute leben, sind nicht zwangsläufig die, die die in der Bibel zur Sprache kommen.

Deswegen dann auf Grundlage biblischer Verse Menschen den Zutritt zur Kirche und den Segen zu verweigern, widerspricht meiner Grundüberzeugung, die ich von Liebe und Nächstenliebe habe. Und diese nehmen weitaus mehr Raum in der Bibel ein. Sie sind das Grundrauschen der christlichen Überzeugung.

Trifft man also mit biblischen Zitaten wirklich den Kern, wenn man damit gleichgeschlechtliche Partnerschaften ablehnt? Wohl nicht!
 
Hinzu kommt, dass hinter der Ablehnung oft noch mehr steckt als nur die Interpretation der Bibel. Dahinter steckt oft Angst. Und das ist nicht nur in der Kirche so, sondern auch in der Gesellschaft.

Es ist die Angst davor, dass die traditionellen Einrichtungen Schaden nehmen könnten.

Dass etwas verloren ginge, was Menschen Halt gibt im Meer der unendlichen Möglichkeiten des Lebens. Das sorgt für eine latente Homophobie, die sich bei manchen Menschen sehr konkret in schlechten Scherzen, Schimpfwörtern und physischer Gewalt äußert. Diese Homophobie ist scheinbar Teil des kollektiven Gedächtnisses eines Teiles unserer Gesellschaft.

Der Paragraf 175, unter dem tausende wegen ihrer Liebe verurteilt wurden, die Diskussion um seine Abschaffung bis in die 1990er Jahre und das Ringen um Entschädigung für die Opfer zeugen davon.

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Wir feiern zum CSD in Berlin in der St. Marienkirche jedes Jahr einen Gottesdienst. Dort sehe ich Männer und Frauen, die lange Jahre ihres Lebens ihre Liebe im Verborgenen lebten, weil sie unter der Gefahr standen, dafür ausgegrenzt und bestraft zu werden. Und im August 2016 stehe ich in der St. Marienkirche und traue zwei selbstbewusste Männer, die sich nicht mehr verstecken müssen. Dazwischen liegen nur ein paar Jahrzehnte - aber Welten!
 
Ich glaube fest daran:

Deutschland ist bereit dafür, den Schritt der vollkommenen Gleichstellung auch bei der Zivilehe zu gehen.

Es ist an der Zeit, ein Signal zu setzen, das Gleichstellung und Anerkennung auch rechtlich verbindlich regelt. Und dieses Signal erwarte ich auch von den anderen Landeskirchen in unserem Land.
 
Immer noch müssen sich Kinder und Jugendliche an manchen Orten anhören, dass ausschließlich Frau und Mann das ideale Beziehungsmodell sind? Was macht das mit einem Jungen oder einem Mädchen, der seinen Freund oder die ihre Freundin liebt, aber ihnen niemand das Gefühl gibt, dass das genauso schön und richtig ist?

Was macht das mit einem Menschen, wenn er die ganze Zeit gesagt bekommt: Es ist falsch, wie du liebst. Daran kann ein Mensch zerbrechen. Bis heute passiert das. Und das ist beschämend.
 
Unsere Kirche - und unsere Gesellschaft - soll allen offenstehen. Die Trauung für alle ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass wo Menschen zueinander Ja sagen, Gott schon lange Ja gesagt hat.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

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