WIRTSCHAFT
27/12/2017 13:52 CET | Aktualisiert 27/12/2017 22:24 CET

Schlechte Luft und Unfälle: Immer mehr Städte führen Tempolimit 30 an Hauptstraßen ein

Die ungewöhnliche Idee macht Schule – doch was sind die Folgen?

chefkjang via Getty Images
Auch Berlin testet Tempo 30.
  • Im Jahr 2017 wurden in vielen Städten Projekte zur Tempo-Reduzierung an Hauptstraßen gestartet
  • Doch machen sie Städte wirklich sauberer und sicherer? Die HuffPost hat einen Experten gefragt

Tempo 30: Bislang kennt man das vor allem aus Wohngebieten, in kleinen Zufahrtsstraßen und engen Gassen.

Aber immer öfter werden auch Hauptstraßen zu Tempo-30-Zonen. In mehreren Bundesländern laufen Modellprojekte, die Lärm und Schadstoffbelastung reduzieren und Unfälle verhindern sollen.

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Im Jahr 2017 wurde eine ganze Reihe von Projekten anstoßen, die den Verkehr in zahlreichen Städten entsprechend beruhigen sollen.

Sogar mitten im Zentrum von Berlin soll in Zukunft geschlichen statt gerast werden.

► Doch macht das die Städte auf Dauer wirklich sicherer und sauberer? 

Bessere Luft in Berlin

In Berlin gibt es die Idee seit Jahren: Besonders an Hauptstraßen, an denen Grundschulen oder Seniorenheime liegen, soll das Tempolimit 30 gelten.

Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) will nun auf fünf weiteren wichtigen Hauptstraßen das Tempolimit testen. Die “Berliner Morgenpost” hat die Straßen illustriert, auf denen Emissions- und Verkehrsexperten derzeit erheben, wie der Verkehrsfluss beim bisherigen Tempo von 50 Kilometern pro Stunde läuft.

Im Falle der Hauptstadt geht es dabei vor allem um eine Verbesserung der Luftqualität.

Günther sagte der “Berliner Zeitung”: “Es wird analysiert, wie viel Stopp-and-Go es gibt und wie viele Stickoxide und andere Luftschadstoffe frei gesetzt werden. Nächstes Frühjahr werden wir dort Tempo 30 einrichten, dann gehen die Erhebungen und Messungen weiter.”

Der Senat hofft so, drohende Fahrverbote verhindern zu können.

► Ob das wirklich sinnvoll ist, darüber gibt es kontroverse Diskussionen. Eine Untersuchung des ADACs zeigte, dass eine Geschwindigkeitsreduzierung in Innenstädten nicht zwangsläufig zu weniger Schadstoffausstoß führt.

Auch in mehreren Städten Niedersachsens, sowie in Münster und München sollen Begrenzungen für bessere Luft sorgen.

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Mehr Sicherheit in Essen

In anderen Städten so wie in Essen soll das Tempolimit auf Hauptstraßen ein anderes Problem lösen: Immer wieder kommt es in der Innenstadt zu schweren Unfällen bei hohen Geschwindigkeiten.

An zehn Standorten soll nun getestet werden, ob eine Tempodrosslung die Stadt sicherer machen kann. Das Amt für Straßen und Verkehr hat dafür viel befahrene Straßen ausgewählt, an denen “sensiblen Einrichtungen” wie Kitas oder Seniorenheime liegen. Hier beginnt der Testlauf.

Siegfried Brockmann zeigt sich skeptisch. Er ist Leiter der Unfallforschung der Versicherer und kennt sich wie kaum ein anderer mit Strategien zur Unfallvermeidung aus.

Der HuffPost sagte er: “Aus Verkehrsbeobachtungen ist lange bekannt, dass Temporeduzierungen entweder nur mit erheblichem Kontrolldruck durchzusetzen sind, wozu der Polizei die Kräfte fehlen, oder durch bauliche Umgestaltung derart, dass die angeordnete Geschwindigkeit dem Kraftfahrer auch ‘einleuchtet’.”

Eine einfache Festlegung des neuen Tempolimits reiche deshalb nicht aus – obwohl davon auszugehen sei, “dass etliche Unfälle bei geringeren Geschwindigkeiten gar nicht stattfinden”.

► Brockmann glaubt: “Reduzierungen an Hauptstraßen müssen grundsätzlich von baulichen Maßnahmen begleitet sein, sonst werden sie nicht beachtet.”

Gesetzeslage muss geändert werden

Und noch ein anderes Hindernis sieht der Experte auf dem Weg zur sicheren Innenstadt.

Denn bislang ist eine pauschale Tempo-30-Limitierung aus Sicherheitserwägungen heraus nach § 45 der StVO nicht möglich. 

Deshalb beschränken sich die Modellprojekte zumeist tatsächlich auf Hauptstraßen, an denen Kindergärten, Schulen oder Altenheime liegen.

“Ich plädiere deshalb dafür, die Gesetzeslage zunächst so zu ändern, dass aus begründeten Sicherheitserwägungen Tempo 30 angeordnet werden darf, auch wenn keine der genannten Einrichtungen dort anliegt”, sagt Brockmann.

► So könnte es in deutschen Städten bald wesentlich langsamer zugehen. Aber wohl zumindest auch sicherer.

(jg)