POLITIK
21/01/2018 21:37 CET | Aktualisiert 22/01/2018 10:34 CET

Wie Nahles SPD-Chef Schulz in den Schatten stellte – und ihn damit rettete

Sie ist die bessere Schulz.

Bloomberg via Getty Images
  • Fraktionschefin Nahles hat beim Parteitag gezeigt, dass sie die emotionale Anführerin der SPD ist

  • Mit ihrem Auftritt hat sie bewiesen, dass sie die Partei in die Zukunft führen kann

 Es gibt Menschen, die haben ein gutes Pokerface. Es verbirgt, wie sie sich fühlen.

Und es gibt Martin Schulz. Manchmal scheint es, als würde jeder Wimpernzuck, jede Handbewegung, jedes Stirnrunzeln etwas mehr über den SPD-Chef verraten, als es dem Rheinländer lieb ist.

Am Sonntag in Bonn war mal wieder so ein Tag. Beim schicksalhaften Bundesparteitag der Sozialdemokraten fiel es Schulz’ schwer, sein Unbehagen, sein Zweifeln, vielleicht auch die Enttäuschung über seinen wenig euphorisch aufgefassten Auftritt zu verbergen.

Schulz kniff die Lippen zusammen, legte die Hand auf sein Gesicht, als wolle er sich die Erschöpfung der vergangenen Monate SPD-Talfahrt von den Augen reiben.

Neben dem blassen SPD-Chef blühten andere auf – besonders Fraktionschefin Andrea Nahles. Sie hielt die Rede, die Schulz nicht zu reden vermochte – und zog ihren Kollegen damit von sehr, sehr dünnem Eis.

Schulz-Müdigkeit macht sich breit

60 Druckseiten waren es, auf denen Schulz versuchte die Zweifler von einer Großen Koalition zu überzeugen. Dabei wirkte er selbst wie einer.

Das lag nicht daran, dass Schulz sich keine Strategie überlegt hatte, mit der er den Parteitag für die Regierungsbildung begeistern wollte. Es war schlicht und ergreifend die Falsche.

Fast ermüdend wirkte die lange Schulz-Rede im Vergleich zu den dicht getakteten 3-Minuten-Voträgen der anderen Delegierten, die besonders, wenn es gegen die GroKo ging, zu pointierten Kampf-Ansagen gerieten.

Schulz dagegen versuchte es mit einer Mischung aus Altbewährtem aus dem Handbuch „flammender Europa-Appell“ (mäßig erfolgreich), Versprechungen, was denn nach den durchwachsenen Sondierungen noch passieren würde (wenig erfolgreich) – und inhaltlichen Erklärungen des Parteiprogramms (gar nicht erfolgreich).

Der müde Applaus des Publikums war nur ein Symptom der sich breitmachenden Schulz-Müdigkeit der SPD

So drohte die Pro-GroKo-Fraktion in Bonn im Sog ihres eigenen Parteichefs baden zu gehen. Wäre da nicht Nahles gewesen.

Sie schien verstanden zu haben, worauf es bei diesem Partei-Showdown ankam. Ihr wütend gebrüllter Vortrag ließ den etwas heiseren Schulz nicht nur stimmlich alt aussehen. Sie ließ das inhaltliche Sezieren beiseite und ließ sich auf den emotionalen Schlagabtausch mit den GroKo-Gegnern ein.

Nahles macht vor, wie es geht

Deren Utopie eines Links-Bündnisses sei „Blödsinn“.

„Die Bürger zeigen uns den Vogel!“, polterte Nahles. Sie machte spürbar, dass frischer Wind kein Begleiteffekt der Oppositionsarbeit sein muss.

Erneuerung gehe auch mit Verantwortung. Nahles appellierte an den Stolz der Genossen: Was habe dieser Prozess „mit Merkel oder dem blöden Dobrindt zu tun?“

Am Ende standen Nahles und Schulz als Sieger da.

Doch während Nahles mit einem Anflug eines schelmischen Lächelns an den Journalisten vorbei schlich, wichen Schulz’ Sorgenfalten auch nach dem erleichternden 56-Prozent-Erfolg nicht.

Auch der SPD-Chef hat gemerkt, dass der Wind nun aus zwei Seiten gegen ihn weht. Von den Jungen, den Parteilinken, den GroKo-Überdrüssigen. Und von denen, die Visionen für diese GroKo haben. Und eine Strategie, sie zu verkaufen.

Schulz, das hat dieser Sonntag gezeigt, gehört nicht in diese Gruppe. Er ist nicht der emotionale Anführer, den die SPD in dieser schwierigen Zeit braucht.

Da kann sein Gesicht noch so entgleisen.