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Wenn du glaubst, an Weihnachten ginge es nur um Liebe, hattest du wohl niemals Geldsorgen

Es ist ein Luxus, zu sagen, Geld spiele an Weihnachten keine Rolle

20/12/2017 15:43 CET | Aktualisiert 20/12/2017 18:43 CET
martin-dm via Getty Images

Ich habe eine Freundin vor Kurzem gefragt, was das schönste Weihnachtsgeschenk war, das sie jemals bekommen hat. Sie antwortete: “Kleine, selbst gebastelte Fotobüchlein von Freunden”. Damit greift sie auf, worum es an Weihnachten wirklich geht: kleine Gesten der Nächstenliebe statt Konsum und teure Geschenke.

Mein schönstes Weihnachtsgeschenk aber war das teuerste, das ich jemals bekommen habe. Und ja, auch, weil es das teuerste war – denn ich weiß, welchen Aufwand dieses Geschenk für meine Mutter, die Hartz IV empfängt, bedeutet haben muss.

Fast ein Fünftel der in Deutschland lebenden Menschen verdient weniger als 12.726 Euro im Jahr und gilt damit als armutsgefährdet. Für diese Menschen ist die Weihnachtszeit unter Umständen alles andere als besinnlich. Denn nicht nur die Miet-, Heiz- und Lebensmittelkosten wollen nun gedeckt werden - gerne würde man zusätzlich seinen Angehörigen mit Weihnachtsgeschenken eine Freude machen. Und die kosten schließlich auch.

Meine Mutter hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie mir nicht das schenken konnte, was sie wollte

Weihnachten war auch für meine Familie und mich keine einfache Zeit. Zunächst einmal lag das daran, dass meine Familie nicht besonders harmonisch war – gerade mein cholerischer Vater bescherte uns alles andere als stille und heilige Nächte.

Die Tatsache, dass meine Eltern den Großteil meiner Kindheit arbeitslos waren, sorgte nur für weitere Spannungen, weil so auch die finanziellen Mittel für ein üppiges Weihnachtsfest fehlten.

Ich glaube, vor allem meine Mutter hatte oft ein schlechtes Gewissen, weil sie mir nicht das schenken konnte, was sie wirklich wollte (obwohl ich es niemals verlangt hätte). Dafür fehlte einfach das Geld. Deswegen gab es öfter mal notwendige Kleidungsstücke zu Weihnachten. Oder ein Taschenbuch. Lauter Kleinigkeiten im Vergleich zu den Dingen, die meine Freunde unterm Christbaum fanden.

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Mit zwölf feierte ich zum letzten Mal Weihnachten mit meinen beiden Eltern. Bis zum Tod meines Vaters sechs Jahre später tauschten meine Mutter und ich an Heiligabend vielleicht heimlich kleine Geschenke aus, bevor ich mit Freunden, die ebenfalls kein Weihnachten feierten, ins Kino oder in eine leere Bar ging.

Dann, mit 21, war ich zum ersten Mal bei meinem damaligen Freund zur weihnachtlichen Familienfeier eingeladen. Ich war ziemlich aufgeregt – nicht nur die Eltern und die Schwester meines Freundes, sondern auch Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen samt Partnern würden an dieser Feier teilnehmen.

So ein richtig deutsches Weihnachten also, mit großem Essen und Geschenken und Pipapo – alles, was ich noch nie erlebt hatte.

Jeder bekam einen Schoko-Weihnachtsmann, an dem ein 50-Euro-Schein baumelte

Und was mich am meisten erstaunte: Ich wurde nicht nur selbstverständlich als weiteres Familienmitglied aufgenommen, sondern bekam auch dieselben Geschenke von Oma und Opa. Alle jüngeren Familienmitglieder witzelten, was es wohl dieses Jahr von den Großeltern zu Weihnachten geben würde (es war offensichtlich, dass immer dasselbe geschenkt wurde). Und dann bekam jeder einen Schoko-Weihnachtsmann, an dem ein 50-Euro-Schein baumelte.

Vier Enkelkinder plus drei Partner macht sieben mal 50 Euro, macht 350 Euro: Davon hätte meine Familie wahrscheinlich fünf mal Weihnachten gefeiert! Ich war überwältigt – vor allem aber davon, dass ich so selbstverständlich mit beschenkt wurde.

Obwohl ich zum ersten Mal an dieser Weihnachtsfeier teilnahm, bekam ich genauso viel wie alle anderen. Und 50 Euro fand ich eine Menge Geld – dass jemand so viel für mich entbehren würde! Ich bin kein sonderlich materieller Mensch, aber ich war schon ziemlich aus dem Häuschen.

Gerade, wenn man kein Geld gewohnt ist und sich auch damit abgefunden hat, zu Weihnachten oder anderen Gelegenheiten keine großen Summen zu verprassen, wird ein teureres Geschenk plötzlich doppelt so wertvoll.

Weil sich jemand in einer von Geld beherrschten Welt plötzlich traut, etwas für dich auszugeben, anstatt es für sich selbst zu behalten. Jemand entbehrt etwas von seinem hart verdienten Geld, um dir eine Freude zu machen. Jemand hat für dich gearbeitet, oder für dich gespart. Von wegen, materielle Geschenke sind weniger wert!

Nur die Kommentare meiner Mitschüler machten mein Weihnachten “arm” 

Schade ist natürlich, wenn dieser materielle Wert zur Selbstverständlichkeit oder gar Voraussetzung wird. Ich fand es damals in der Schule zum Beispiel unmöglich, wenn meine Freunde nach Weihnachten die Massen von Geschenken aufzählten, die sie von ihren Familien bekommen haben, dabei teilweise ihre Unzufriedenheit über manche Geschenke teilten und meine kommentierten mit: “Waaaas?! So wenig?!“

Dabei war ich eigentlich zufrieden. Nur die Kommentare meiner Mitschüler machten mein Weihnachten plötzlich “arm”.

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Deswegen war ich vor drei Jahren überwältigt, als meine Mutter mir gleich zwei Parfüms schenkte. Kosten: etwa 50 bis 60 Euro pro Flasche. Damit hat sie etwa ein Drittel ihres monatlichen Regelsatzes in mein Weihnachtsgeschenk investiert. Ich weiß nicht, wie sie sich das leisten konnte.

Ich habe sie geschimpft und war gleichzeitig unfassbar dankbar, weil ich weiß, was diese beiden Parfümflaschen sie gekostet haben müssen – und ich meine nicht nur den Geldbetrag, den sie ausgegeben hat.

Es ist ein Luxus, zu sagen, Geld spiele an Weihnachten keine Rolle

Ich meine ihren Willen, mir genau das zu schenken, was sie sich für mich vorgestellt hatte. Die Abstriche, die sie dafür wahrscheinlich machen musste. Diese beiden Parfümflaschen sind für mich unbezahlbar.

Entspannte Feiertage und eine besinnliche Weihnachtszeit muss man sich erst einmal leisten können. Wer meint, Weihnachten habe nichts mit Geld zu tun, musste sich wahrscheinlich noch nie ernsthaft Gedanken darum machen.

Auch, wenn das gewissermaßen eine positive Rückbesinnung ist: Es ist ein Luxus, zu sagen, Geld spiele zu dieser Jahreszeit keine Rolle. Das kann man behaupten, wenn man die Freiheit hat, etwas Nicht-Materielles schenken zu können, aber nicht zu müssen.

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Glühwein, Tannenbaumschmuck, Geschenke: Wer Weihnachten richtig feiern möchte, muss tief in die Tasche greifen. Besonders für ärmere Familien wird das besinnliche Fest so zu einem jährlichen Stresstest. In der HuffPost sprechen Hartz-IV-Bezieher, Obdachlose, Alleinerziehende und Sozialarbeiter davon, wie die Ärmsten der Ärmsten Weihnachten verbringen.

 

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