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Ich lag im Koma – trotzdem hörte ich, was die Ärzte über mich sagten

"Die Medizin hatte mir mein Leben zurückgegeben und gleichzeitig hatte sie mich auch gebrochen."

02/02/2018 11:52 CET | Aktualisiert 02/02/2018 12:36 CET

Als ich fünf Jahre alt war, wusste ich, dass ich Ärztin werden wollte. Ich sah meiner Mutter dabei zu, wie sie am Telefon das Verhalten meines kleinen Bruders in seiner Wiege beschrieb und ich hörte genau zu, wie die Kinderärztin zu der Diagnose kam.

Im Video oben: Ein Junge war 12 Jahre im Koma, aber bekam alles mit – auch den einen schlimmen Satz seiner Mutter

Die Medizin erschien mir als eine wunderschöne Verschmelzung von Wissenschaft und Zuhören und von dem Moment an wollte ich nie wieder etwas anderes werden als Ärztin.

Die nächsten 30 Jahre meines Lebens verbrachte ich mit Lernen. Ich glaubte, so würde auch ich irgendwann heilen können.

Während meines Medizinstudiums verliebte ich mich in den menschlichen Körper - in all seinen Formen. Das setzte sich auch während der praktischen Ausbildung fort.

Die Medizin wurde zu meiner Orientierung und meiner Identität. Das Verstehen und Behandeln von Krankheiten wurde zu meiner Lebensaufgabe.

Rana Awdish

Dann versetzten die Ärzte mich in ein künstliches Koma

Doch dann ist am letzten Tag meiner praktischen Ausbildung etwas Schreckliches passiert. 

In meiner Leber platzte ein Tumor und innerhalb weniger Stunden versagten meine Organe. Meine Leber versagte unter dem Druck der Blutmenge, meine Nieren versagten aufgrund der ausbleibenden Versorgung mit Blut. Ich erhielt 26 Dosen roter Blutkörperchen. Dann versetzten die Ärzte mich in ein künstliches Koma.

Trotzdem konnte ich im Operationssaal hören, was die Ärzte sagten: “Wir verlieren sie!” Ich war mir sicher, dass sie Recht behalten würden. Vielleicht war ich schon verloren.

Ich fühlte mich klein und federleicht - gleichzeitig aber auch riesig. Als wäre ich alles gleichzeitig. Der furchtbare Schmerz, der mich ins Krankenhaus gebracht hatte, war nicht mehr da. Ich verspürte eine unendliche innere Ruhe.

Ich war zu diesem Zeitpunkt im siebten Monat schwanger. Mein Baby hat den Eingriff nicht überlebt. Aber dank der unbeschreiblichen Fähigkeiten der Ärzte habe ich überlebt. 

Ich konnte endlich die Dinge erkennen, die ich davor nicht sah

Ich habe mich wahnsinnig schnell von einer Patientin in kritischem Zustand zu einer sterbenden Patientin verwandelt. Aber nur dadurch konnte ich Dinge erkennen, die ich zuvor nicht gesehen habe. Ich erkannte auch, wie fehlerhaft meine eigene Wahrnehmung von Krankheiten war. Ich sah die Patienten immer nur als Ort, an dem die Krankheiten landeten, die ich studierte. 

Ich lernte während der Ausbildung, meine Emotionen beiseite zu schieben. Damit ich objektiv bleiben kann. 

Ich kam als eine Ärztin in das Krankenhaus. Wochen später verließ ich diesen Ort in einem Rollstuhl. Dadurch, dass mein Gehirn nicht mit Blut versorgt worden war, hatte ich einen Schlaganfall erlitten. Manche Wörter kannte ich nicht mehr (darunter viele meiner Lieblingswörter, wie zum Beispiel “Schuhe“). Ich konnte mir meine Socken nicht alleine anziehen, ich konnte nicht mehr als ein paar wenige Schritte gehen. Ich musste mir meine Identität komplett neu erschaffen.

Rana Awdish

Und das war ein Geschenk. Denn in diesem leeren Raum, in dem ich nicht mehr existierte, bekam ich die Möglichkeit, genau zu erkennen, was die Medizin mir gegeben hatte – und was sie mir nicht gegeben hatte.

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Plötzlich wurde mir eines klar

Die Medizin hatte mir mein Leben zurückgegeben und gleichzeitig hatte sie mich auch gebrochen.

Als ich hörte, wie das Ärzteteam mich als „wegsterbend“ bezeichnet hatte, da wurde mir zum ersten Mal wirklich klar, wie sich unsere Orientierung auf die Krankheit zu einer Dynamik entwickelt hatte, in der der Patient als Gegner angesehen werden konnte.

Als man mich bat, das Kind, das schon einige Tage tot war, in einem Ritual der Heilung und Bindung im Arm zu halten, verweigerte ich mich. Die Krankenschwester war gekränkt, ihrer Auffassung nach habe jedes Baby das Recht “einmal von seiner Mutter gehalten zu werden.“ Diese Logik machte mich sprachlos. Wen sollte sie denn überhaupt heilen?

Und dann offenbarte sie mit ihrem Verhalten noch einen weiteren großen Mangel unseres Systems, einen kaum verborgenen Paternalismus, der sich trotz aller Bemühungen hartnäckig hält.

Die Krankenschwestern waren nicht dazu ausgebildet, die richtigen Fragen zu stellen. “Was könnte Ihnen bei der Heilung helfen? Was ist für Sie das Schwerste an dieser Zeit?“ Ich sah wie unser System, das wahnsinnig zeit- und produktivitätsraubend ist, weder Raum noch Zeit für die Ärzte ließ, vollständig präsent zu sein.

Und ich sah, dass Ärzte nicht in der Lage waren, auf die Gefühle der Patienten einzugehen. Das hatte dazu geführt, dass so viele meiner Kollegen in sich isoliert waren.

Ich wollte keine Göttin in Weiß sein

Ich musste noch einmal ganz neu herausfinden, was für eine Art Ärztin ich sein wollte, wenn ich zur Medizin zurückkehrte. Ich musste herausfinden, wie ich für meine Patienten genau das Instrument der Heilung sein konnte, das sie brauchten.

Ich wollte keine Göttin in weiß sein, das Bild, das mir meine Ausbildung vermittelt hatte.

Rana Awdish

Ich fand meine Erfüllung darin, für meine Patienten präsent zu sein, ihre Stärke zu würdigen, ihre Ängste zu erkennen und die richtigen Fragen zu stellen. Ich erkannte, dass es nur darauf ankam, in die gleiche Richtung zu schauen wie meine Patienten.

Ich konnte sie bei ihrem Heilungsprozess unterstützen und daran teilnehmen, wenn ich auch im Dunkeln bei ihnen stand.

Meine Identität als Ärztin war von Krankheiten geprägt, aber nicht in dem Sinne, wie ich es als Kind vermutet hatte. Die Identität lag nicht in den Krankheiten selbst, sondern in der Menschlichkeit, mit der ich dem Leiden und dem Heilungsprozess begegnete.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.