ELTERN
19/01/2018 17:34 CET | Aktualisiert 01/02/2018 12:41 CET

Wie eine Schule in Berlin eines der größten Bildungsprobleme lösen will

In der Quinoa-Schule lernen vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien.

Quinoa
An der Quinoa-Schule arbeiten Lehrer und Schüler eng zusammen.
  • Eine Berliner Privatschule bietet sozial benachteiligten Kindern eine Chance auf Bildung
  • 80 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund

Eine makellose Uniform, eine sündhaft teure Schultasche und ein Lächeln das ebenso strahlt, wie die eigenen Zukunftsaussichten: Das ist das Bild, das man gewöhnlich mit Privatschulen verbindet.

Auf die Quinoa-Schule in Berlin trifft das nicht zu.

Die Quinoa-Schule ist eine Privatschule für sozial benachteiligte Schüler im Brennpunkt-Viertel Wedding. 50 Prozent der Menschen im Viertel haben einen Migrationshintergrund. 

Als die Lehrer Stefan Döring und Fiona Brunk die Schule vor vier Jahren gründeten hatten sie nichts weniger im Sinn, als eines der größten Probleme des deutschen Schulsystems zu lösen: Die Chancenungleichheit. 

► Im Vergleich von 35 Industriestaaten der OECD landet Deutschland auf dem sechstletzten Platz. 

“Gefährliche gesellschaftliche Spaltung”

Kinder aus sozial schwachen Familien haben in Deutschland immer noch sehr viel geringere Chancen auf eine erfolgversprechende Schulkarriere als Kinder aus reichen Familien.

Der Präsident des deutschen Lehrerverbands Heinz-Peter Meidinger warnte kürzlich in der HuffPost vor einer “gefährlichen gesellschaftlichen Spaltung”. 

Mehr zum Thema: Eine Grafik verrät, wie ungerecht die deutsche Bildungspolitik ist – doch niemand darf sie sehen

Seit Jahren beißen sich Politiker und Experten die Zähne am Problem der Chancenungleichheit aus - Stefan Döring und Fiona Brunk wollen nun in der Praxis eine Lösung finden. 

Als sie ihre Schule gründeten, stellten sie sich vor allem zwei Fragen:

► Wie wäre es aber, wenn man diesen Schülern die gleiche Förderung zukommen lassen würde, die sonst nur Kindern wohlhabender Eltern, die eine Privatschule besuchen, zu Teil wird?

► Ihr individuelles Potenzial und ihre verborgenen Talente erkennt und fördert?

Denn eines war Döring und Brunk während der zwei Jahre, in denen sie an einer Oberschule im Berliner Brennpunkt-Viertel Wedding unterrichteten, ganz besonders aufgefallen: Dieselben Kinder, die vormittags unmotiviert im Unterricht saßen, blühten nachmittags in Arbeitsgemeinschaften und Projekten richtig auf. Sie zeigten Enthusiasmus und Gemeinschaftssinn.

Was ist das Konzept von Quinoa?

Diese Überlegung brachte die beiden auf die Idee, ein chancengerechtes Schulkonzept zu erarbeiten. 

Herausgekommen ist die Quinoa-Schule. Eine Sekundarschule, die Kinder von der 7. Bis zur 10. Klasse unterrichtet. Sie wird vor allem von Kindern aus sozial schwachen Familien und mit Migrationshintergrund besucht.

82 Prozent der Schüler sind Lehr- und Lernmittel befreit, weil ihre Eltern nicht genug verdienen, oder von Hartz IV leben. Die Schule finanziert sich durch Spenden und staatliche Fördermittel.

Screenshot Quinoa
80 Prozent der Schüler an der Quinoa-Schule haben einen Migrationshintergrund.

“Unsere Schüler haben es oft nicht leicht. Viele Leute haben sie längst abgeschrieben”, sagt der stellvertretende Schulleiter Pantelis Pavlakidis im Gespräch mit der HuffPost. “Aber ich habe sie bisher alle als wunderbare Menschen kennengelernt.”

Bei der Auswahl ihrer Schüler ist die Quinoa-Schule darum bemüht, die Sozialstruktur des Stadtteil Wedding abzubilden, sagt die Geschäftsführerin der Quinoa-Schule, Ulrike Senff, der HuffPost.

Zu den größten ethnischen Gruppen im Viertel zählen türkisch- und arabisch-stämmige Migranten. Sie stellen auch die Mehrheit der Schüler in der Quinoa-Schule.

► Insgesamt beträgt der Anteil der Schüler, die zuhause nicht Deutsch sprechen, 80 Prozent. Die Vermittlung von Sprachkompetenz ist folglich einer der großen Eckpfeiler des Unterrichts.

Das Fach “Interkulturelles Lernen” soll den Schülern außerdem vermitteln, dass ihr Migrationshintergrund kein Hindernis darstellt - sondern eine einzigartige Chance.

“Wir wollen die Kinder in ihrer Ganzheit wahrnehmen, mit ihren individuellen Problemen, Ängsten und Fragen” sagt Ulrike Senff der HuffPost.

Diese Merkmale zeichnet die Quinoa-Schule aus:

1. Sie hat weniger Schüler als die meisten Sekundarschulen.

Die Quinoa-Schule zählt aktuell 110 Schüler. Seit Herbst 2017 gibt es erstmals zwei 7. Klassen. Insgesamt hat die Schule Platz für 192 Schüler.

“An anderen Schulen sind es zwischen 800 und 1200”, erklärt Ulrike Senff. “Da gehen Schüler auch mal unter. Bei uns passiert das nicht.”

2. Sie setzt auf positive Motivation.

Wer die Werte der Schule, wie Mut und Toleranz, umsetzt, wird mit Lobpunkten ausgezeichnet. 

“Im Vorfeld der Bundestagswahl hatten wir zum Beispiel ein Projekt zur politischen Debatte. Ein Mädchen, das sonst im Unterricht sehr still ist, hat sich freiwillig gemeldet, um Politikern ein paar Fragen zu stellen. Das fanden wir sehr mutig und haben es mit Lobpunkten honoriert.” 

Die Lobpunkte der Schüler einer Klasse werden zusammengezählt. Ein System, das ein bisschen an das der Zauberschule Hogwarts aus J.K. Rowlings “Harry Potter” Romanen erinnert.

Wenn die Schüler über die gesamte Woche wenig Abzüge in Aufmerksamkeit und aktiver Mitarbeit bekommen haben, darf sich die Klasse eine Belohnung aussuchen.

Das kann zum Beispiel ein Besuch in einer Trampolinhalle, oder ein gemeinsames Burgeressen sein.

Screenshot Quinoa
Projektarbeit und Teambuilding sind essentielle Bausteine des Unterrichts an der Quinoa-Schule.

3. Jeder Schüler wird von einem Tutor betreut.

Dieser steht ihm oder ihr als Ansprechpartner zur Verfügung, nicht nur bei schulischen, sondern auch für persönliche Probleme. 

“Eine unserer Schülerinnen hat sich mit ihrer Mutter gestritten, kurze Zeit später fiel die Mutter ins Koma”, schildert Pavlakidis das Familienschicksal einer Schülerin.

“Wenn man diese Geschichte kennt, versteht man als Lehrer besser, wieso es dem Mädchen vielleicht schwer fällt sich im Unterricht zu konzentrieren, oder weshalb sie wie reagiert.”

4. Sie pflegt engen Kontakt zu den Familien der Schüler.

Zu Beginn jedes Schuljahres führt der Klassenlehrer ein Gespräch mit jedem Schüler und dessen Familie und setzt gemeinsam mit ihnen Ziele fest.

Diese beziehen sich nicht immer auf die Noten, sagt Pantelis Pavlakidis. “Manchmal geht es auch darum, dass ein Schüler lernt, nicht gleich auszurasten, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt.”

Kritik an Quinoa

Revolutionär sind diese Fördermethoden nicht, sagt Ilka Hoffmann, Leiterin des Bereichs Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

“Die Quinoa-Schule setzt pädagogische Elemente um, die nicht neu sind und in zahlreichen öffentlichen, integrierten Schulen auch angewendet werden.”

Allerdings sei es an öffentlichen Schulen aufgrund der personellen Ressourcen schwerer, ein Bildungskonzept wie das der Quinoa-Schule umzusetzen. Die Förderung von Ersatzschulen wie der Quinoa-Schule mit Steuergeldern ist daher aus Hoffmanns Sicht der falsche Ansatz.

► Vielmehr müssten “die öffentlichen Schulen den Auftrag haben, soziale Benachteiligungen abzubauen und dazu in die Lage versetzt werden.”

Denn auch für Hoffmann ist individuelles Lernen der Schlüssel zu einer gerechteren Bildung.

“Bei einem gleichschrittigen Lernen werden die schwachen Schüler abgehängt und die starken Schüler abgebremst”, stellt die Bildungsexpertin fest. Die Schulen von heute müssten daher vielfältige Lernangebote schaffen.

Das Ziel von Quinoa: Anschluss statt Abschluss

Sicher: Da Quinoa eine private Initiative ist, hat sie ganz andere Möglichkeiten als öffentliche Schulen. Aber entsprechend ambitionierte Ziele hat die Schule auch.

► In den ersten vier Jahren nach dem Abschluss der 10. Klasse soll jeder der Jugendlichen eine Ausbildung abschließen, oder Abitur machen.

“Wir messen uns nicht daran, wie viele unserer Schüler einen Schulabschluss machen, sondern daran, wie viele von ihnen eine Anschlussperspektive haben”, sagt Ulrike Senff der HuffPost.

“Das Abitur ist nicht per se besser als eine Ausbildung oder umgekehrt. Es kommt auf den individuellen Bedarf des Schülers an und in jedem Fall sollte er oder sie sich bewusst dafür entscheiden.”

Mehr zum Thema: Ein Studium darf nicht höherwertiger als ein Meisterbrief wahrgenommen werden

Um sicherzustellen, dass jeder Schüler seinen Weg findet, erarbeiten die Lehrer schon ab der 7. Klasse Berufsperspektiven mit den Jugendlichen. Die Schüler lernen, wie man Bewerbungen schreibt und machen jedes Jahr ein Praktikum, um verschiedene Bereiche kennenzulernen.

“Unser Team kämpft um jeden Schüler, jede Schülerin, damit er oder sie den Anschluss nach der Schule schafft und in eine selbstbestimmte Zukunft gehen kann”, versichert Senff.

Ob es gelingt, wird sich in diesem Jahr zeigen. 2018 werden die ersten Quinoa-Schüler die 10. Klasse abschließen.