POLITIK
05/01/2018 10:44 CET | Aktualisiert 05/01/2018 12:37 CET

Wieso Erdogan so große Angst vor den Krawallen im Iran hat

Eigentlich sollte sich der Präsident über eine Destabilisierung eines Rivalen freuen.

  • Der türkische Präsident Erdogan schlägt sich überraschend auf die Seite des iranischen Regimes
  • Das zeigt, wie groß Erdogans Angst vor einem Umsturz im Nahen Osten ist, erklärt ein Experte der HuffPost
  • Im Video oben: Wenn Erdogans böses Spiel jetzt nicht beendet wird, wird die Türkei gefährlich für uns alle

Tausende Menschen waren es wohl. Fast im gesamten Iran gingen sie in den vergangenen Tagen auf die Straße und protestierten. Gegen Misswirtschaft und Korruption, gegen das klerikale Regime und für Reformen.

“Mit den Mullahs haben wir keine Perspektive”, sagt der 23-jährige Student Ramin, den die dpa zitiert.

Schon bald gab es großen international Zuspruch für die Aufständischen in Teheran und anderen iranischen Regionen. Besonders aus den USA und Israel.

Einer blieb erstaunlich still: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Dann reagierte er doch – und sicherte dem iranischen Regime überraschend seine Solidarität zu.

Eigentlich wäre das Gegenteil zu erwarten gewesen: Die sunnitische türkische Regierung sieht den schiitischen Gottesstaat als geopolitischen Rivalen im Nahen Osten. Eine Destabilisierung – so scheint es – würde in die Karten Erdogans spielen. 

Warum solidarisiert Erdogan mit Teheran?

Doch der hat andere Hintergedanken. 

Dass Erdogan nicht an einem Umsturz in Teheran interessiert ist, hat gleich mehrere triftige Gründe, wie Aykan Erdemir, ehemaliger Abgeordneter der türkischen Nationalversammlung und Politologe beim US-Thinktank Foundation for Defense of Democracies erklärt.

“Erdogan sieht seine politische Zukunft eng mit dem Schicksal der anderen autoritären Regime in der Region verflochten”, sagt Erdemir der HuffPost. Im “Club der autoritären Herrscher” fühle sich der Präsident wohler als etwa unter europäischen Politikern.

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Die Regierung des Irans halte sich zurück, wenn es darum gehe, die “kleptokratische Natur” der türkischen Regierung anzuprangern.

Erdogan fühle sich deshalb geradezu verpflichtet, das ”Überleben der islamistischen und autoritären Regime in der Region” als ein gemeinsamens Interesse zu begreifen.

► Dazu komme eine andere Angst: Aufstände im Iran könnten auch in der Türkei Protestbewegungen Zulauf verschaffen. Auch in der Türkei gebe es “verärgertere Massen”, erklärt Erdemir.

Zuletzt im vergangenen Juli mobilisierte der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu über eine Million Türken, die gegen die Erdogan-Regierung protestierten. Ähnliche Proteste scheinen wieder möglich.

Ein Domino-Szenario, wie es sich im arabischen Frühling im Nahen Osten entfaltete, will der Präsident unbedingt verhindern. Das klerikale Regime des Ayatollahs ist daher ein Stein, der für den türkischen Präsidenten nicht ins Wackeln geraten darf.

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Ideologisch verfeindet, wirtschaftlich verworren

Laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu habe Erdogan in einem Telefongespräch mit Irans Präsidenten Hassan Rohani  deshalb deutlich gemacht, dass er dessen Auffassung teile, wonach sich Demonstranten an die Gesetze halten müssten.

Neben der Angst vor ähnlichen Protesten außerhalb des Irans treiben Erdogan womöglich auch wirtschaftliche Überlegungen. Denn ein instabiler Iran könnte den Handel mit der Türkei zurückwerfen. 

Trotz der ideologischen Differenzen mit dem Iran unterhalten beide Länder seit mehreren Jahren gute Wirtschaftsbeziehungen. Obwohl diese an den UN-Sanktionen leiden, importiert die Türkei noch immer wichtige Anteile Öl und Gas aus dem Iran.

Wohl auch auf illegalem Wege, wie der Prozess des iranisch-türkischen Geschäftsmannes Reza Zarrab in New York nun zeigte. Mit einem komplexen System half Ankara dem Iran in den vergangenen Jahren offenbar, Milliarden aus illegalen Öl- und Gasgeschäften zu verdienen. 

► Wie in New York herauskam, auch auf Geheiß Erdogans. 

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Mehrfach hatte der sich laut “New York Times” persönlich bemüht, den vor Monaten angelaufenen Prozess abzuwenden. Nicht nur gegenüber Vertretern der US-Regierung, auch in einem direkten Telefonat mit Präsident Donald Trump habe Erdogan den Fall thematisiert.

Doch den Prozess konnte er nicht aufhalten.

Im Iran selbst könnte er nun mehr Glück haben: Hier scheinen die Proteste in der zweiten Woche zumindest zeitweise abzuebben. 

(jg)