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04/02/2018 13:09 CET | Aktualisiert 05/02/2018 09:59 CET

Super Bowl: Fotograf trifft Obdachlosen – und ahnt nicht, wer es ist

28 Jahre später macht er die Geschichte öffentlich.

  • Ein US-Fotograf erzählt die herzzerreißende Geschichte einer Begegnung vor 28 Jahren
  • Er traf an einer Autobahnbrücke einen ehemaligen Football-Star, der auf der Straße gelandet war
  • Im Video oben: Was Menschen wirklich über Obdachlose denken - und deren bewegende Reaktionen

Ted Jackson war 60 Jahre lang Fotograf. Obwohl er schon so vieles mit seiner Kamera fotografiert hat, wird ihm ein Bild immer in Erinnerung bleiben. Das eines Obdachlosen, der unter einer Brücke in New Orleans lag. 

Denn: Das Foto war nur der Beginn einer bewegenden Geschichte, die ihn 28 Jahre lang mit dem Mann verbinden würde.

An einem heißen Juni-Tag im Jahr 1990 war Jackson mit einem Kollegen unterwegs. Sie wollten Fotos in einem Obdachlosencamp in der Nähe der Autobahn in New Orleans schießen. Jackson war nicht vorbereitet auf das, was er dann sah: “Einen halbnackten Mann, der auf einem rostigen Lattenrost lag.”

So beschreibt Jackson die prägende Szene in der renommierten Zeitung “Times-Picayune”. 

 

“Ich habe dreimal im Super Bowl gespielt”

“Ich wäre nicht erschrockener gewesen, wenn das ein Alligator gewesen wäre. Sein Bett war mit Pappe überzogen. (...) Er war mit einer dicken, durchsichtigen Plastikfolie bedeckt, sein Kopf lag auf einer gelben, wattierten Jacke.

Jackson machte ein paar Bilder der Szene, dann weckte er den heimatlosen Mann auf. Er bat ihn, ihm etwas über das Camp zu erzählen. 

Dann schaute der Obdachlose den Fotografen an und sagte: “Du solltest eine Geschichte über mich machen.” Der Fotograf verstand nicht, er fragte ihn: “Wieso sollte ich das wollen?”

“Weil ich dreimal im Super Bowl gespielt habe”, antwortete der Obdachlose. Er war niemand Geringeres als der ehemalige Football-Star Jackie Wallace. 

“Keiner weiß, wo Wallace gerade ist”

“Ich war mir nicht sicher, ob ich richtig gehört habe. Aber er hatte definitiv meine Aufmerksamkeit”, schreibt Jackson. Er machte noch ein paar weitere Bilder und fuhr dann zurück in die Redaktion. 

Jackson fragte die Sportredakteure, ob sie schon einmal etwas von einem Jackie Wallace gehört hätten. Sie alle hatten das.

Einer der Redakteure erzählte dem Fotografen sogar: “Nachdem die Los Angeles Rams ihn entlassen hatten, war er wie vom Erdboden verschluckt. Keiner weiß, wo Wallace gerade ist.

► Jackson wusste es. Unter der Brücke in New Orleans.

Der Fotograf fuhr mit dem NFL-Redakteur zurück in das Obdachlosencamp. Sie redeten, machten Bilder und führten ein Interview mit Wallace, das nicht ohne Folgen blieb. Kurz nachdem der Artikel über den ehemaligen Football-Star erschienen war, musste Wallace nicht mehr auf der Straße schlafen.

Ein ehemaliger Team-Kollege meldete sich – und gab Wallace in der Schule, wo er arbeitete, wieder ein Dach über dem Kopf. Jackson war begeistert, welche positiven Auswirkungen der Artikel hatte.

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Er sah aus wie ein neuer Mensch

► Doch das Beste sollte erst noch kommen.

Drei Jahre später besuchte Wallace den Fotografen in der Redaktion. Er hatte sich herausgeputzt, trug einen Anzug und nichts erinnerte mehr an den Obdachlosen, der im Juni 1990 auf Kartons schlafen musste. 

Wallace, der zuvor ein Alkoholproblem hatte, war mittlerweile trocken. Er hatte das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker erfolgreich abgeschlossen. Und er hatte die Liebe seines Lebens gefunden, die er bald heiraten würde. 

Er und Deborah Williams kauften sich ein Haus in Baltimore und führten ein normales, zurückgezogenes Leben. 1995 besuchte Jackson den ehemaligen Football-Spieler zuhause erneut. Jackie führte den Fotografen auch in seiner neuen Arbeitsstelle herum und zeigte Jackson dort das Innere seines Spints. 

► In dem Schrank hing das Foto, das fünf Jahre zuvor unter der Brücke aufgenommen wurde.

Das Foto, das Wallaces Leben verändert hatte. Es hing in seinem Spind, damit Wallace es jeden Morgen sehen und sich immer daran zurückerinnern konnte, wie sein Leben nicht mehr aussehen soll. “Das war einer der stolzesten Momente in meiner Journalisten-Karriere”, schreibt Jackson.

Dann geht es bergab

In diesem Moment schien es, als hätte Jackie Wallace den Absprung geschafft. 

12 Jahre trank er keinen Alkohol mehr. Doch dann kam der Rückfall. Er verließ nach einem Streit mit Deborah das gemeinsame Haus und galt als vermisst.

2008 wurde er festgenommen, weil er versuchte, mit ungedeckten Schecks zu bezahlen. Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach dreieinhalb Jahren kam Wallace wegen guter Führung aus dem Gefängnis frei. 

Er erkannte, dass er nur noch drei Optionen hat: Rehabilitation, Gefängnis oder Suizid. Er entschied sich für die erste Variante und ging erneut in ein Heim, trank keinen Alkohol mehr.

Er hielt drei Jahre durch, von 2014 bis 2017 und lebte bei einer neuen Frau: Yolanda.

Jackson wollte sie treffen. Er gab ihr das Bild, das 27 Jahre zuvor unter der Brücke entstand. Und sie erklärte ihm, dass Wallace nicht mehr bei ihr sei. Sie zeigte auf die Brücke: “Das ist der Ort, wo er hingegangen ist.”

Zurück auf der Straße

Als Wallace das Apartment verließ, “nahm er alles mit. Das einzige, das er hinterließ, waren seine Unterlagen von den Anonymen Alkoholikern.

Jackson fragte Yolanda, was denn mit der Medaille sei, die Wallace dort erhalten hatte. Sie stand dafür, dass der frühere NFL-Star drei Jahre trocken war.  “Ja”, sagte sie. “Die hat er auch hier gelassen.”

Mit diesen Worten endet die Geschichte von Jackie Wallace und dem Fotografen Ted Jackson – nach 28 Jahren.

Obwohl sich in der Zwischenzeit so viel verändert hat, ist eines dennoch gleichgeblieben: Der Teufelskreis aus Alkohol und Drogen hat es immer wieder geschafft, Wallace in den Abgrund zu reißen

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(lp)