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Gedanken zu China: Werdet reich, bevor Eure Arbeitsplätze automatisiert werden

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CHINA
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Wir sollten der Führungsriege in China insofern einen Vertrauensvorschuss einräumen, dass sie in der Lage sein wird, Chinas Wachstum für den Großteil der kommenden zehn Jahre aufrechtzuerhalten. In diesem Zukunftsszenario müssen wir davon ausgehen, dass die Partei die staatlichen Unternehmen an die Kandare nimmt, der ungebremsten Korruption - insbesondere von Seiten der sogenannten „Prinzlinge" - Einhalt gebietet, die durch Wasser- und Umweltverschmutzung verursachten Probleme auf ähnliche Weise löst wie die US-Regierung und zudem neue Steuersysteme einführt, die eine gerechtere, sprich „sozialistischere" Aufteilung der Steuerlast sicherstellen.

Wir müssen der Partei auch dahingehend Glauben schenken, dass das Land sich vor allem auf seine internen Probleme konzentrieren möchte und keine Hegemonie anstrebt.
Angesichts seiner rasanten Ausbreitung in China wird das Internet in vielerlei Hinsicht zum Zünglein an der Waage werden. Derzeit gibt es in China mehr als 600 Millionen Mobiltelefonnutzer, und über 400 Millionen Smartphones (97 Prozent davon Android-Geräte!) sollen voraussichtlich nächstes Jahr verkauft werden.

In China dreht sich alles um Weibo (eine Mischung aus Twitter und Facebook) und Wechat (die chinesische Version von WhatsApp/BBM/Instagram). Beide Angebote verzeichnen ein phänomenales Wachstum und werden - aller Zensur zum Trotz - im Hinblick auf lokales Feedback, Beschwerden, Umweltschutzdemonstrationen und künftige politische Krisen einen nachhaltigen Einfluss auf die Regierung ausüben.

Da das Internet und damit verknüpfte Unternehmen dazu neigen, einfach mal so in der Mitte eines sorgfältig geplanten Fünfjahreszyklus in Erscheinung zu treten, bleibt abzuwarten, wie die politische Führung beispielsweise darauf reagiert, wenn sich eine neue Idee wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet und der damit verbundene Impuls für Reformen und mehr Gerechtigkeit nicht so ohne Weiteres ausgelöscht oder unterdrückt werden kann.

Wenn man jedoch über die kommenden zehn Jahre hinaus blickt, sieht die Zukunft von China alles andere als rosig aus. Demografie, Globalisierung und Automatisierung, die Kräfte also, von denen das Reich der Mitte bis dato so unheimlich profitiert hat, werden sich vermutlich gegen seine derzeitigen Pläne wenden.

Chinas Demografie wird immer mehr derjenigen von Korea und Japan ähneln. Und die Globalisierung hat zur Folge, dass höhere Löhne in China den nächsten industriellen Trendwechsel hin zu neuen Niedriglohnländern wie Indonesien oder den Philippinen einläuten. Die Automatisierung, insbesondere die Robotik, wird die Effizienz von Produktionssystemen erhöhen, die hohe Stückzahlen zu geringen Kosten herstellen. Und somit werden, wie auch in westlichen Industrieländern, immer weniger Arbeitskräfte benötigt - eine Entwicklung, die häufig als „Aushöhlung des Mittelstands" bezeichnet wird.

Japan verfügt nun über ein tatkräftiges nationalistisches Oberhaupt, das in der Lage sein könnte, nach zwei verlorenen Jahrzehnten und einer schwerwiegenden Deflation die dringend benötigten Reformen durchzuführen. Die Zukunft von China spiegelt sich in Japan wider. Einem Land, wo sich das politische System nicht leicht ändern lässt, wo die immer älter werdende Bevölkerung gerade mal zufrieden genug ist, um den politischen Kurs der vergangenen Jahre beizubehalten, und wo das wirtschaftliche Wachstum durch die gravierenden demografischen Probleme eingedämmt wird.

Eine andere Zukunftsvision für China könnte Korea sein, wo das Wachstum plötzlich unterbrochen wurde und sich lang gehegte Frustrationen auf der öffentlichen Agenda bemerkbar machen. Sowohl Japan als auch Korea vermieden die „Falle des mittleren Einkommens", aber China hat unter Umständen nicht genügend Wachstumsjahre vor sich oder muss seine Strategie erneut radikal umstellen.

Und deswegen ist die in China spürbare Dringlichkeit durchaus gerechtfertigt. Das alte chinesische Sprichwort, dass man reich werden sollte, bevor das Land alt wird, kann somit wie folgt erweitert werden: In China sollte man reich werden, bevor der eigene Arbeitsplatz automatisiert wird.

Sobald China am Boden aufprallt, also eine Wachstumsrate von drei Prozent oder weniger aufweist, werden viele der tief verwurzelten Probleme zum Vorschein kommen, die zuvor von der politischen Führung und ihrer Weltsicht unterdrückt wurden. Alle Parteiführer betonen die Logik des Wachstums und die Notwendigkeit, die mittlere Einkommensfalle zu vermeiden. Sobald das Wachstum zum Stillstand kommt, werden die derzeit unter Chinesen so attraktiv erscheinende Stärke und Beständigkeit in Frage gestellt werden.

Meinungsfreiheit, ein offenes Internet und Inklusion stellen vermutlich die einzige Möglichkeit dar, diese künftigen Probleme zu lösen. Mit Technologien, Redefreiheit und dem Internet lässt sich ein modernes Land schaffen, das sich durch Ideenreichtum, Forschung, Innovation und Wohlstand auszeichnet. Beim Setzen von Zielen, mit denen sich die mittlere Einkommensfalle vermeiden lässt, wird die chinesische Führung um moderne Regeln nicht umhinkommen - nicht nur im Hinblick auf die Währung und das Rechtssystem, sondern vor allem im Hinblick auf das Bildungssystem, das Internet und die Meinungsfreiheit.

Bleibt nur zu hoffen, dass China dies noch rechtzeitig herausfindet.

Der Beitrag erschien im Original auf WorldPost.