POLITIK
30/01/2018 17:29 CET | Aktualisiert 01/02/2018 08:47 CET

Wie wir Migranten das Deutschsein neu erfunden haben

Für deutsche Eigenschaften braucht man keine deutschen Wurzeln.

Als ich eines verregneten Sonntags durch das Fernsehprogramm zappte, blieb ich bei einer Arte-Dokumentation über Berlin hängen. Mehr als die historische Einordnung der Berliner Touristen-Attraktionen, faszinierte mich ein Kiosk-, pardon, Späti-Besitzer aus dem Wedding.

In tiefstem Berliner Dialekt plauderte er mit Stammgästen und dem Kamerateam über Gott und die Welt.

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Ich hatte mich zwischenzeitlich anderen Dingen gewidmet und staunte nicht schlecht, als ich meinen Blick wieder in die Richtung des Fernsehers richtete.

Über den Bildschirm flimmerte das Bild eines kleinen, türkischstämmigen Mannes mit Schnauzbart. Mit geübten Handgriffen führte er sein Mini-Imperium, als hätte er niemals etwas anderes getan.

Ich bin mir sicher, dass keiner der Späti-Kunden auch nur eine Sekunde daran zweifelte, einen echten Berliner vor sich stehen zu haben.

Für deutsche Eigenschaften braucht man keine deutschen Wurzeln

Was einen echten Berliner ausmacht, weiß ich zwar nicht so genau, aber in meinen Augen kam der Mann aus der Dokumentation meinem persönlichen Ideal eines Hauptstadtbewohners sehr nah.

Wenn wir die romantisch-verklärte Vorstellung städtetypischer Eigenschaften mal gelten lassen, ergibt sich daraus die Gleichung, dass man für “deutsche“ Eigenschaften keine deutsche Wurzeln benötigt.

Das heißt, dass alle Menschen in Deutschland ungeachtet ihrer Herkunft, maßgeblich am Erhalt und an der Weitergabe der deutschen Kultur beteiligt sind.

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Ein Blick in ein Lexikon zeigt, dass an der Bestimmung von Kultur gleich mehrere Disziplinen beteiligt sind. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich deswegen die Bedeutung durchgesetzt, dass Kultur vom Menschen geschaffene Dinge bezeichnet.

Damit sind materielle und geistige Güter wie beispielsweise Literatur oder Sprache gemeint.

Wer in Deutschland lebt und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, erkennt die deutsche Kultur dementsprechend als solche an. Man könnte sogar sagen, dass wir alle ein Teil von ihr werden.

Im Falle des Späti-Besitzers drückte sich dies in der Art zu reden und dem gelassenen Umgang mit den Kunden aus.

Was ist “typisch deutsch”?

Auch, wenn es immer wieder berechtigte Diskussionen darüber gibt, was “typisch deutsch“ ist und was nicht, herrscht inoffizielle Einigkeit darüber, dass einige Charakteristika vermehrt in Deutschland auftreten.

Ein Lieblingsklischee der internationalen Gemeinschaft über uns Deutsche ist beispielsweise, dass wir es lieben ordentlich zu sein.

Meine Mutter erzählt mir diesbezüglich immer wieder die Geschichte des deutschen Handwerkers, der sich für 15:00 Uhr angekündigt hatte, 14:50 Uhr da war und zehn Minuten lang in seinem Auto wartete bevor er an der Haustüre klingelte. Damals waren meine Eltern erst wenige Wochen in Deutschland.

Diese deutsche Geradlinigkeit findet sich in vielen Bereichen meines Lebens wieder. Trotz meiner Neigung zu kreativem Chaos existieren einige Seelen in meinem Freundes- und Bekanntenkreises, die sich ungeachtet ihrer Herkunft durch Tugenden auszeichnen, die einige Menschen als deutsch bezeichnen würden.

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Die mir unbegreifliche Liebe zum Tatort-Rudelgucken ist nur eine davon.

Einen weiteren Fall beschreibt die unbändige Liebe zu Mettwurst, die eine iranische Freundin und mich immer wieder zu leidenschaftlichen Diskussionen geführt hat.

Andere kulturelle Einflüsse sehe ich in dem türkischstämmigen Grünen-Politiker Cem Özdemir realisiert, den ich ganz klar als Vertreter des Schwabenländle bezeichnen würde. Des Weiteren verfüge ich über die Gabe, nach dem Genuss von Wein fließend Kölsch zu sprechen.

So wie uns die Kultur des Landes, in welchem wir leben, prägt, geschieht dies natürlich auch andersherum.

Gastarbeiter haben deutliche Spuren in Deutschland hinterlassen

Das berühmteste Beispiel sind die türkischen Gastarbeiter, die nach dem Krieg nach Deutschland kamen und bis heute sichtbare Spuren in der deutschen Gesellschaft hinterlassen haben.

Das reicht von offensichtlichen Markern wie die Bandbreite türkischer, kulinarischer Angebote bis zu Veränderungen in der deutschen Sprache.

Abseits der Klischee-Aushängeschilder gibt es natürlich weitere Beweise für wechselseitige, kulturelle Beeinflussung.

Zu Deutschland gehört auch die russische und türkische Gastfreundschaft

Ich bin mit Menschen unterschiedlicher Herkunft aufgewachsen. So lernte ich bereits als Kind die russische und türkische Gastfreundschaft kennen und lieben. Das verbinde ich in meinem Denken trotzdem mit Deutschland.

Denn Deutschland ist die Basis aller kulturellen Begegnungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob das schlecht sein könnte, weil ich es nie anders kannte.

Man kann natürlich nicht abstreiten, dass es negative Beispiele gibt. In einigen deutschen Städten haben Einwanderer Parallelwelten erschaffen, welche den Anschein machen, nichts mit der deutschen Gesellschaft zu tun zu haben. Das ist schade, aber ein weltbekanntes Phänomen in multikulturellen Gesellschaften. 

Weniger Abschottung, mehr Offenheit

Immer mehr Menschen fühlen sich leider nur noch durch die negativen Aspekte der Einwanderung angesprochen. Das ist in Anbetracht des rasant gestiegenen Anteils der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland nachvollziehbar. 

Die dadurch entstandenen Probleme sind dank der ständigen Aufbereitung in den Medien bekannt. Einige Menschen sind bereits an dem Punkt angelangt, dass sie sich sofort abwenden, wenn es sich um Themen wie Ausländerfeindlichkeit oder die Flüchtlingskrise handelt.

Die AfD ist kein Produkt der Medien

Das könnte rechte Tendenzen erstarken lassen, denn wer extreme Geisteshaltungen pflegt, wird niemals aufhören, die Umsetzung seiner Ideale zu verfolgen.

Die AfD ist kein Produkt der Medien und die einhergehende Hetze ebenfalls nicht. Deswegen müssen wir, die Mitte, ein Zeichen setzen, indem wir uns immer wieder aufraffen und weiterhin die positiven Aspekte der Einwanderung hervorheben.

Auch, wenn uns das Thema aufgrund der ständigen medialen Erwähnung auf die Nerven gehen könnte. Unsere Kinder und Enkelkinder, die dann weiterhin in einem kulturell vielseitigen, weltoffenen Deutschland aufwachsen können, werden es uns danken.