POLITIK
14/02/2018 17:22 CET

“Windelweich und enttäuschend”: Experten widersprechen Umweltministerin Hendricks

Die Klimaziele zu erreichen wäre möglich, doch die GroKo will nicht.

  • Im HuffPost-Interview hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks die Klimapolitik der GroKo verteidigt
  • Doch Experten widersprechen ihr

1050 Tage. So viel Zeit bleibt Deutschland noch, um eine Reihe von verbindlichen Klima- und Energiezielen bis 2020 zu erreichen. Doch das ist Union und SPD egal. Das Ziel haben die Parteien im Koalitionsvertrag einfach gestrichen.

Und das ist fatal.

Die University of Colorado veröffentlichte gerade erst neue erschreckende Zahlen, die die dramatischen Folgen der Erderwärmung deutlich machen.

► Der Meeresspiegel steigt jedes Jahr schneller – und der Anstieg könnte bis zum Jahr 2100 mehr als doppelt so groß sein wie bisher angenommen. Seit 1993 stieg der Meeresspiegel im weltweiten Durchschnitt jährlich um etwa drei Millimeter. Laut der neuen Prognose der US-Forscher könnten es 2100 zehn Millimeter pro Jahr sein.

Je mehr der Meeresspiegel steigt, desto intensiver können Sturmfluten werden, warnt Clemens Haße, Klima-Experte beim Umweltbundesamt.

Friedemann Vogel via Getty Images
Blick auf den Hamburger Fischmarkt bei der Sturmflut im November 2007

 ► “Ein Anstieg des Meeresspiegels kann auch zu Veränderungen des Grundwasserstandes führen”, erklärt Haße. Die wiederum würden Versalzungen fruchtbarer Böden mit sich bringen. Mit dramatischen Auswirkungen für die Landwirtschaft – wenn ganze Landstriche unfruchtbar werden.

“Aus klimapolitischer Sicht ist der Koalitionsvertrag enttäuschend”

Und das ist lange nicht alles, was mit dem Klimawandel auf uns zu kommt.

Extremwetter-Ereignisse nehmen zu, Hitze, Hochwasser und Stürme fordern immer schon jetzt mehr Verletzte und gar Tote – auch in Deutschland.

Krankheitserreger, die wir sonst nur in den Tropen finden, sind plötzlich auch in Süddeutschland vermehrt anzutreffen. Ganze Küstenabschnitte verschwinden. Deutschland könnten in den kommenden Jahren Waldbrände oder gar Wasserknappheit drohen.

Und was macht die GroKo? Weicht die Klimaziele auf.

Im HuffPost-Interview hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks dennoch die Pläne der möglichen neuen Regierung verteidigt.

Doch Experten widersprechen ihr.

Mehr zum Thema: Wir haben die Klimakrise verursacht – und sind die einzigen, die sie überwinden können

Aus klimapolitischer Sicht ist der Koalitionsvertrag enttäuschend“, kritisiert der renommierte Klimaforscher Mojib Latif das GroKo-Papier. “Es handelt sich entweder um eine windelweiche Absichtserklärung oder um das Einsetzen von Kommissionen.”

Das 2020-Ziel zu erreichen wäre möglich – doch die GroKo will nicht

So steht im Koalitionspapier nur, das 2020-Ziel solle lediglich “so weit wie möglich erreicht” werden. Das war’s. Konkrete Maßnahmen, um die bestehende Lücke zu schließen, sucht man vergeblich.

Das 2020-Ziel zu erreichen, würde bedeuten, die Treibhausgasemissionen bis dahin um 40 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu senken. Momentan beträgt die Lücke noch 156 Millionen Tonnen CO2, wie der WWF berechnet hat.

Zum Vergleich: Im Jahr 1990 lagen die Treibhausgasemissionen bei rund 1250 Millionen Tonnen, bis 2020 sollen sie noch bei 750 Millionen Tonnen liegen.

Umweltbundesamt
Die Entwicklung der Treibhausgasemissionen seit 1990

Die Naturschutzorganisation sagt aber auch: Diese Lücke zu schließen, wäre noch zu schaffen – mit den richtigen Maßnahmen. Doch die GroKo hat andere Pläne.

► So zeigt sich Ministerin Hendricks zufrieden beim Thema Kohleausstieg.

“Der damit verbundene Strukturwandel muss unter Einbeziehung aller Beteiligten gestaltet werden”, sagt sie. “Denn am Ende geht es hier um mehr als 20.000 Arbeitsplätze, und damit um die berufliche Zukunft vieler Menschen und die Zukunft ganzer Regionen.”

Experten fehlt ein konkretes Datum für den Kohleausstieg 

Fabrizio Bensch / Reuters
Ein konkretes Datum für den Kohleausstieg fehlt im GroKo-Papier

Deshalb fehle ein konkretes Datum für den Kohleausstieg im GroKo-Papier. Stattdessen soll lediglich eine Kommission eingerichtet werden, die bis Ende des Jahres Vorschläge und dann auch ein Kohleausstiegssdatum vorlegen soll.

Klimaforscher Latif kritisiert das scharf. Wichtig wäre aus seiner Sicht ein konkretes Datum für den Kohleausstieg gewesen. “Und dass sofort einige der schmutzigsten Braunkohlekraftwerke abgeschaltet werden.”

Damit hätte man die Reduzierung der Treibhausgase um 40 Prozent bis 2020 erreichen können, sagt Latif. 

Mehr zum Thema: Der Klimawandel findet vor unserer Haustür statt – so können wir dazu beitragen, ihn aufzuhalten

► Um dem Klimawandel entgegenzutreten, muss sich nicht nur in der Energieerzeugung einiges ändern, sondern auch in der Mobilität.

Schlüssiges Konzept für eine Mobilitätswende fehlt

Hendricks nimmt deshalb die Autoindustrie in die Pflicht. “Saubere Luft muss auch in den Städten möglich sein. Das gehört zu guter Lebensqualität. Dazu muss die Autobranche ihren Beitrag leisten.

Jedoch mit Einschränkungen. “Bei bestimmten Dieseln wird dies nur mit technischen Nachrüstungen gehen. Inwieweit das technisch bewerkstelligt werden kann, muss die neue Regierung entscheiden”, sagt Hendricks.

Mit einer verbindlichen Verpflichtung der Autoindustrie hapert es folglich, kritisieren Experten. Ein wirklich schlüssiges Konzept für die Verkehrswende fehle, warnen sie.

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XXLPhoto via Getty Images
Eine Mobilitätswende ist nicht in Sicht

Auch Greenpeace-Experte Andreas Boehling sieht den GroKo-Vertrag kritisch. “Die Emissionen im Verkehr sind in Deutschland seit 1990 nicht gesunken“, sagt Boehling der HuffPost. Autofahren und Fliegen werde mit der Steuerpolitik noch immer von der Politik bevorteilt. “Und die Menschen in diesem Land haben sich an daran gewöhnt.”

Dabei leidet darunter die Gesundheit der Menschen. Laut der Europäischen Umweltagentur (EEA) hat Luftverschmutzung im Jahr 2014 zum vorzeitigen Tod von mehr als 80.000 in Deutschland geführt.

Bundesumweltministerin Hendricks sagte der HuffPost: “Wir brauchen ein Land, das seine Pionierqualitäten wiederentdeckt, mutig die Ärmel hochkrempelt und die Mikroskope scharf stellt.”

Die kommenden vier Jahre werden zeigen, ob die Regierung ihren schönen Worten auch Taten folgen lässt.

Im Rahmen einer Themenwoche zum Klimawandel in Deutschland spricht die HuffPost mit Stadtplanern, Naturschützern, Klimaforschern und Meteorologen. Außerdem schauen wir uns vor Ort an der Küste, in den Bergen, Wäldern und Großstädten gemeinsam mit Experten an, wo die Folgen des Klimawandels in Deutschland bereits sichtbar sind.

(ben)