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24/01/2018 19:44 CET | Aktualisiert 02/02/2018 17:04 CET

Wie Mexiko-Stadt das Problem mit der Luftverschmutzung lösen will

Früher fielen hier die Vögel tot vom Himmel.

Joel Carillet via Getty Images
Mexiko-Stadt hat seit Jahrzehnten mit Luftverschmutzung zu kämpfen.
  • Mexiko-Stadt versucht seit Jahrzehnten gegen die Luftverschmutzung anzukommen
  • Die Stadt hat große Erfolge, doch die Maßnahmen sind umstritten

Die Luftverschmutzung in Mexiko-Stadt war einst so gravierend, dass Vögel tot vom Himmel fielen.

Im Jahr 1992 wurde der Stadt die zweifelhafte Ehre zuteil, auf der Liste der am stärksten verschmutzten Städte der Welt die Spitzenposition einzunehmen.

Heute, ein Vierteljahrhundert später, hat sich die Stadt gebessert – zumindest ein Stück weit.

Im Jahr 2016 gab es in der mexikanischen Hauptstadt laut deren atmosphärischem Überwachungssystem 24 Tage mit sauberer Luft.

Das bedeutet zwar: Es gab in der Region Mexiko-Stadt über 240 Tage, an denen der Verschmutzungsindex um mehr als 50 Punkte über den empfohlenen Werten lag. Aber: Die Bilanz war bedeutend besser als im Vorjahr.

Da hatte es in Mexiko-Stadt nur 17 Tage mit sauberer Luft gegeben.

In puncto Luftverschmutzung belegt die Stadt noch immer einen der zehn traurigen Spitzenplätze. Aber die Luftqualität hat sich deutlich verbessert.

Das liegt zum einen an einer offensiven Gesetzgebung. Zum anderen an einem gesteigerten Bewusstsein für ein Problem, das jährlich weltweit mehr als 6 Millionen Menschen das Leben kostet, deutlich verbessert.

In einem Themenschwerpunkt zur Verkehrspolitik hat sich die HuffPost die Erfolgsgeschichte der mexikanischen Hauptstadt genauer angesehen.

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Die Werte der Stadt verbessern sich – dank zahlreicher Programme

Die verantwortlichen Amtsträger von Mexiko-Stadt haben in den letzten Jahren erhebliche Investitionen unternommen, um die Luftqualität in der Stadt zu verbessern.

Die Hauptstadt gab in einem Programm namens “Metrobus“ 450 Millionen Dollar für neue nachhaltige Busse und neue Busstrecken entlang der Stadt aus. Wie auch andere Städte auf der ganzen Welt hat Mexiko-Stadt zudem in ein öffentliches Programm zur Bereitstellung von Fahrrädern investiert.

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Seit sie vor sieben Jahren erstmals auf der Straße zum Einsatz kamen, sind die “Ecobici“ genannten rot-weißen Fahrräder zu einem alltäglichen Bestandteil des Straßenbildes von Mexiko-Stadt geworden.

Der gegenwärtige Bürgermeister Miguel Ángel Mancera unterzeichnete im letzten Jahr die Klima-Charta von Chicago, mit der sich bereits über 50 weitere Bürgermeister aus der ganzen Welt zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen verpflichtet hatten.

“Wir konnten die Luftverschmutzung eindämmen und sogar die Werte senken“, erklärte er gegenüber Journalisten auf einer Pressekonferenz im Januar.

Das Bewusstsein der Bürger für das Problem wächst. Die Mexikaner verfolgen Berichte zur Luftqualität heutzutage in der gleichen Weise, wie andere Menschen in den Wetterbericht schauen.

Die lokalen Behörden betreiben einen Twitter-Account, auf dem die Lage gemeldet und praktische Tipps gegeben werden. Und wenn die Einwohner der mexikanischen Hauptstadt im nächsten Jahr einen neuen Bürgermeister wählen, wird die Luftverschmutzung eines der zentralen Wahlkampfthemen sein.

Doch die Bewohner von Mexiko-Stadt fühlen sich belogen

Man sollte jedoch nicht denken, die Einwohner würden applaudieren.

Die meisten Chilangos, wie die Einwohner von Mexiko-Stadt genannt werden, glauben nicht daran, dass die Regierung die Wahrheit über die Luftverschmutzung sagt.

“Diese Statistiken sind aus meiner Sicht nutzlos”, sagt Omar Farías, der südlich der Hauptstadt einen kleinen Laden betreibt. “Ich weiß, dass die Luft schlecht ist, weil mein Kopf schmerzt und meine Augen tränen.

Eine Studie des International Development Research Centre zeigt, dass mehr als 60 Prozent der Einwohner von Mexiko-Stadt an den Informationen der Regierung zweifeln.

Streit um die Statistiken

Einige seien der Meinung, die Regierung habe ein politisches Interesse, ihre Emissionsschutzprogramme zu bewerben – andere würden demnach schlichtweg glauben, dass die Behörden lügen.

Tanya Müller ist die Umweltsekretärin von Mexiko-Stadt. Sie sagt, dass Emissionsschutzbemühungen der aktuellen als auch der vorheriger Stadtverwaltung dazu beigetragen hätten, Kohlenmonoxid und andere Abgase um zwei Drittel zu reduzieren.

“Die Luftqualität in Mexiko-Stadt hat sich verbessert“, erklärte sie vor kurzem bei einer Pressekonferenz. “Ich bleibe dabei: Wer behauptet, die Luftqualität sei jetzt schlechter, hat keine Ahnung vom Thema.“

Einmal in der Woche muss das Auto stehen bleiben 

Die Anstrengungen zur Bekämpfung der Luftverschmutzung begannen vor fast drei Jahrzehnten. Damals hat die Partido Revolucionario Institucional, die das Land über den Großteil des letzten Jahrhunderts hinweg regierte und auch aktuell an der Macht ist, ein Programm namens “Hoy no Circula“ angeordnet.

Es sieht vor, dass die Bewohner von Mexiko-Stadt ihre Autos an einem Werktag pro Woche zu Hause lassen sollten. Autobesitzer müssen ihre Fahrzeuge im Rahmen des Programms außerdem alle sechs Monate einer Abgasuntersuchung unterziehen.

Das Programm wurde ständig weiterentwickelt. Heute gibt es strenge Regeln, an welchen Tagen Autos mit geraden und ungeraden Kennzeichen auf die Straße dürfen.

Mindestens eine Studie, die im vergangenen Jahr in Scientific Reports veröffentlicht wurde, legte jedoch nahe, dass die Resultate des Programms enttäuschend seien – womöglich, weil diejenigen, die es sich leisten konnten, einfach zwei Autos kauften, um an Tagen mit Fahrverbot zwischen ihnen zu wechseln.

“Die Regierung will, dass wir unser Auto an einem Tag in der Woche stehen lassen, bietet aber keinerlei Alternative hinsichtlich geeigneter öffentlicher Verkehrsmittel an“, sagte Luis Atienzo, Chemiker und dreifacher Vater aus dem Außenbezirk Satélite.

Gute Anstöße, doch vieles ist nicht zu Ende gedacht

Als die Regierung 1989 das Programm “Hoy no Circula einführte, kaufte Atienzos Vater – wie viele andere Familien in der Gegend, insbesondere solche aus der Mittelschicht – ein zusätzliches Auto. Später gründete Luis seine eigene Familie und nutzte niedrige Zinsen, Bankkredite und Familienersparnisse, um ein Familien-SUV sowie je einen Wagen für sich und seine Frau zu kaufen.

“Ich bin einer von den Tausenden Autofahrern, die an jedem einzelnen Tag allein zur Arbeit fahren“, sagt Atienzo. “Es ist lächerlich und vielleicht auch ungehörig, aber ich habe keine Wahl. Die Entfernung zwischen Zuhause und Arbeitsplatz beträgt nur gut 13 Kilometer, aber aufgrund des sehr schlechten öffentlichen Verkehrssystems würde es über 3 Stunden dauern, bis ich im Büro wäre.“

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Atienzo findet nicht, dass das zusätzliche Auto einem Betrug gleichkommt. “Es ist nicht verboten“, sagt er. “Außerdem hat die Regierung für Leute wie uns keine guten Möglichkeiten zum Pendeln geschaffen.“

► Tatsächlich weist Mexiko-Stadt laut der Beratungsfirma SinTráfico sogar die landesweit höchsten Investitionen in die städtische Verkehrsinfrastruktur auf. Doch paradoxerweise herrscht gleichzeitig die schlechteste Mobilität. Über 7 Millionen Menschen pendeln täglich nach Mexiko-Stadt zur Arbeit.

Zwar wurden durch “Hoy no Circula“ und Abgasuntersuchungen die schädlichsten Gasemissionen wie Ozon reduziert. Jedoch erzeugt die Nutzung fossiler Brennstoffe noch immer Kohlendioxid, Distickstoffoxid, Methan und Fluorkohlenwasserstoffe, die ebenfalls Auswirkungen auf die Stadt haben.

Geographisch schlecht gelegen

Doch Mexiko-Stadt steh noch vor einem ganz anderen, Naut gegebenen Problem. Die Stadt mit ihren 20 Millionen Menschen unterliegt dem Fluch ihrer Topografie. Partikel aus nahegelegenen Fabriken, Staub vom abgeholzten Gelände rund um die Metropole und die Abgase der Autos, Busse und Lastwagen sind im Tal eingeschlossen.  

Aufgrund der Höhenlage sei außerdem weniger Sauerstoff vorhanden, sagt Expertin Maricela Yip.

Die Umweltkommission des Ballungsraums, die die Luftqualität überwacht, kann an Tagen mit äußerst hoher Konzentration von Gasemissionen und Schwebeteilchen in der Luft einen Ernstfall ausrufen. Dann werden die Arbeiten im Bergbau und der Betrieb von Schwermaschinen in Baustellenbereichen ausgesetzt werden.

Hat die Luft einen hohen Ozongehalt, kann außerdem angeordnet werden, dass Privatautos, öffentliche Verkehrsmittel und Lastfahrzeuge je nach Kennzeichen und Herstellungsjahr nicht auf die Straße dürfen.

Im letzten Jahr riefen die Funktionäre der Umweltkommission vier Ernstfälle ausgerufen.

“Ich kaufe ihnen nicht ab, dass die Stadt nicht die am stärksten verschmutzte der Welt sein soll“, sagt Juan Carlos Liebre. Er ist Taxifahrer und seit über 25 Jahren auf den Straßen von Mexiko-Stadt unterwegs.

“Sehen Sie sich nur diese Rauchwolken und die tränenden Augen der Menschen an. Ich habe den Eindruck, es ist schlimmer als je zuvor.“

Der Text ist ursprünglich in der HuffPost Mexiko erschienen.

Die HuffPost wird sich in einer Serie von Artikeln mit den Auswirkungen von Luftverschmutzung beschäftigen – und Projekte und Ideen präsentieren, die die Luftqualität verbessern und Leben retten können.

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