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Wieso unsere schnelllebige Gesellschaft mehr individuelle Sabbaticals benötigt

14/02/2018 13:15 CET | Aktualisiert 14/02/2018 13:15 CET
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Man hört immer mehr davon: gewöhnliche Menschen nehmen ein Sabbatical, gehen auf eine längere Reise oder nehmen eine Auszeit, um sich für ein soziales Projekt zu engagieren. Unsere karriereorientierte Gesellschaft redet jedoch viel zu wenig über dieses Konzept der Selbstverwirklichung. Wirklich Massentauglich ist eine berufliche Auszeit noch immer nicht.

Vom Bürogummi zur Weltreise und sozialer Arbeit

Mit jungen 30 Jahren hatte ich bereits zehn Dienstjahre hinter mir. Bis dahin hatte ich eine erfolgreiche Karriere und war in der erweiterten Geschäftsleitung eines mittelständischen Schweizer Unternehmens. Und doch hat mir etwas gefehlt, ich wollte eine Auszeit nehmen um mich persönlich weiter zu entwickeln. Mein persönliches Sabbatical habe ich mit einem halbjährigen Roadtrip durch Skandinavien und Osteuropa begonnen. Im zweiten Halbjahr habe ich ehrenamtlich für ein soziales Unternehmen in San Francisco und Kenia gearbeitet. Dies war die lehrreichste Zeit meines Lebens und seither hat sich alles verändert! Mehr dazu auf meinem Reiseblog.

Sabbaticals gibt es schon seit 2,000 Jahren

Der Begriff des Sabbatjahres wurde bereits in der Bibel geprägt. Angeblich gab Gott Moses die Anleitung, sechs Jahre die Felder zu bestellen und im siebten Jahre zu ruhen. Je nach Interpretation, ging es darum im Kern um eine festliche Pause. In der Neuzeit wurde der Begriff von Hochschulen neu aufgegriffen. Diese erlauben ihren Professoren ein Semester zur freien Verfügung. Während dieser Zeit ist es üblich, ein persönliches Forschungsprojekt voran zu treiben oder eine längere Bildungsreise zu unternehmen. Auch wenn sich dies mehr nach Spass anhört, so hat es doch einen tieferen Grund.

Arbeiten von der Schulbank bis zur Pensionierung?

Sabbatjahre oder Auszeiten sind nicht nur für Professoren. Das Prinzip findet immer wie mehr Anklang in der Privatwirtschaft. Nun gibt es verschiedene Gründe wieso eine solche Auszeit sinnvoll ist. Zum einen sind wir Menschen Gewohnheitstiere und werden nach Jahren im selben Umfeld gemütlich und träge. Die ursprüngliche Motivation im Arbeitsalltag sowie auch im Privaten schwindet so langsam dahin. Man muss ja nicht gleich von einem Burnout sprechen, wenn sich nach einiger Zeit eine gewisse Müdigkeit breitmacht. Aber nur wenige Menschen können sich permanent selbst motivieren und vorantreiben.

Zum anderen lässt unsere anspruchsvolle und schnelllebige Arbeitswelt nur wenig Raum zur persönlichen Weiterentwicklung. Unser soziales Umfeld ist darauf getrimmt, dass wir genau eine Ausbildung machen und danach bis zur Pension arbeiten. Im Klartext heisst dies: wir können bis Mitte 20 etwas erlernen und dann die nächsten 40 Jahre produktiv auf diesem Beruf arbeiten. Mit viel Motivation und etwas Glück, kann man sich noch berufsbegleitend weiterbilden. Und dann viele Jahre später in den wohlverdienten Ruhestand treten.

Spätestens seit Beginn des Informationszeitalters sieht die Realität jedoch anders aus. Berufe und Anforderungen verändern sich laufend und schneller als viele Menschen sich anpassen können. Einst gelernte Berufe sind bereits nach einem Jahrzehnt überholt oder ganz abgeschafft worden. In diesem Umfeld ist es umso wichtiger, sich laufend selber weiter zu bilden. Dies ist jedoch einfacher gesagt als getan. Internet und Globalisierung haben unseren Alltag beschleunigt und unsere Möglichkeiten vervielfacht. Nie zuvor konnte ein einzelner Mensch so viele Dinge auf einmal erledigen, so vielen Aktivitäten nachgehen. Die persönliche Weiterbildung bleibt da oft auf der Strecke. Und genau deswegen ist ein Sabbatical so wichtig!

Persönliche Weiterentwicklung kennt viele Formen

Das Grundprinzip heisst: persönliche Weiterentwicklung. Da es sich dabei um etwas ganz Individuelles handelt, kann dies für jeden komplett anders aussehen. Unterschiedliche Lebensumstände und Möglichkeiten führen zu anderen Ausbrüchen. Gängige Ansätze für eine Auszeit sind:

  • eine Weiterbildung, zum Beispiel ein MBA
  • ein Sprachaufenthalt in einem fernen Land
  • eine längere Reise, sehr oft eine Weltreise
  • eine dürftige Person betreuen und begleiten
  • eine Mitarbeit in einem sozialen Projekt

Je nach persönlicher Situation und Motivation, passt das Eine oder Andere besser. Eine allgemeine Wertung ist daher nicht sehr sinnvoll. Jeder muss für sich selber herausfinden, was am besten passt. Nachfolgende persönlichen Ziele sind gleichsam anzustreben:

  • Regenerierung oder Aufladen der eigenen Batterien
  • Findungsprozess in einer unklaren oder schwierigen Situation
  • Entwicklung und Stärkung der eigenen Persönlichkeit
  • Karrieresprung durch eine Fachliche Weiterbildung
  • Gänzlicher Karrierewechsel durch eine Umschulung

Schön und gut, aber wie kommt man zu einer Auszeit?

Eine echte Auszeit bekommt man selten einfach so geschenkt. Auch wenn man für ein fortschrittliches Unternehmen arbeitet, so muss man sich erst für ein Sabbatical stark machen. Nur wenige Organisationen kennen eine bezahlte Auszeit nach vielen, vielen Dienstjahren. Und auch hier gilt, jede Situation ist individuell. Das wichtigste ist jedoch die persönliche Überzeugung und Motivation für einen Ausbruch. Als nächstes gilt es, die eigenen Möglichkeiten auszuloten. Ein wichtiger Bestandteil jeder Auszeit ist ein finanzieller Buffer. Es ist höchst empfehlenswert, seine eigenen Ausgaben frühzeitig zu reduzieren und sich ein Budget anzusparen. Je tiefer die laufenden Kosten, desto unbeschwerter lässt sich eine Auszeit nehmen. Dabei muss man sich ernsthaft auf die Finger schauen und alle Kosten hinterfragen.

Der entscheidende Schritt ist die Verhandlung mit dem Arbeitgeber. Viele Vorgesetzte lassen gut mit sich sprechen und gewähren einen Mehrmonatigen unbezahlten Urlaub – auch wenn dies keine offizielle Regelung ist. Handelt es sich um eine Fachspezifische Weiterbildung, so ist sogar mit weiterer Unterstützung zu rechnen. Die einzige Alternative zu solchen Gesprächen ist eine Kündigung oder Stellenwechsel selbst. Je nach Branche und Arbeitsmarkt kann es mehr oder weniger einfach sein, eine neue Stelle zu finden. Moderne Arbeitgeber sehen sinnvoll genutzte Auszeiten als klaren Mehrwert im Lebenslauf. Längere Reisen und ein Engagement für soziale Projekte demonstrieren wertvolle persönliche Fähigkeiten. Selbständiges Planen, interkulturelles Verständnis und einen Sinn für Communities sind gefragte Soft-Skills. Wer von seinem eigenen Sabbatical überzeugt ist und auch positiv davon spricht, hat seine Zeit eindeutig gut genutzt. Und plötzlich steht der Auszeit nichts mehr im Wege, ausser die eigene Willenskraft.

Gönn dir doch einfach mal eine längere Auszeit!

Nicht jeder braucht oder wünscht sich eine Auszeit. Aber in der heutigen, schnelllebigen Arbeitswelt kann es viel Mehrwerte bringen; für jeden persönlich, für den Arbeitgeber und für die gesamte Gesellschaft. Jedenfalls mehr als ein neues Auto oder Luxusferien am Strand. Willst auch du eine Auszeit? Beginne schon Morgen mit der Planung und dann verwirkliche deinen Traum!