BLOG

Zuhause in der Demenz-WG

17/01/2018 19:34 CET | Aktualisiert 17/01/2018 19:34 CET

Wie Menschen mit Demenz gemeinsam den Alltag meistern

Mittwochmorgen, 10 Uhr: Elisabeth B.* sitzt am Frühstückstisch. Vor ihr eine dampfende Tasse Tee und ein Brot mit Erdbeermarmelade – die, die sie so gerne mag. Ihre Mitbewohnerin Anna R. ist schon lange fertig mit essen und erzählt fröhlich von ihren Erlebnissen, während Ilka H. noch im Bett liegt und schläft. Ein ganz normaler Morgen in einer Wohngemeinschaft. Doch Elisabeth B.s Haare sind weiß, ihre Jugendtage hat die heute 87-Jährige vor Jahrzehnten hinter sich gelassen. Sie hat Demenz und lebt in einer Demenz-WG.

Im Herzen des schwäbischen Städtchens Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart teilen sich sechs demenzkranke Damen zwischen 75 und 100 Jahren eine 260 qm große Wohnung. In sechs Einzelzimmern, vier Bädern und einem großen Wohn-Essbereich mit angeschlossener Küche leben sie hier zusammen. Auch eine große Terrasse gehört zur WG. Täglich mit dabei: Ein bis zwei speziell geschulte ambulante Pflegekräfte, welche die Damen unterstützen und aktiv ins Tagesgeschehen einbinden.

WGfS
In der Demenz-WG tut jeder, was er kann.

Überschaubares Umfeld schafft Sicherheit

Seit fünf Jahren betreut der mobile Pflegedienst der WGfS in Filderstadt die Wohngemeinschaft. Geschäftsführerin Rosemarie Amos-Ziegler hatte die Wohnung 2013 barrierefrei umbauen lassen. „Menschen mit Demenz brauchen andere Strukturen als sie in vielen Pflegeheimen gegeben sind“, findet die Pflegeexpertin, die mit 225 Mitarbeitern 230 Senioren stationär in drei Pflegeheimen bzw. ambulant in den eigenen vier Wänden und der Demenz-WG betreut. Das überschaubare Umfeld und Alltagsabläufe wie in einer Familie geben demenziell Erkrankten Sicherheit. „Sie können sich nicht mehr an gestern erinnern, aber sie wissen noch, wie man Wäsche zusammenlegt, gibt Pflegedienstleitung Brigitte Rechert ein Beispiel.

Wie in einer Studenten-WG macht sich der Haushalt in Leinfelden-Echterdingen nicht von allein. Alle packen mit an: Gemüse schneiden, Wäsche aufhängen, Blumen gießen. „Wir brauchen wir nicht immer eine Beschäftigungstherapie, wir haben den Haushalt“, erklärt Rechert. Die Abläufe passen sich den Bewohnern an, nicht umgekehrt. „Wir Pflegenden sind hier zu Gast“, erzählt die PDL. Wacht eine Dame nachts mit Hunger auf, so bekomme sie selbstverständlich das verlangte Leberwurstbrot. Im eigenen Zuhause bestimmen die Bewohner.

Frisch geduscht bahnt sich eine andere Mitbewohnerin den Weg zum Tisch. Ein junger Pflegehelfer stützt sie.

„Bist du Jude?“, fragt Anna R. den Südländer.

Er geht in die Knie, so dass er auf gleicher Augenhöhe mit der alten Dame ist und antwortet lächelnd: „Nein, ich komme aus Syrien.“ Die 100-Jährige lehnt sich zurück und murmelt leise vor sich hin. Herausfordernde Situationen gehören durchaus zum Alltag in der Demenz-WG.

„Manchmal taucht eine Bewohnerin in ihre Welt ab, erinnert sich etwa an Kriegserlebnisse“, erzählt Brigitte Rechert. Dann ist es Aufgabe der Präsenzkräfte die Situation zu entschärfen. Durch beruhigende Worte, Ablenkung oder ganz profan, indem sie andere Klienten aus der Situation herausnehmen. Das Pflegeteam aus Filderstadt legt deshalb großen Wert auf das Einarbeiten und Schulen von Mitarbeitern. Jeder Neuankömmling bekommt einen Paten, der ihn an der Hand nimmt und solange begleitet, bis er sich sicher fühlt. Jeden Monat finden Teammeetings statt, in denen sich Pflegekräfte austauschen und eventuelle Probleme ansprechen können.

Entspannte Senioren, entspannte Angehörige

Inzwischen ist das Frühstück beendet. Elisabeth B. erzählt von ihrem Sohn, der sie wöchentlich besucht. „Es ist schön zu sehen, wie entspannt der Umgang zwischen den Bewohnern und ihren Angehörigen funktioniert“, lächelt Rechert. Was bei pflegenden Familien oft nicht die Regel ist: Sie befinden sich häufig in einer angespannten Situation, weil der Umgang mit Dementen kräfteraubend sein kann.

Die Demenz-WG bietet einen Ausweg ohne den Angehörigen ihr Mitgestaltungsrecht am Alltag ihrer Lieben zu nehmen. Sie sind jederzeit willkommen und dürfen auch mit Fragen, Schuldgefühlen und Trauer zur WGfS kommen. Rechert: „Das gehört zu unserem Job, wie die tägliche Begleitung der Bewohnerinnen.“ Oft trauen sich Familienmitglieder von Menschen mit Demenz nicht, über das Leben mit der Krankheit zu sprechen. Es tut weh, zu sehen, wie sich die Mutter, der Vater oder die Schwester verändert. „Durch offene Gespräche möchten wir ihnen die Angst nehmen, etwas falsches zu sagen“, so Rechert.

“Es ist ihr Zuhause, kein Heim”

Inzwischen zeigt die Uhr halb zwölf. Die Vorbereitungen fürs Mittagessen laufen auf Hochtouren. Elisabeth B. schneidet Sellerie in Stückchen und summt dabei vergnügt vor sich hin. Heute gibt es Linsensuppe mit Saitenwürstchen. Alle Bewohnerinnen sitzen schon wartend am Tisch. Essensduft strömt aus der offenen Küche. Anna R. verteilt Teller. Auch gerne mal einen zu viel. „Ich brauche keine zwei“, ruft ihr eine der Damen. Kurze Zeit später findet sich auf jedem Platz die richtige Anzahl an Tellern, Messern und Gabeln. Der junge Pflegehelfer hat helfend eingegriffen. Erwartungsvolle Gesichter und Vorfreude prägen die Runde.

Erst vor einigen Wochen ist eine neue Bewohnerin eingezogen. Sie ist die erste seit Eröffnung. Bewohner können bis zum Lebensende in der WG wohnen bleiben. „Es ist ihr Zuhause“, wiederholt Brigitte Rechert. Die Altenpflegerin bringt es auf den Punkt: „Bei uns werden die Demenzkranken gebraucht. Wir zeigen ihnen, was sie noch selbst können. Gleichzeitig gehen wir auf Ängste und Unsicherheiten ein. Sollte ich selbst eines Tages an Demenz erkranken, ich würde in solch einer Gemeinschaft leben wollen.“