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Wir haben die Klimakrise verursacht und müssen sie auch überwinden

Die Schäden werden immer größer und teurer.

13/02/2018 12:31 CET | Aktualisiert 13/02/2018 12:40 CET
Dirk Hoffmann / EyeEm via Getty Images
Extremwetterereignisse werden in Deutschland immer häufiger

Die Klimakrise ist angekommen. Sie betrifft auch uns schon jetzt ganz real.

Im Juni 2004 sollte ich als Umweltministerin in NRW mehreren Schülern Preise verleihen für besonders gute Forschungsarbeiten. Einer der Schüler hatte über die Entwicklung von Tornados in NRW gearbeitet. Ich fand das ziemlich abwegig: Tornados, die gibt es in den USA, aber doch nicht bei uns in NRW.

Naja, die Jury wird das schon gut entschieden haben dachte ich. So übergab ich dem Schüler den Preis.

Drei Wochen später raste ein Tornado durch das Ruhrgebiet, einen Kilometer von unserem Haus entfernt und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Wow, dachte ich: gut, dass wir die jungen Leute haben. 

Extremwetter sind keine Seltenheit mehr in Deutschland

Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass die Klimakrise mit ihrem Wetterchaos angekommen ist – auch bei uns in Deutschland.

Mittlerweile sind Tornados keine Seltenheit mehr, wir haben uns daran gewöhnt. Auch Extremwetter sind keine Seltenheit mehr: In den letzten Monaten hießen sie Xavier, Herwart, Friederike. Es gibt mehr Stürme und Überschwemmungen mit Toten und Verletzten. Letztendlich müssen die betroffenen Privatleute zum großen Teil die Kosten tragen, die durch das umweltschädliche Verhalten der Kohle- oder Autoindustrie verursacht wurden.

Klima-Schäden haben sich seit 1980 verdreifacht

Im Oktober 2017 erreichte der Hurrikan Ophelia Westeuropa. Auch das ein Phänomen, das wir früher nur aus den warmen Atlantik und Pazifikregionen kannten.

Auch in der Vergangenheit gab es Unwetter, Windhosen, aber die Zahl der extremen Unwetter mit großen Verwüstungen, selbst lokal begrenzte Unwetter mit Toten und Katastrophenalarm, ist angestiegen.

Genau das haben uns die Experten vorausgesagt. Niclas Stern, der die Klimakrise wirtschaftlich untersuchte, hat festgestellt: Wir müssen schon deshalb die Klimakrise überwinden, weil die Schäden durch vermehrte Extremwetter immer teurer werden.

2017 war mit 135 Milliarden US-Dollar Schadenshöhe das teuerste Jahr der Geschichte. Seit 1980 haben sich die Schäden verdreifacht. 

Wir sind die Generation, die die Klimakrise verursacht hat, aber wir sind auch die einzige Generation, die die Klimakrise noch überwinden kann.

Früher habe ich immer gesagt: Mein Kampf gegen die Klimakrise ist ein Kampf für meine Kinder und Enkelkinder.

► Heute weiß ich, wir sind die Generation, die die Klimakrise verursacht hat, aber wir sind auch die einzige Generation, die die Klimakrise noch überwinden kann. Warum jetzt und warum ist Eile nötig?

720 Gigatonnen CO2 darf die Welt noch bis 2100 emittieren, um unter 2 Grad Erwärmung zu bleiben. 2017 wurden circa 40 Gigatonnen CO2 emittiert. Da nach 1000 Jahren circa 30 Prozent des emittierten CO2 immer noch nicht abgebaut ist, bleiben uns noch 18 Jahre, wenn wir so weiter machen wie 2017.

Jeder kann sich mal ausrechnen, wie alt er dann ist. Tatsächlich dürften wir nicht 40 sondern nur 8,7 Gigatonnen pro Jahr emittierten, wenn wir unser Budget gleichmäßig bis 2100 aufteilen.

Die Zahl der Klimaflüchtlinge steigt rasant

Nun kann man sagen: Für uns hier in Deutschland sind 2-Grad-Erwärmung jetzt gerade mit den Minustemperaturen im Februar nicht schlimm.

Aber was sagen wir den Menschen am Tschadsee? Klimazeugen aus dem Tschad haben uns berichtete, dass dort im Sommer Temperaturen zwischen 50 und 60 Grad herrschen. Der See hat nur noch  weniger als 5 Prozent seiner ursprünglichen Größe. Da ist Fischfang und Landwirtschaft für Millionen Menschen nicht mehr möglich. Eine idealer Nährboden für Terroristen wie Bodo Haram.

►  60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, immer mehr davon auch Klimaflüchtlinge. Eine wachsende Zahl sucht den Weg nach Europa.

Auch wenn eher die Unwetter als die 2-Grad-Erwärmung das Problem für Deutschland darstellten, so gibt es doch einige Untersuchungen, was sich in Deutschland negativ ändern wird.

Hitzekollaps in den Großstädten, Stress im Thüringer Wald, Abschied von „Schneebayern“, Hagelschäden im Hopfenfeld, Dürre in Brandenburg, noch mehr Regen an Rhein und Ruhr, mehr gefährliche Krankheitserreger.

In den Großstädten wird sich die Hitze stauen, dort kann es bis zu 10 Grad wärmer werden als in der Umgebung. Man bedenke im heißen Sommer 2003 hatten wir 47,5 Grad in Portugal, rund 30.000 Hitzetote in Europa, 7000 in Deutschland. Gerade für ältere Menschen werden die Sommermonate zum Problem.

Neue Krankheitserreger, Waldbrandgefahr und Trinkwasserknappheit drohen

Besonders Frankreich litt darunter, dass die Atomkraftwerke nicht mehr ausreichend Kühlwasser hatten und als Stromlieferanten ausfielen. Das wird  in Zukunft für Atom- wie für Kohlekraftwerke im Süden verstärkt gelten.

► Krankheitserreger, die wir sonst nur in den Tropen finden, werden auch in Süddeutschland  vermehrt anzutreffen sein. 

► In bestimmten Regionen wie rund um Berlin wird den Bauern die Trockenheit zu schaffen machen, in anderen der Regen, die Nässe oder der Hagel.

► Die Waldbrandgefahr verdreifacht sich in Thüringen.

► Es kann in bestimmten Regionen zu Trinkwasserknappheit kommen.

► In den bayrischen Hopfenregionen, die ein Drittel des weltweiten Bedarfs decken, wird mit mehr Hagelschäden gerechnet, was das Bier teuerer macht.

► Der Schnee für die Skigebiete wird in den Mittelgebirgsregionen recht bald verschwinden und den bayrischen Alpen in den nächsten 50 Jahren.

► Krankheiten, die durch Mücken übertragen werden, werden zunehmen.

► Die Zeit des Pollenfluges wird sich verlängern.

Chancen der Klimakrise sehen und positiv begleiten

Aber es gibt natürlich auch positive Auswirkungen: der Weinbau wird weiter im Norden möglich.

Es wird ein Temperaturanstieg von 1,5 bis 3,7 Grad erwartet, Draußensitzen im Sommer ist auch im Norden häufiger möglich.

Und wir haben mit den erneuerbaren Energien eine Alternative zur Kohle und zum Verbrennungsmotor. Bei den erneuerbaren Energien haben wir mittlerweile 350.000 Arbeitsplätze, im Bereich der Braunkohle noch 20.000 Arbeitsplätze.

Es gilt also die Chancen der Klimakrise zu sehen und den Strukturwandel positiv und sozial zu begleiten.

Im Rahmen einer Themenwoche zum Klimawandel in Deutschland spricht die HuffPost mit Stadtplanern, Naturschützern, Klimaforschern und Meteorologen. Außerdem schauen wir uns vor Ort an der Küste, in den Bergen, Wäldern und Großstädten gemeinsam mit Experten an, wo die Folgen des Klimawandels in Deutschland bereits sichtbar sind. 

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(ujo)