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15/02/2018 12:17 CET | Aktualisiert 15/02/2018 12:54 CET

Warum es alle 60 Stunden in US-Schulen zu einer Schießerei kommt

Auf den Punkt gebracht

Im US-Bundesstaat Florida hat ein 19-Jähriger bei einem Amoklauf am Mittwoch 17 Menschen erschossen – Schauplatz war, wie in so vielen Fällen, eine Schule.

Ein Experte bringt die Antwort auf die Frage, warum das Morden ausgerechnet in Schulen so häufig stattfindet, auf den Punkt.

Das ist die Lage:

► Der Schütze hatte früher selbst die Marjory Stoneman Douglas High School besucht, war aber der Schule verwiesen worden. Aus Disziplinargründen, wie der Sheriff sagte.

Am Valentinstag kehrte er zurück, löste eine Feueralarm aus und erschoss 17 der fliehenden Menschen und verletzte viele weitere.

► Das Massaker war die 18. Schulschießerei in den USA allein in diesem Jahr. Das bedeutet: Alle 60 Stunden kommt es in einer US-Schule zu einer Schießerei.

► Auch verheerende Amokläufe der vergangenen Jahre ereigneten sich an Schulen. 

Mehr zum Thema:  Amoklauf in Schule: CNN-Experte bricht in Tränen aus  

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Schüler verlassen die Douglas High School.

Die Ursachen:

In den USA sind Schusswaffen extrem verbreitet. Das erklärt, warum sie so häufig zum Einsatz kommen. Aber warum so oft an Schulen?

Mirko Allwinn ist Schul-Experte am Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, das für Kunden wie Schulen und Behörden Präventionskonzepte entwickelt. Er sagt im HuffPost-Gespräch:

► “Fast jeder hat einen privaten Bezug zur Schule. Viele erleben dort Niederlagen oder Kränkungen. Daher ist die Schule bei so vielen Menschen mit Frustration verknüpft wie wohl kein anderer öffentlicher Ort.”

Die Täter, die Kränkungen oft viel stärker wahrnehmen würden als andere Schüler, kehrten zurück, “um dort einmal ihre Dominanz zu zeigen und Rache zu nehmen”.

► “Amokläufe an Schulen gehören in den USA spätestens seit dem Massaker von Columbine 1999 auch zum kulturellen Bewusstsein.

Damit ist dieser brutale Weg für Personen, die einen Ausweg aus ihren persönlichen Problemen suchen, als vermeintliche Lösung besonders präsent.”

► Medien berichten viel über das Thema. “So können die Täter sich intensiv informieren, wie sie sich als Amokläufer verhalten können”, sagt Allwinn.  

► “Die Täter wissen: Bei einem Schul-Amoklauf ist ihnen die Aufmerksamkeit sicher.” 

► Frust gibt es auch bei Erwachsenen im Job. Doch Gewalttaten im beruflichen Umfeld seien im kollektiven Gedächtnis weniger präsent.

► Und wahrscheinlich spielt auch das Alter eine Rolle: Kinder und Jugendliche müssten erst lernen, mit Kränkungen und Rückschlägen umzugehen, erklärt Allwinn.

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Verletzte werden nach dem Amoklauf von Sanitätern abtransportiert.

Die Möglichkeiten, damit umzugehen:

Psycholge Allwinn warnt, dass Schulen bei manchen Schülern immer mit Frust verknüpft sein werden. “Das lässt sich nicht vermeiden.”

Doch den Umgang mit Rückschlägen könne man lernen

In vielen Fällen helfe die Schule dabei. Die Jugendlichen sollten aber auch selbst bei Bedarf Hilfe anfordern.

► Menschen entwickelten sich zudem nicht plötzlich zum Amokläufer. Sondern sie äußerten meist zuvor ihre brutalen Phantasien, im realen Leben oder in sozialen Netzwerken. Sie änderten ihr Verhalten, seien verzweifelt. Das seien Alarmsignale, denen die Menschen in ihrem Umfeld nachgehen müssten – und die die Chance zur Prävention böten. 

► “Unsere Kollegen in den USA reden sich seit Jahren den Mund fusselig, dass es mehr Präventionsprogramme braucht.”

► “An deutschen Schulen gibt es Handreichungen für Lehrer, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie das Gefühl haben, dass ein Schüler abdriftet. Es braucht dann die Hilfe von speziell geschulten Personen, um einzuschätzen, wie ernst die Alarmsignale zu nehmen sind. Man kann muss nicht bei jeder Kritik am Lehrer in Panik verfallen.”

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Schüler der Stoneman Douglas High School sammeln sich vor dem Gebäude. 

Auf den Punkt gebracht:

Schulen sind dem Experten nach so häufig Ort von Massakern, weil so viele Menschen mit dem Ort starke Kränkungen verbinden – und es inzwischen in den USA so viele schreckliche Vorbilder für Amokläufer gibt. 

Mehr zum Thema:  Die Mutter eines der Attentäter von Columbine wendet sich mit einer bewegenden Botschaft an die Öffentlichkeit

(ben)