POLITIK
24/01/2018 19:03 CET | Aktualisiert 25/01/2018 09:54 CET

Wie ich in einer deutschen Klinik mit Rassismus zu kämpfen hatte

Der Patient beschwerte sich, dass ein pakistanischer Flüchtling in sein Zimmer gekommen sei.

Umeswaran Arunagirinathan
Umeswaran Arunagirinathan ist ein deutscher Herzchirurg.

Umeswaran Arunagirinathan ist Herzchirurg. Geboren in Sri Lanka kam er in jungen Jahren alleine nach Deutschland. Dort schloss er seine Schule ab, studierte Medizin und begann seine Karriere als Arzt. 

In den ersten Jahren meiner Ausbildung war ich als Stationsarzt einer Station zugeteilt, auf der Patienten nach einem herzchirurgischen Eingriff von der Intensivstation übernommen werden und bis zu ihrer Entlassung bleiben.

Es war die Station H5B, mein Zuhause bei der Arbeit. Jeden Tag schob ich den Visitenwagen mit den elektronischen Patientenakten von einem Zimmer zum anderen, ging von einem Patienten zum nächsten.

Die meisten Informationen über den Heilungsverlauf des Patienten bekam ich vom zuständigen Pflegepersonal. Das ist die Berufsgruppe im Krankenhaus, die die meiste Zeit mit den Patienten verbringt.

Er habe sich beschwert, dass er von einem Schwarzen behandelt werde

Ich stand vor Zimmer 513, die zuständige Pflegerin sprach mich etwas zögerlich an: Es sei vielleicht besser, wenn ein Kollege die Visite übernehmen würde. Es war ihr sichtlich unangenehm. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, und wollte wissen, was los sei.

Sie rückte dann damit heraus, dass der Patient Herr Claussen sich darüber beschwert habe, dass er von einem Schwarzen behandelt werde, der nicht einmal ein richtiger Arzt der Klinik sei.

Die Ehefrau des Patienten habe auch schon auf der Station angerufen und gefragt, ob tatsächlich ein Schwarzer als Arzt in der Klinik arbeite. Das überraschte mich sehr, denn bei der Visite am Tag zuvor war mir an Herrn Claussens Verhalten nichts Besonderes aufgefallen.

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Wie üblich hatte ich das Zimmer mit den Worten “Moin Moin, ihr Lieben” betreten und mich bei jedem Patienten nach seinem Befinden erkundigt. Als
ich Herrn Claussen fragte, schaute er aus dem Fenster und sagte nichts.

Ich war davon ausgegangen, dass der 80-jährige Patient nach einer schweren Bypass-Operation noch nicht in der Lage war, meine Frage zu beantworten.

Dass sein Verhalten gegen mich gerichtet war, schmerzte mich, aber ich sagte zu meiner Kollegin von der Pflege: “Es ist mir egal, ob er ein Nazi oder ein Krimineller ist oder welche Vorurteile er mir gegenüber hat. Er ist mein Patient, und ich werde ihn weiter behandeln.”

Die Beschwerde seiner Ehefrau hatte sich schnell in der Klinik herumgesprochen.

Mein Chef regte sich über den Patienten auf und sagte, dass er ihn jederzeit in eine andere Klinik verlegen könne. Ich bestand darauf, dass er mein Patient sei und ich ihn weiter behandeln möchte, es sei denn, er wolle freiwillig die Klinik verlassen.

“Bitte wundern Sie sich nicht, dass in unserer Klinik pakistanische Flüchtlinge als Ärzte tätig sind”

Ich erinnerte mich an eine ähnliche Situation, als ich auf der Überwachungsstation während meines Nachtdienstes nach einem Patienten gesehen hatte, der wegen einer Herzschwäche mit vielen Medikamenten behandelt wurde. Ich wollte sichergehen, dass sein Zustand stabil war, und ich keine weiteren Maßnahmen ergreifen musste.

Am nächsten Tag beschwerte sich der Patient bei der Visite des Stationsarztes, dass in der Nacht ein pakistanischer Flüchtling in sein Zimmer gekommen sei und sich als Arzt ausgegeben habe.

Mein Kollege ärgerte sich über den Patienten und gab dessen Äußerung an den Chefarzt weiter. Der Chef sagte dem Patienten während seiner Visite so ganz nebenbei: “Bitte wundern Sie sich nicht, dass in unserer Klinik pakistanische Flüchtlinge als Ärzte tätig sind. Das sind übrigens die besten, die wir haben”,
und verließ das Patientenzimmer.

Mein Kollege, der dabei war, erzählte mir die Geschichte, und wir amüsierten uns sehr darüber.

Ich muss jeden Patienten gleich gut behandeln

Nun stand also die zweite Visite bei Herrn Claussen an, der nicht von einem dunkelhäutigen Arzt behandelt werden wollte. Für mich war es wichtig, ohne Emotionen, sachlich und höflich mit ihm umzugehen.

Ich muss jeden Patienten gleich gut behandeln, unabhängig von seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion oder politischen Einstellung. Das ist meine ärztliche Pflicht.

Selbst einen srilankanischen Präsidenten, der für die Verfolgung und Vernichtung von Tausenden von Familien verantwortlich ist, muss ich, wenn er mein Patient ist, so gut behandeln, wie ich es bei meinem eigenen Vater tun würde.

Ich betrat also Zimmer 513, begrüßte Herrn Claussen, auskultierte seine Lunge, kontrollierte seine Wunden am Brustbein und am rechten Unterschenkel, wo die Venen als Bypass-Material entnommen worden waren, und suchte seine Arme und Beine nach Ödemen ab.

Ich erklärte ihm, wie wichtig das regelmäßige Atemtraining nach einem herzchirurgischen Eingriff sei, und dass es besser sei, tagsüber zu sitzen, zu stehen oder zu gehen, als im Bett zu liegen, um einer Lungenentzündung vorzubeugen.

Denn eine Lungenentzündung kann bei älteren Menschen sogar tödlich enden.

Meistens vermied er es, mich anzusehen

Beim Sitzen bat ich ihn, seine Beinmuskeln durch Fußbewegungen zu aktivieren, damit die Muskelpumpe die peripheren Ödeme schnell zum Herzen und somit über die Nieren hinausbefördern könne.

Am Ende formte ich noch einen kleinen Ball aus einem OP-Höschen, mit dem er Handgymnastik machen sollte, um seine Handödeme wegzubekommen.

Dann bereitete ich mit der Pflegerin die Entfernung der Thoraxdrainage, die zum Abfluss von Wundflüssigkeit nach der OP gelegt worden war, vor. Für die Patienten ist das Herausziehen der Drainage sehr unangenehm. Mit viel Geduld erklärte ich Herrn Claussen jeden Schritt und entfernte problemlos die Drainage.

Ich erklärte ihm auch jedes Medikament, das er aktuell einnehmen musste. Ich visitierte ihn täglich, und nicht einmal bekam ich ein Wort von ihm zu hören.

Meistens vermied er es, mich anzusehen. Das war frustrierend.

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Herr Claussen machte Fortschritte, und es kam nicht einmal zu einer Rhythmusstörung, wie es oft nach einem herzchirurgischen Eingriff der Fall ist, bedingt durch Elektrolytverlust beziehungsweise Volumenverschiebung.

Ich entfernte sein Schrittmacherkabel, das während der Operation eingelegt worden war. Auch das erklärte ich ihm genau.

Normalerweise wird die Herzultraschall-Untersuchung vor der Entlassung vom Kollegen des Spätdienstes durchgeführt.

Da es mir wichtig war, und ich es auch als eine Herausforderung für mich empfand, möglichst oft Herrn Claussen die Chance zu geben, mich kennenzulernen, führte ich diese Untersuchung selbst durch.

“Du bist ein guter Junge”

Ich erklärte ihm die Schwarz-Weiß-Bilder und die Strukturen am Herzen und die Farben beim Farbdoppler über seinen Herzklappen.

Ich beteiligte mich auch an der Suche nach einer Reha-Klinik für ihn, um seinen Wunsch nach einem Aufenthalt in der Curschmann Klinik an der Ostsee zu erfüllen, und telefonierte mit den netten Damen vom Reha-Management.

Am siebten Tag nach seiner Bypass-Operation plante ich, ihn in die Reha-
Klinik verlegen zu lassen. Am Entlassungstag ging ich ins Zimmer 513.

Herr Claussen saß auf der Bettkante, sein gepackter Koffer lag auf dem Stuhl und ein Gehstock stand angelehnt am Bettende. Ich war sehr froh, dass er ohne Komplikationen seine Bypass-Operation überstanden hatte.

Ich wünschte ihm alles Gute und sagte: “Halten Sie Abstand zum Krankenhaus, bleiben Sie gesund, ich möchte sie nie wieder bei uns sehen.” Ich lächelte ihn an und verließ das Zimmer, um meine Visite fortzusetzen. [...]

Während ich noch vor dem Patientenzimmer 527 mit dem Visitenwagen stand und die nächste elektronische Akte studierte, klopfte mir plötzlich Herr Claussen, der auf seinen Transport zur Reha-Klinik wartete, auf die Schulter.

Als ich mich umdrehte, sagte er: “Du bist ein guter Junge”, und schaute mich freundlich an.

Das war eines meiner schönsten Erlebnisse im Krankenhaus.

Vielleicht habe ich einem achtzigjährigen Mann die Chance gegeben, nicht als Rassist zu sterben

Der Mensch ist bis zum letzten Atemzug in der Lage, etwas dazuzulernen. Es wäre unvernünftig gewesen, Herrn Claussen in die Schublade mit der Aufschrift “Rassist” zu packen.

Es wäre auch verständlich gewesen, wenn ich ihn nicht weiter behandelt hätte. Das vernünftige Verhalten war genau das, was ich getan habe. Auf jemanden, der aus Vorurteilen von dir Abstand nimmt, zuzugehen.

Vermutlich hatte Herr Claussen zuvor nie die Gelegenheit, einen Dunkelhäutigen kennenzulernen.

Vielleicht begegnet er in der Zukunft einem Dunkelhäutigen anders als bisher. Vielleicht habe ich mit meinem Verhalten einem achtzigjährigen Mann die Chance gegeben, nicht als Rassist zu sterben.

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Ich halte es für wichtig, mit dem Andersdenkenden in einen Dialog zu kommen, auch wenn es viel Energie und Geduld kostet. Wenn wir die nicht investieren, ändern wir niemanden.

Mit unserer Hilfe haben sie vielleicht die Möglichkeit, über ihren eigenen Schatten zu springen, jeden Menschen als Menschen zu sehen und keine
Unterschiede zu machen.

Der Fremde bleibt nur solange fremd, wie er sich als Fremder fühlt und von der Gesellschaft als Fremder wahrgenommen wird.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch “Der fremde Deutsche” von Umeswaran Arunagirinathan. 

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