WIRTSCHAFT
03/01/2018 10:37 CET | Aktualisiert 03/01/2018 10:42 CET

Irre Kursschwankungen: Warum die Leute immer noch Bitcoins kaufen

Ein Experte sagt: "Gier frisst Hirn."

NICHOLAS YEO via Getty Images
Bitcoin-Profiteure in einer Bar in Singapur, die sich stolz als weltweit "höchster Kryptowährungsclub" bezeichnet. 
  • Der Kurs der Trendwährung Bitcoin schwankt dramatisch
  • Ein Experte erklärt, warum Anleger dennoch heiß auf die Kryptowährung sind

Mit Bitcoin ist es ein bisschen so, wie mit einer guten Party: Man kann den Spaß seines Lebens haben – und bezahlt am nächsten Morgen mit einem fiesen Kater. 

Vor drei Wochen war die Kryptowährung auf fast 20.000 US-Dollar gestiegen, vor zwei Wochen dann auf annähernd 11.000 Dollar gefallen – um nun wieder bei mehr als 15.000 Dollar zu stehen.

Würde der Euro so krass schwanken, würde wohl Panik bei vielen Menschen ausbrechen.

Beim Bitcoin ist stattdessen immer häufiger von einem “Spekulationsobjekt” die Rede: Die Wette darauf, dass man nach dem Kauf immer jemanden findet, der bereit ist, noch mehr Geld für diese Sache auszugeben – die aber die meisten nicht einmal durchschauen.

Mehr zum Thema: Alle reden über Bitcoins - aber diese deutsche Krypto-Währung ist aktuell noch erfolgreicher

“Bitcoin: Wie damals bei der Dotcom-Blase”

Vornehmlich das ist es, was bei Joachim Goldberg, Blogger und Experte für Verhaltensökonomik, die Alarmglocken schrillen lässt.

“Es ist wie damals bei der Dotcom-Blase, als sich nur die wenigsten ernsthaft mit der Materie der Tech-Unternehmen auskannten, sich aber jeder fragte: Warum bin ich nicht auch dabei?

Goldberg glaubt, dass es unter anderem Geschichten sind, von “dem einen Freund, der über Nacht reich geworden ist”, die den Ausschlag geben. Für den Zuhörer bleibe das als Referenz im Gedächtnis hängen, genauso wie die Nachrichten über immer neue Kursexplosionen.

Einer springt aus dem Fenster - alle springen hinterher

“Jeder Mensch nutzt solche Referenzpunkte”, sagt Goldberg. Sie lösten einen Reiz aus, gegen den man sich schlicht nicht immer wehren könne. Damit einher gehe auch die Angst, etwas zu verpassen - in der Anlegerpsychologie oftmals als “FOMO” (fear of missing out) bezeichnet.

Diese Vorstellung, bei der ständig zitierten Preisrallye nicht dabei gewesen zu sein, versetzt den Investor von vornherein in einen Zustand des Bedauerns.

Ein unschönes Gefühl, das jeder Mensch versucht, zu vermeiden. Im Zweifelsfall führt das zu einer höheren Risikofreude.

Dass die Leute beim Bitcoin momentan durchaus risikofreudig sind, zeigen die “Cryptocurrency”-Umfragen, die das Beratungsunternehmen Sentix seit September wöchentlich durchführt.

Mehr zum Thema: Bitcoin, die unverstandene Revolution

“Die Emotionen überdecken beim Bitcoin das Wissen”

Dabei wird nicht nur die aktuelle Stimmung rund um die bekannteste aller Internetwährungen erfasst, sondern auch der “strategische Bias”, also das, was die Leute dem Bitcoin mittelfristig an Wert zuschreiben.

“Der Bias reflektiert die Weisheit der vielen”, beschreibt es Sentix-Geschäftsführer Manfred Hübner. Bauchschmerzen bereitet ihm die zunehmende Diskrepanz zwischen den Stimmungswerten, die derzeit immer weiter ansteigen, und dem sinkenden Bias.

“Die Emotionen überdecken hierbei das Wissen”, resümiert Hübner. “Man könnte auch sagen: Gier frisst Hirn.

Hübner rät zum Verkauf

Gäbe es diese Konstellation im deutschen Aktienleitindex Dax, dann, so der Experte, hätte er schon längst zum Verkauf geraten. Er ist überzeugt davon, dass es sich bei der Bitcoin-Rallye mittlerweile um eine klassische Finanzblase handelt.

► “Die spekulative Anziehungskraft hinter Bitcoin kann zu erheblichen Marktverwerfungen führen”, warnt er und ist damit einer von vielen.

Von Banken und Ökonomen über Regulierer bis hin zu Politikern wird gefühlt stündlich und weltweit auf die Gefahr der Überhitzung hingewiesen.

Auf der anderen Seite wird argumentiert, es sei schon seit Jahren immer wieder vor einem Crash gewarnt worden – der Rekordjagd des Bitcoin habe dies aber keinen Abbruch getan.

Blasen schrecken Käufer nicht

Auch Hübner glaubt, dass es mit den Preissteigerungen noch weitergehen könnte.

“Blasen wachsen auch dann noch, wenn sie als solche bereits erkannt sind.” Dies ändere aber nichts daran, “dass sie irgendwann platzen und es dann riesige Verluste gibt.”

Für Experte Goldberg bleibt am Ende das, was er lieber als “Reiz” denn als “Gier” bezeichnen würde. “Wenn man die Gier abschaffen will, müsste man eigentlich einen Teil des Gehirns rausschneiden.”

(jg)