POLITIK
14/02/2018 20:25 CET | Aktualisiert 14/02/2018 22:02 CET

Umweltschützer im Visier: Irans Häscher schlagen wieder zu

Warum die iranische Regierung glaubt, dass ihr Tierschützer gefährlich werden könnten.

Kaveh Kazemi via Getty Images
Eine leere Zelle im Trakt für politische Gefangene im Evin-Gefängnis. (Bild von 1986)
  • Das iranische Regime hat bekannte Umweltschützer verhaften lassen
  • Dramatische Schicksale zeigen, dass sich die Lage bei Weitem nicht so beruhigt hat, wie viele im Westen glauben

Angst hat die Menschen ergriffen. Angst um das Leben ihrer Verwandten, Freunde. Und um das eigene.

Die iranische Regierung lässt immer wieder angebliche Feinde des Staats verhaften. In den vergangenen Wochen hat sie sich nun verstärkt Umweltaktivisten vorgenommen.

Angehörige stehen in so einem Fall vor einem furchtbaren Spagat: Wie viel öffentliche Äußerungen müssen sie riskieren, um die Aufmerksamkeit der Iraner und der Weltöffentlichkeit auf die Verhaftungen zu lenken?

Mit welchen Aussagen bringen sie auch sich selbst ins Visier der Spitzel und Häscher des nicht eben wählerischen Regimes?

Jedes falsche Wort ihrerseits kann den Tod bedeuten. Ebenso, wie das ihr Schweigen bedeuten kann.

Trügerische Stille

Im Westen glauben viele, nach dem Abflauen der Proteste um die Jahreswende habe sich die Situation im Iran wieder entspannt. Aber das stimmt nicht.

Ali Fathollah-Nejad, Gastwissenschaftler am Brookings Doha Center und Iran-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), sagt der HuffPost: “Nach dem Aufstand zur Jahreswende hat sich noch einmal eine neue Situation ergeben: Das Regime ist nervös wie nie zuvor.”

Es mag paradox erscheinen, dass das Regime hinter Umweltschützern Gefahr wittert. Aber das Thema ist brisant. Fathollah-Nejad sagt: “Die Umweltsituation ist ein Politikum im Iran.”

► Etwa in der Hauptstadt Teheran ist die Luft vom Smog derart verpestet, dass immer wieder Schulen geschlossen bleiben müssen. 

► “Das Land leidet unter Umweltkatastrophen ohnegleichen. 96 Prozent des Landes sind von Dürre betroffen. 2050 wird es eine Wüste sein”, sagt der DGAP-Experte. 

“Diese und weitere unzählige Naturkatastrophen sind hausgemacht, Folge falscher politischer Entscheidungen. Sie unterminieren die Lebensgrundlage Millionen von Iranern.”

Nach dem Aufstand zur Jahreswende hat sich noch einmal eine neue Situation ergeben: Das Regime ist nervös wie nie zuvor.”

Wenn die behördlichen Versäumnissen offengelegt würden, wie bei zahlreichen Protesten von Umweltschützern in den vergangenen Jahren, sei das ein Problem für den Staat.

Fathollah-Nejad sagt: “Das erklärt, wie das vermeintlich unpolitische Thema Umwelt zum Politikum werden konnte.”

Kanadisch-iranischer Aktivist in Haft gestorben

Um den 25. Januar herum verhafteten die Behörden nach allem, was bekannt ist, mehrere Mitglieder der Naturschutzorganisation Persian Wildlife.

Die wohl bekannteste nichtstaatliche des Landes beschäftigt sich ausweislich ihrer Homepage vor allem mit dem Schutz bedrohter Arten. In Medien ist zu lesen, einige der Mitglieder hätten auch das Wasser-Missmanagement der Regierung kritisiert. 

Die Umweltschützer befinden sich nach allem, was man weiß, im Evin-Gefängnis – dem berüchtigten Folter-Gefängnis, auch für politische Gefangene in Teheran.

Haft im Evin – was das bedeuten kann, wurde am Wochenende wieder sichtbar: Da wurde bekannt, dass der kanadisch-iranische Persian-Wildlife-Gründer und Soziologie-Professor Kavous Seyed Emami in Haft gestorben ist. 

Dessen Sohn Ramin Seyed Emami schrieb auf Instagram, die Behörden hätten seiner Mutter mitgeteilt, dass der Vater und Ehemann Selbstmord begangen habe. “Ich kann das nicht glauben.”

Er ist da nicht der einzige. Menschenrechtsorganisationen fordern Aufklärung. Wissenschaftler schrieben einen offenen Brief an die Regierung, laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sollen auch Parlamentarier Aufklärung fordern.

Die berüchtigten iranischen Revolutionsgarden präsentierten den Abgeordneten offenbar ein Video, das die Selbstmordvorbereitungen des Professors zeigen sollte – das offenbar jedoch rein gar nichts in dieser Richtung belegt.  

Iran-Experte Fathollah-Nejad sagt: “Es gehört zum Repertoire, dass das Regime behauptet, jene, die die Haft nicht überleben, hätten Suizid begangen. Keiner im Iran glaubt das.”

Neben dem Professor sind laut “Iran International News” auch die Umweltschützer Houman Jokar, Sepideh Kashani, Niloufar Bayani, Amirhossein Khaleghi, Taher Ghadriain und Sam Rajabi in Haft.

Chef des Umweltministeriums unter Verdacht

Rajabis Mutter ist die einzige Angehörige, die sich öffentlich zu der Verhaftung äußerte. Sie sagte der Menschenrechtsorganisation CHRI: “Er hatte die Möglichkeit, im Ausland zu leben, aber er hat sich entschieden, hier zu bleiben und seinem Land zu dienen.”

Der “Iran Observer” listet außerdem Morad Tahbaz als einen der Inhaftierten auf, einen iranisch-amerikanischen Geschäftsmann.

Sogar Keveh Madani, der stellvertretende Chef des Umweltministeriums, wurde einige Tage lang von Geheimdienstlern befragt, die zu den berüchtigten Revolutionsgarden gehören sollen.

Die angeblichen Spione 

Staatsanwalt Abbas Jafari-Dolatabadi sagte laut Medienberichten am Samstag, mehrere Menschen, die sich als Umweltschützer ausgegeben hätten, seien wegen des Vorwurfs der Spionage eingesperrt worden.

“Diese Individuen haben unter dem Vorwand, Projekte für Wissenschaft und Umweltschutz durchzuführen, geheime Informationen über strategisch wichtige Orte des Landes gesammelt”, wird Dolatabadi zitiert

Daher seien sie vom Geheimdienst festgenommen worden. Auf welche Inhaftierte er sich genau bezog, sagte der Jurist nicht. 

DAGP-Experte Fathollah-Nejad sagt: “Seit der Revolution wird der Vorwurf der Spionage kontinuierlich erhoben. Es ist der Normalfall, wenn dem Staat politische Aktivitäten nicht passen.”

Wie unter anderem die HRW berichtet, hatten die Verhafteten keinen Kontakt zu ihren Familien.

Üblich ist in solchen Fällen auch, dass die Angehörigen nicht über die Verhaftung informiert werden. Die Menschen verschwinden zunächst einmal spurlos.

Seit der Revolution wird der Vorwurf der Spionage kontinuierlich erhoben.

Psychoterror, der nicht nur die Verhafteten zu Geiseln des Staates macht, sondern all deren Angehörige und Freunde.

Sam Rajabis Mutter sagte in einem Interview am Montag: “Ich habe keine Informationen, wie es ihm jetzt geht, und er hat seine Familie seit dem Zeitpunkt seiner Verhaftung nicht kontaktiert.”

Vielleicht kann öffentlicher Druck helfen, die Umweltschützer wieder zu ihren Familien zu bringen. Denn das Unrechtsbewusstsein ist riesig im Land.

“In den vergangenen eineinhalb Jahren gab es im Iran über 1700 soziale Proteste”, sagt Iran-Kenner Fathollah-Nejad.

► “Es gibt ein unglaublich großes Bewusstsein in der Bevölkerung über die Umweltfragen und darüber, dass die Behörden versagt haben.”

(jg)