POLITIK
23/01/2018 10:27 CET | Aktualisiert 23/01/2018 16:43 CET

Mit einer Methode aus der DDR will Berlin die Wohnungsnot bekämpfen

Es müssten keine Neubauten entstehen.

  • Experten fordern, dass mehr gebaut werden muss, um den Wohnungsmangel in Deutschland zu bekämpfen
  • Doch in Berlin gibt es nun eine Idee, die angespannte Lage ohne viel Aufwand und Kosten zu lindern
  • Das Video oben sagt alles über die derzeitige Wohnungslage in Berlin aus

München, Hamburg, Köln – in zahlreichen deutschen Großstädten fehlt es an Wohnraum. Und das hat gravierende Folgen.

► Denn einerseits steigen die Mieten mitunter so stark, dass sich vor allem Studenten, junge Familien und Alleinerziehende kaum noch ein eigenes Zuhause leisten können.

► Andererseits gibt es gerade für Familien in den Ballungsgebieten schlicht überhaupt keine geeigneten Wohnungen mehr, die sie beziehen könnten.

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In Berlin gibt es nun eine Idee, die schon in der DDR als ein Mittel gegen die Wohnungsnot bekannt war. Nun könnte sie das Wohnungsproblem in der Bundeshauptstadt lösen, und das sogar weitgehend ohne teure Neubauten.

► Die Rede ist von einer Wohnungs-Tauschbörse.

Wohnraum effizient nutzen

Wie der “Tagesspiegel” berichtet, gebe es mit 38 Quadratmetern pro Kopf rein rechnerisch eigentlich genug Wohnraum in der Hauptstadt. Doch der ist nicht nach den realen Bedürfnissen der Menschen verteilt.

So wohnen beispielsweise alleinstehende Rentner in Wohnungen, die zu groß für sie sind. Denn oft sind Partner verstorben und Kinder längst ausgezogen.

Die Zimmer stehen leer, und werden dabei sogar noch beleuchtet und beheizt. Auf der anderen Seite suchen Familien oft verzweifelt nach geeignetem Wohnraum.

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Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will nun eine zentrale Online-Plattform schaffen, mit der die Berliner ihre Wohnung zum Tausch anbieten und nach geeigneten Wohnungen suchen können.

► Das Angebot gilt zunächst nur für die Bewohner der landeseigenen Wohnungsgesellschaften, soll später aber auch auf private Eigentümer ausgeweitet werden.

Wohnungstausch-Dienst in der DDR

Die Idee ist nicht neu. Einigen der alteingesessenen Berlinern dürfte der Vorstoß bekannt vorkommen. Wie der “Tagesspiegel” berichtet, gab es bereits in den Bezirken der Hauptstadt der DDR einen staatlichen “Wohnungstausch-Dienst“.

Diesen hätten vor allem Familien nutzen können, wenn die erwachsen gewordenen Kinder von zuhause ausziehen wollten. Ihre große Wohnung konnten sie dann beispielsweise gegen zwei kleinere eintauschen, von denen eine dann dem flügge gewordenen Kind überlassen wurde.

Nicht nur die Umzüge, sondern sogar Behördengänge wurden vom Tauschdienst organisiert.

Fragwürdiger Sinn von Neubauten

Im Kampf gegen die Wohnungsnot fordern Experten und Politiker seit Jahren, in Deutschland müsse endlich mehr gebaut werden.

Berechnungen des Bundesverbands der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) zufolge wurden seit dem Jahr 2009 eine Million neue Wohnungen zu wenig geschaffen.

Auch in Berlin sollen neue Baugebiete erschlossen werden. Wie der “Tagesspiegel” berichtet, sei laut einer Einschätzung des Senats bis zum Jahr 2030 die Errichtung von 194.000 Wohnungen erforderlich. 

► Dabei ist es fraglich, ob ein starker Anschub der Bautätigkeit das Problem beseitigen würde.

Wie der Bauunternehmer Daniel Fuhrhop im November der HuffPost sagte, seien die meisten Neubauten viel zu teuer und blieben als Kapitalanlage großer Banken und Versicherungsgesellschaften ungenutzt.

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Zusätzlich könnten sie sogar für eine weitere Verteuerung der “alten” Wohnungen sorgen: “Die Mieten steigen, denn jeder neue Vertrag geht in den Mietspiegel ein.”

Prämien für den Umzug

Die Idee einer Tauschbörse zur effizienteren Nutzung von bereits vorhandenem Wohnraum ist also eine kostengünstige Alternative zur Bauwut, die am Ende oft nur Spekulanten Vorteile bringt.

Zwar gab es in Berlin bereits eine Wohnungstauschbörse bei den städtischen Wohnungsgesellschaften. Doch wie der “Tagesspiegel” berichtet, hätten 2016 gerade einmal 200 Berliner sie tatsächlich genutzt.

► Das Problem: viele Ältere hängen verständlicherweise an ihren Möbelstücken und Erinnerungen. Zudem erscheint der Umzug allein schon wegen der damit verbundenen Kosten ausgeschlossen.

Bei der neuen Plattform im Internet sollen daher unentschlossene Umzugswillige durch eine Prämie zusätzlich motiviert werden. Wer nur geringe Einkünfte hat, aber bereit ist, seine Wohnung zu tauschen, erhält dafür Beihilfen für den Umzug von bis zu 2500 Euro.

Erfahrungen mit dem Wohnungstausch

Europäische Nachbarländer haben bereits gute Erfahrungen mit ähnlichen Ideen sammeln können.

► So haben Mieter in Wien, die mindestens fünf Jahre in einer der städtischer Wohnungen gelebt haben, einen Anspruch auf Wohnungstausch.

► Die Schweiz geht sogar noch einen Schritt weiter: Nach dpa-Angaben sind dort bei zwei Drittel aller Genossenschaftswohnungen eine Mindestanzahl von Bewohnern vorgeschrieben, die je nach Größe der Wohnung festgesetzt wird.

► In Deutschland verfolgen bereits private Anbieter die Idee. So bietet das Unternehmen LEG Immobilien aus Düsseldorf für Senioren die Möglichkeit für einen Tausch an. Diese könnten um den gleichen Quadratmeterpreis in nächster Umgebung eine kleinere Wohnung beziehen.

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“So wird gleichzeitig Wohnraum für Familien frei”, sagte der Pressesprecher der LEG, Mischa Lenz. 

Bedenken der Senioren-Organisationen

Bedenken gegen die Idee eines Tauschs mit Umzugsprämie äußerte aber bereits im Juli die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen. Wie Sprecherin Ursula Lenz gegenüber der dpa sagte, sei man nicht grundsätzlich gegen eine solche Idee.

► Es dürfe nicht der Eindruck erweckt werden, die Senioren würden unter Druck gesetzt. Notwendig sei, dass die alten Menschen intensiv begleitet, betreut und beraten werden.

Sie bräuchten außerdem Hilfe bei der Planung und Durchführung eines Umzugs. Es sei nicht damit getan, dass der Staat den Möbelwagen bezahlt.

(ks)