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Terrier ist nicht gleich Terrier

14/02/2018 13:46 CET | Aktualisiert 14/02/2018 13:46 CET

Neulich habe ich in Hannover, wo ich mich nur aus Versehen aufhielt, einen Hund mit Maulkorb gesehen. Hunde mit Maulkorb kommen in Hannover ungefähr so oft des Weges wie Menschen in Zwangsjacken. Oder bekennende Braunschweiger. Also eher selten. Ich habe mich gefragt, was der Hund wohl ausgefressen haben mag. Oder wen.

Nach meinem Verständnis will ein Maulkorb nämlich hart verdient sein. Hannibal Lecter musste dafür in den "Schweigen der Lämmer"-Filmen ein paar Menschen verspeisen. Weder ist der niedersächsische Maulkorb umsonst (er kostet so zwischen fünf und 50 Euro) noch gibt es ihn "umsonst". Was also mochte der kleine Jack-Russell-Rüde angestellt haben? Ich traute mich nicht zu fragen, denn ich bin seit meiner Geburt mit einem Taktgefühl geschlagen, das mich auch das Gehalt meiner Mitmenschen, ihre sexuelle(n) Aktivität(en) oder ihr Gewicht nie erfragen (und folglich auch nicht erfahren) lässt. Außerdem musste ich ja davon ausgehen, dass der Jack Russell irgendwie aggressiv ist und den Versuch unternehmen würde, diese anders als mit den Zähnen auszuleben. Ich wollte aber weder angeknurrt, noch angepinkelt oder angesprungen werden – die Leine erschien mir verdächtig lang. Noch dazu befand sie sich in den Händen eines wenig vertrauenswürdigen Halters. Auf seiner Jogginghose stand “Alpha” und das erschien mir einen Tick zu herrisch.

In Berlin, Hamburg oder bei uns in NRW hätte ich mir Mutmaßungen über die tierischen Verfehlungen sparen können. Dort und in allen anderen Bundesländern, wo es schon Schulkindern schwerfällt, das Wort "Unschuldsvermutung" zu buchstabieren und wo demzufolge nicht damit gerechnet werden kann, dass die späteren Ministerialbeamten so ein rechtsstaatliches Prinzip in einen Hundegesetzesentwurf tippen, knüpft sich die Maulkorbpflicht nicht an Taten, sondern an die Rasse. Ein Hündchen muss nur als Pit-Bull-Terrier auf die Welt kommen und schon ein halbes Jahr später gehört der Maulkorb zur serienmäßigen Ausstattung dazu. Die Bewohner der coolen Start-up-Städte Berlin, Hamburg oder Köln mögen durch lässige Vollbärte oder ihre "Beanie"-Mützen zu Hipstern werden, ihre Hunde macht der ungewollte Maul-Schmuck eher zu Außenseitern. Ein vierbeiniger "gefährlicher Hund" ist unter Artgenossen und deren Haltern ungefähr so beliebt wie ein vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochener Lehrer. Irgendwas – so denken sich die Leute – wird der schon verbrochen haben.

In George Orwells Roman "Farm der Tiere" sind alle Tiere "gleich", manche aber "gleicher" - die Schweine. Sie genießen Privilegien, ziehen sich Kleidungsstücke an, laufen auf zwei Beinen und trinken Alkohol. Kurzum: Eine Kleingruppe hat es besser als die Mehrheit. Die Hundegesetze in vorgenannten Bundesländern verfahren ähnlich, nur unter umgekehrten Vorzeichen: Hier ist eine Kleingruppe "gleich" und die Mehrheit, einschließlich zum Beispiel einer Jack-Russell-Hündin oder meines Deutsch-Drahthaar-Rüden Moritz, "gleicher". Bevor der “Jackie” in Hamburg oder Moritz in Köln einen Maulkorb verpasst bekommen, müssen sie vermutlich in der einen Woche den Postboten und in der nächsten Woche die Krankheitsvertretung des Postboten beißen. Bei Pit Bulls reicht halt die Geburt. In der Wahnvorstellung mancher Hundegesetz-Schriftsteller, die wahrscheinlich häufiger Stephen King als George Orwell gelesen haben, kommt ein Pit Bull aber vermutlich auch nicht auf normalem Wege zur Welt, sondern durchbricht vor dem errechneten Geburtstermin die Bauchdecke seiner Mutter, weil er es nicht abwarten kann, seinen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschheit zu beginnen.

Ich finde das ein bisschen übertrieben und würde es bevorzugen, wenn der Maulkorb überall nur eine Konsequenz aus dem Fehlverhalten von Hund bzw. Halter wäre. Die Maulkorb-Phase kann kein Dauerzustand sein und das Mensch-Hund-Team muss die Chance erhalten, ihn nach intensivem Verhaltenstraining auch wieder ablegen zu dürfen. Dass der angeborene Maulkorbzwang in NRW nach einem Verhaltenstest und in Berlin bei Vorlage einer ärztlichen Indikation entfallen kann, erweckt die totgebissene Unschuldsvermutung zwar auch nicht wieder zum Leben. Gleichwohl sind rassenunabhängige Öffnungsklauseln besser als nichts – stimmt’s, Hamburg?!

Für “Jackie”-Besitzer und mich ist es eine Luxus-Debatte. Solange nicht alle Terrier unter Generalverdacht gestellt werden oder alle Rüden als verdächtig gelten, bleibt uns der Maulkorb erspart – jede Art von Maulkorb? Nein! Es scheint da nämlich eine gewisse Sehnsucht zu geben, selbst zum Maulkorb zu werden. Jedenfalls ist Moritz immer dazu gerne bereit, den Maul-Korb zu spielen, wenn ich ihm eine Scheibe Salami zuwerfe. Unsere Trefferquote ist echt gut.