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14/02/2018 14:49 CET | Aktualisiert 14/02/2018 15:43 CET

Alle schimpfen über Russland – doch die USA sollten von Olympia ausgeschlossen werden

Niemand spricht über die Verbrechen, die bei den US-Athleten passiert sind.

XIN LI via Getty Images
Die US-Athleten sind gesammelt bei den Olympischen Spielen 2018 dabei.
  • Larry Nassar, ehemaliger Team-Arzt der US-Turnerinnen, hat 250 Athletinnen über viele Jahre sexuell missbraucht
  • Das nationale Olympische Komitee sah bei diesem Skandal tatenlos zu

Als Vater sei er entsetzt.

Das sagte Mark Adams, Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), vergangene Woche auf einer Pressekonferenz.

Der IOC-Vertreter bezog sich damit auf den Fall Larry Nasser. Ein Fall, der den Sportverband der US-Turner und das Nationale Olympische Komitee der Vereinigten Staaten (USOC) in Atem hält.

Der frühere Mannschaftsarzt der US-Turnerinnen, Larry Nassar, hat 250 junge Frauen sexuell missbraucht, darunter namhafte Turnerinnen wie die vierfache Goldmedaillen-Gewinnerin Simone Biles.

Anfang Januar verurteilte ein Gericht den 54-Jährigen zu 175 Jahren Haft. Seine Opfer und ihre Familien fordern eine umfassende Ermittlung des US-Turnverbands, der seit Jahren von den Vorwürfen gegen Nassar gewusst haben soll.

Bemerkenswert aber war auch, worüber Adams nur einen Moment zuvor gesprochen hatte: den Ausschluss der russischen Athleten von den Olympischen Spielen in Pyeongchang 2018. 

Der russische Sportverband nimmt unter neutraler Flagge bei den Spielen teil. Grund dafür sind die systematischen Doping-Vergehen in Russland.

Es war ein aufschlussreicher Moment: dieses Paar von Olympischen Skandalen, das bei den Spielen aufeinander trifft.

Der Wunsch nach Gold war zu groß

So wie Adams über sie sprach, über ihre “Institutionalität”, über “Richtlinien” und “Anweisungen” und “Prozesse” und “Agenda” – man hörte auf, sich auf die grotesken Einzelheiten der beiden Fälle zu fokussieren – und begann, die wesentlichen Ähnlichkeiten zu erkennen.

Weil der Wunsch nach sportlicher Überlegenheit so groß war, dopte das russische Olympische Komitee seine Athleten systematisch.

Weil der Wunsch nach sportlicher Überlegenheit so groß war, konnten das amerikanische Olympische Komitee und der Sportverband USA Gymnastics ihre Athleten nicht vor der Verflechtung von emotionalem und sexuellem Missbrauch durch den Teamarzt schützen.

Warum also nicht die Vereinigten Staaten von den Olympischen Spielen ausschließen?

Nach welcher moralischen Logik verdienen die Russen mehr Strafe als die Amerikaner?

Mehr als 250 Athletinnen missbraucht

Die Vertuschung des Missbrauchs im Fall von Nassar ist ein abscheuliches Verbrechen. Sie ist ein Affront gegen das absurde Ideal vom “reinem” und “sauberen” Sport:

Ein System, das über 20 Jahre lang funktionierte, in das Olympische Offizielle und Beamte verstrickt waren, und das es Nassar erlaubte, mehr als 250 weibliche Athleten – darunter mehrere Gold-Medaillen-Gewinnerinnen – sexuell zu misshandeln.

Und das seiner Eigenschaft als Mannschaftsarzt für die US-Gymnastik-Abteilung und die Michigan State University.

Das USOC ist direkt verantwortlich. Ich habe versucht, die Verantwortlichen auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Ihre Verteidigung, wenn es nach den Gerichtsfällen geht, ist: 'Das ist nicht unser Problem'. Nancy Hogshead-Makar, ehemalige olympische Schwimmerin

Nassar war ein wichtiger Bestandteil des olympischen Teams der USA. So konnte er die Turnerin Aly Raisman sogar während der Olympischen Spiele 2012 in London misshandeln.

Das USOC haben diesen Vorfall ignoriert, klagte die Sportlerin nun vor Gericht. Das Komitee habe auch alle Aussagen von Nassars Opfer übergangen.

Rebecca Cook / Reuters
Larry Nassar bei der Gerichtsverhandlung.

“Jetzt bekommen die, die den Mund aufgemacht haben, Applaus vom USOC. Aber es ist natürlich einfach, das jetzt im Nachhinein zu sagen”, sagte Raisman.

Ihre Anklage: Zu dem Zeitpunkt, als die ersten Missbrauchsopfer an die Öffentlichkeit gingen, hätte das USOC schon seit über einem Jahr Bescheid über Nassars Verbrechen gewusst. 

Sie betonte: “Bei den Olympischen Spielen 2016 sagte der USOC-Präsident, dass das Komitee keine Ermittlungen durchführen werde und die US-Turnabteilung sogar verteidigen würde.”

“Es geht um wirkliche Leben”

“Das ist die Antwort, die eine mutige Frau bekommt, wenn sie aufhört zu schweigen?”, schimpfte Raisman vor Gericht. NIcht gehört zu werden sei, wie erneut missbraucht zu werden.

“Ich habe die USA erfolgreich bei zwei Olympischen Spielen vertreten”, fuhr sie fort. “Sowohl die US-Turner als auch das USOC haben davon profitiert und waren sehr schnell dabei, meine Erfolge zu feiern.”

► “Aber hat sich irgendjemand gemeldet, als ich an die Öffentlichkeit ging? Nein. Also, an diesem Punkt wird das Gespräch für mich wertlos.”

Brendan McDermid / Reuters
Nassar-Opfer Aly Raisman bei ihrer Zeugenaussage.

Es scheint sogar so, dass einige Mitglieder des USOC und der Turnabteilung Nassar aktiv geschützt haben.

“Nassar war wie mein Kumpel”

“Ich hatte immer das Gefühl, dass ich in Schwierigkeiten gerate”, sagte die Olympiateilnehmerin Jamie Dantzscher schon vor einem Jahr der TV-Sendung “60 Minutes”.

“Ich habe nicht hart genug gearbeitet. Mir wurde gesagt, ich solle abnehmen. Irgendwann fing ich an, mich zu übergeben”, erzählte sie.

“Nassar”, sagte sie, “war wie mein Kumpel. Er war auf meiner Seite.”

Sich von ihm medizinisch behandeln zu lassen, sei wie ein “Lichtblick” gewesen – obwohl Nassar sie unter dem Deckmantel der Behandlung sexuell missbrauchte.

Das USOC und US-Turnabteilung verlangten, dass alle Turnerinnen Nassars Behandlungen durchliefen. Wenn sie sich weigerten, gefährdeten sie ihren Platz im Team.

Und die Offiziellen und Trainer der Abteilung, wie Nassars enger Freund und Top-Trainer John Geddert, ließen Nassar weiterhin mit Mädchen und jungen Frauen allein. Auch Geddert ist jetzt Gegenstand einer strafrechtlichen Untersuchung.

Nach Nassars Verurteilung im Januar schickte das USOC lediglich einen Entschuldigungsbrief an seine Opfer.

Aber bis dahin hatte das Komitee fast keine Verantwortung für seine Rolle in dem Skandal übernommen.

“Es ist nicht unser Problem”

Selbst der Entschuldigungsbrief enthielt kaum einen Anlass zu glauben, dass intern jemand Verantwortung für den Skandal übernehmen würde. Für einen Skandal, der in die erfolgreichste Zeit der US-Turner aller Zeiten fiel – Team-Gold in den Jahren 1996, 2012 und 2016.

“Ich halte das USOC für direkt verantwortlich. Ich arbeite seit acht Jahren mit dem Komitee zusammen und habe versucht, die Verantwortlichen auf dieses Problem aufmerksam zu machen”, sagt Nancy Hogshead-Makar der HuffPost.

Hogshead-Makar ist eine ehemalige olympische Schwimmerin, die sich jahrelang für politische Veränderungen zum Schutz weiblicher Athleten ausgesprochen hat.

Sie fügt hinzu: “Ihre Verteidigung, wenn es nach den Gerichtsfällen geht, ist: ‘Es ist nicht unser Problem’.”

► Und selbst jetzt haben sich die obersten USOC-Beamten geweigert, eine Mitschuld an Nassars Verbrechen einzugestehen.

CEO Scott Blackmun wird seinen Job behalten, zumindest bis zum Abschluss einer unabhängigen Untersuchung, sagte der USOC-Vorsitzende Larry Probst auf einer Pressekonferenz in Pyeongchang am Freitag.

Es ist allerdings unklar, wie unabhängig diese Untersuchung tatsächlich ist.

Keiner spricht über die USA

Der gesamte Vorstand der US-Turnabteilung trat im Januar zurück. Zuvor jedoch bat die Organisation einen Bundesrichter, eine Zivilklage gegen sie abzuweisen.

Denn die Aussagen der Frauen, die Nassar anklagten, böten “keinen begründeten Verdacht für sexuellen Missbrauch”.

Außerdem habe die Organisation “niemals versucht, Nassars Fehlverhalten zu verbergen”. Nassar müsse zwar den Klägern gegenüber haften – aber nicht die Organisation, so ihre Verteidigung.

Bis jetzt ist die einzige echte Folge des Nassar-Skandals – abgesehen von den Gerichten – ein Gesetz im US-Kongress.

Das Haus verabschiedete nach Nassars Verurteilung einen Beschluss, das die Meldepflicht für Offizielle bei Sportverbänden verschärft.

► Aber im Bewusstsein der US-Amerikaner scheint der Missbrauchsskandal von Nassar nicht die gleiche Schwere zu besitzen wie der Dopingskandal in Russland. Obwohl es in beiden Fällen um eine Art institutionelle Fäulnis geht.

Kommentatoren begrüßten fast universell den Ausschluss eines Verbandes wegen Dopings. Doch keiner hat den Ausschluss der Vereinigten Staaten wegen staatlich geförderter sexueller Übergriffe gefordert.

Bestien und Missbrauch

Ein Ausschluss würde den Amerikanern und der Welt klar machen, dass die Leute, die das USOC leiten, mitschuldig sind an den schrecklichen Dingen, die unter ihrer Aufsicht geschehen sind. 

“Im Moment seid ihr nur eine Organisation, die Bestien und Missbrauch zugelassen hat”, sagte Dominique Moceanu, Goldmedaillengewinnerin von 1996, auf einer Pressekonferenz im Januar in Washington.Und meinte damit die US-Turner.

Aber sie hätte genauso gut über das gesamte olympische System in den USA sprechen können. “Lasst uns einen Neuanfang wagen, fast als wäre es eine neue Organisation”, forderte sie. 

Einige Zeit fern des Olympischen Wettbewerbs könnte helfen, dass diese Mission gelingt.

Also: Schließt uns aus.

Dieser Artikel erschien zuerst bei HuffPost US und wurde von Katharina Schneider aus dem Englischen übersetzt und editiert.