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Was ich allen sagen will, die Vergewaltigungen beurteilen, obwohl sie keine Ahnung haben

Ihr habt keine Ahnung davon, was vergewaltigte Frauen fühlen.

20/12/2017 17:23 CET | Aktualisiert 20/12/2017 18:09 CET
AlexLinch via Getty Images
Die #MeToo-Bewegung wird von allen Seiten kritisiert.

Begrapscht, betatscht, belästigt, beschimpft - die Geschichten, die Frauen auf der ganzen Welt unter dem Hashtag #MeToo erzählen, sind alle Ausdruck desselben Problems, aber könnten im Einzelnen unterschiedlicher nicht sein.

Vom blöden Altherrenwitz bis zur brutalen Vergewaltigung ist alles dabei.

Nur eines haben sie gemein: Sie handeln von sexueller Gewalt und Belästigung. Darum, wie Männer Machtpositionen und körperliche Überlegenheit ausnutzen, um Frauen zu sexuellen Handlungen zu bewegen.

Und weil #MeToo nun einmal so hohe Wellen geschlagen hat, ist es kaum verwunderlich, dass die Bewegung von allen Seiten kritisiert wird. 

Schauspieler Matt Damon etwa warnt davor, dass diese total verschiedenen Fälle zusammengelegt werden, der Sänger und Kabarettist Christopher Seiler findet es gar nicht gut, dass der blöde Spruch und wirkliche sexuelle Gewalt über einen Kamm geschoren werden.

Und Model und Moderatorin Sophia Thomalla geht sogar so weit zu sagen, dass #MeToo “eine Beleidigung für die wahren Vergewaltigungsopfer” sei.  

Ein Gedanke, den auch Deutschlands bekanntester Anwalt für Sexualstrafrecht, Alexander Stevens unterstützt.

Vergewaltigt, begrapscht, belästigt

All diese Menschen haben - das ist der einzige Schluss, den ich aus diesen schwachsinnigen Aussagen ziehen kann - keine Ahnung davon, was vergewaltigte Frauen fühlen.

Ich frage mich, wieso ausgerechnet sie sich nun zum Verteidiger von Vergewaltigungsopfern aufspielen? Woher sollen sie denn wissen, was vergewaltigte Frauen von #MeToo halten? Woher sollen sie wissen, was ich davon halte?

Ich habe in meinem Leben oft sexuelle Gewalt erfahren.

In meiner Schulzeit von Mitschülern, mit 18 war es ein fremder Mann, der mich vor meiner Haustür vergewaltigte. Ich wurde unzählige Male begrapscht und betatscht, Chefs haben versucht, sich an mich ranzumachen, blöde Sprüche gehören für mich zum Alltag.

Mehr als einmal war ich außerdem in Situationen, in der mich nur ein glücklicher Zufall davor gerettet hat, dass ein Mann wirklich übergriffig geworden wäre.

Ich fühle mich durch die Debatte keinesfalls beleidigt, wie es mir Frau Thomalla unterstellt. Ich finde es keinesfalls schlimm, dass in einer Debatte alle Facetten sexueller Gewalt und Belästigung dargestellt werden. Ich habe keinesfalls das Gefühl, meine Erlebnisse würden durch Frauen, die es nicht in Ordnung finden, wenn ihnen der Chef an den Hintern greift, irgendwie klein gemacht.

Ich fühle mich endlich ernstgenommen

Nein - ganz im Gegenteil. Ich schleppe meine Geschichten teilweise seit 20 Jahren mit mir herum. Und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich darüber sprechen darf. Ich werde ernstgenommen. Und die Menschen, mit denen ich meine Erfahrungen teile, glauben mir.

Endlich - und das hat diese Debatte ausgelöst - wird vielen Menschen bewusst, was für ein Problem sexuelle Gewalt ist.

Mehr zum Thema: Ich wurde vergewaltigt - das hat das Trauma aus meinem Leben gemacht

Keine der Frauen, die unter #MeToo postet, dass sie ungewollt angefasst wurde, vergleicht das mit einer Vergewaltigung. Dennoch sind genau solche Vorfälle ein Grundstein für Vergewaltigungen.

Diese Fälle zeigen die Strukturen auf, die auch für Vergewaltigungen gelten. Viele Männer denken offenbar, es sei in Ordnung, einer Frau einfach so auf den Hintern zu hauen oder sie am Oberschenkel anzufassen. Aber von da ist es für einige kein weiter Weg, die Hand zwischen die Beine einer Frau zu stecken.

Zu den Strukturen gehört jeder Vorfall

Die Strukturen, die hinter all diesen Vorfällen stecken, zeigen ganz klar: Der Mann befindet sich in einer Machtposition, die Frau ist von ihm abhängig. Sie ist das zierende Lustobjekt, mit dem er machen kann, was er will.

Natürlich ist das sehr zugespitzt und trifft auf sehr viele Männer nicht zu. Die Strukturen sind alt und verkrustet - und brechen langsam auf.

Aber: Zu diesen Strukturen gehört eben alles: das Betatschen, der blöde Spruch, das vor einer Frau im Bus Masturbieren - und im schlimmsten Fall die Vergewaltigung.

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Deshalb ist es auch vollkommen legitim, alle diese Vorfälle in einer Debatte zusammenzufassen.

#MeToo hat diese Strukturen noch nicht verändert. Dafür sind sie zu alt, zu gefestigt, zu sehr verinnerlicht. Aber die Debatte hat den Stein ins Rollen gebracht. Und durch sie erkennen viele Menschen, dass die oft als Bagatell-Fälle abgetanen Belästigungen, eben auch auch zu dem gleichen Problem gehören wie sexuelle Gewalt.

Ich fühle mich als Frau, die sexuelle Gewalt erlebt hat, dadurch keinesfalls angegriffen. Sondern - was meine persönliche Geschichte angeht - so frei und verstanden wie noch nie zuvor.

(lk)

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