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24/12/2017 11:28 CET

Was im Koran über Weihnachten steht, zeigt, wie nah sich Muslime und Christen eigentlich sind

Jesus, Maria, Jungfrauengeburt: Im Koran spielt Jesus eine viel größere Rolle, als viele ahnen.

  • Viele Elemente der christlichen Weihnachtsgeschichte finden sich auch im Koran
  • Ein junger Islamexperte erklärt spannende Parallelen zwischen den beiden großen Religionen

Was haben Jesus und Maria, die Engel und all die anderen Figuren der Weihnachtsgeschichte mit dem Koran zu tun? Viel mehr, als die meisten Menschen glauben.

1. Jesus ist genauso Prophet wie Mohammed

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In der Bibel ist von Jesus zu lesen, im Koran von Isa

Dass Jesus im Islam als Prophet gilt, wissen viele Christen. Was weniger bekannt ist: “Formal ist Jesus Mohammed gleichgestellt”, sagt Jörg Imran Schröter der HuffPost. Er ist Juniorprofessor am Institut für Islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. “Mohammed hat nur insofern eine Sonderstellung, als er der letzte der Propheten war.”

Der Islam kennt viele Propheten. “Im Koran findet sich sozusagen ein ‘Best-of’ von ihnen”, sagt Schröter. 25 würden dort namentlich genannt. “Einer von ihnen ist Jesus, der dort Isa heißt.” 

Isa, meint Schröter, dürfte nahe am hebräischen oder aramäischen Original des Namens sein. In verschiedenen Sprachen und Schriftsystemen wurden die Namen teils unterschiedlich weitergegeben.

2. Jesus und Mohammed stehen für eine sehr ähnliche Botschaft

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Jesus und Mohammed sind beide Gesandte Gottes mit einem besonderen Auftrag

Christen gilt Jesus als Sohn Gottes, Muslimen ausschließlich als Prophet. Die Botschaften, die damit verknüpft sind, ähneln sich dennoch:

“Jesus und Mohammed sind beide Gesandte Gottes mit einem besonderen Auftrag: Sie sollen den Menschen die frohe Botschaft von der Existenz Gottes bringen und von einem Jenseits”, sagt Schröter. “Und sie sollen die Menschen warnen, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie sich nicht gut benehmen.”

3. Jesus wirkte mehr Wunder als Mohammed 

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Jesus hat nach christlicher wie islamischer Überlieferung einen Blinden geheilt

Die Geschichten von Wundern, die Jesus wirkte, sind im Koran und in der Bibel nachzulesen. Im Koran, sagt Schröter, begann Jesus schon direkt nach der Geburt zu sprechen, um seine Mutter zu trösten. Später formt er einen Vogel aus Ton und haucht ihm Leben ein. Er heilt Blinde und Aussätzige, erweckt Tote zum Leben.

“Wichtig ist: Er tut dies immer mit Gottes Erlaubnis. Gott gibt ihm diese Macht. Er ist nicht selbst Gott wie im Christentum.”

Mohammed dagegen habe nach islamischer Auffassung keine Wunder gewirkt – “außer, dass er als ‘Ungebildeter’ den unnachahmlichen Koran brachte”.

4. Jesus wird häufiger im Koran genannt als Mohammed

“Jesus wird im Koran neun Mal mit seinem Namen genannt, plus 16 Mal als Sohn der Maria erwähnt”, sagt Schröter. Mohammed dagegen tauche nur fünf Mal namentlich auf.

“Beim Sufi-Mystiker Rumi ist Jesus sogar eine ganz zentrale Figur: Es gibt da zum Beispiel unheimlich viele Anspielungen auf Geschichten aus seiner Kindheit. Er gilt da als ein Asket, der nichts anderes will außer Gott.”

5. Maria ist die wichtigste Frauenfigur im Koran 

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Maryam, arabisch für Maria, ist die prominenteste Frau im Koran

Auch im Islam ist Maria, arabisch Maryam, die Mutter von Jesus – und “die einzige Frau, die im Koran mit Namen erwähnt wird”, sagt Schröter. “Sonst werden Frauen oft wie im Arabischen üblich als Mutter (Umm) von... oder Schwester (Ukht) von ... bezeichnet.”

6. Auch im Koran kommt Jesus per Jungfrauengeburt zur Welt

Im Lukas-Evangelium kommt ein Engel zur Jungfrau Maria, um ihr zu sagen, dass sie ein Kind bekommen werde. Maria ist einigermaßen verwirrt. “Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?”

Vor demselben Rätsel steht auch Maryam im Koran. “Sie sagt, sie sei ja Jungfrau, sie könne gar kein Kind bekommen”, erklärt Schröter. Und laut dem Koran ist Maria auch die Einzige, die sich mit diesem Rätsel auseinandersetzen muss. “Die Jungfrauengeburt ist im Koran einzigartig.”

7. Der Engel Gabriel kündigt Maria die Schwangerschaft an

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Erzengel Gabriel erklärt Maria, dass sie als Jungfrau Jesus zur Welt bringen soll. Gemälde Giovanni Antonio Pellegrini (1725-1727) in der Wiener Salesianerkirche

In der Bibel wie im Koran flüstert ein sehr bekannter Engel Maria zu, dass sie einen Gottessohn oder Propheten zur Welt bringen wird: Gabriel, arabisch Dschibril.

“Engel spielen im Islam eine ganz große Rolle” sagt Schröter. “Das islamische Glaubensbekenntnis – nicht zu verwechseln mit der bekannten kurzen Glaubensbezeugung, der Schahada, beginnt mit dem Satz: Ich glaube an Gott und seine Engel.”

8. Geburt unter widrigen Umständen

Alle Jahre wieder ... ist in Krippenspielen zu sehen, wie sich Maria sich, gestützt von Josef, von Herbergstür zu Herbergstür schleppt, um schließlich im Stall zu entbinden. Im Koran läuft das ein bisschen anders – aber nicht weniger dramatisch.

“Josef gibt’s nach der islamischen Überlieferung nicht, jedenfalls taucht er nicht auf. Und auch von einem Stall ist nicht die Rede”, sagt Schröter.

“Maria zieht sich zurück an einen einsamen Ort in der Wüste, sie ist alleine unter einer Dattelpalme. Die Schmerzen sind so stark, dass sie sich wünscht, sie wäre vorher gestorben.” 

9. Die Hirten und Sterne

Maria und Jesus bekommen in der Bibel Besuch von den Hirten, die von Engeln geschickt wurden. Später reisen drei Könige an, ein Stern war quasi ihr Navigationsgerät.

Diese Besuche gibt es im Koran nicht. Wohl aber einzelne Elemente davon. “Sterne dienen im Koran an anderen Stellen zur Orientierung in der Wüste, sie leiten die Menschen auch im übertragenen Sinn, spenden Trost”, sagt Schröter.

“Außerdem spielen im Islam Hirten eine wichtige Rolle, als Symbol für Menschen, die für andere Lebewesen verantwortlich sind. So war jeder Prophet in seinem Leben irgendwann einmal Hirte.

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Jeder Prophet war in seinem Leben irgendwann einmal Hirte

 ”Überraschende Parallelen”

Die vielen Parallelen zwischen Bibel und Koran verblüffen nicht nur Laien. Sogar Karl-Josef Kuschel, Tübinger Theologie-Professor, war überrascht, als er sich genauer damit beschäftigte. So viele Ähnlichkeiten wie in der Weihnachtsgeschichte hat er sonst nicht entdeckt.

Das lässt sich natürlich alles theologisch begründen. Aber es geht auch einfacher. Ganz nah an der Botschaft von Weihnachten: Christen und Muslime eint viel mehr, als sie ahnen.

Nehmen wir es als eine Zeit, uns näher zu kommen. 

(ujo)