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Warum ich mich als Stripperin von #MeToo ausgeschlossen fühle

Grapschereien wurden nicht als verwerflich betrachtet, sondern als normal.

30/01/2018 16:08 CET | Aktualisiert 30/01/2018 16:16 CET
Daily Sport
Alex auf dem Cover der britischen Zeitung "Daily Sport".

Seit einigen Monaten diskutieren Frauen auf der ganzen Welt offen über sexuelle Belästigung. Als jemand, der sein Geld damit verdient, sexy auszusehen, fühle ich mich von der #MeToo-Debatte irgendwie ausgeschlossen.

Frauen, die wie ich als Stripperin und/oder Model arbeiten, werden oft nicht miteinbezogen, wenn es um Feminismus geht. Denn viele sehen uns als Teil des Problems.

Verstanden habe ich das nie, schließlich kann jede von uns ein Lied über sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch singen.

Doch in den Augen vieler Feministen tragen Frauen, die ihr Geld damit verdienen, sexy auszusehen, dazu bei, das Patriarchat aufrecht zu erhalten.  

“Was hast du denn erwartet?” ist eine Frage, die mir oft gestellt wird. Sowohl von Leuten aus dem linken Spektrum, als auch aus dem rechten.

Diese Haltung geht auf ein altes Denkmuster zurück: “Anständige” Frauen fordern den Respekt ein, der ihnen zusteht, “unanständige Frauen” tun es nicht. Es ist diese schwarz-weiß Aufteilung, die letzten Endes dazu führt, dass sexuelle Belästigung immer noch ein großes Problem in unserer Gesellschaft ist.

Ist das nicht das größte Learning aus #MeToo? Dass sexueller Missbrauch fast jede Frau betrifft – egal in welcher Branche sie arbeitet? 

Vor 15 Jahren war sexuelle Belästigung noch kein Thema

Mit 19 begann ich in einem Strip-Club im Londoner Szeneviertel SoHo zu arbeiten. Das war zu Beginn des Jahrtausends und auch, wenn es nicht allzu lange her scheint, war es eine völlig andere Zeit.

Die Frauen, die damals im Rampenlicht standen, waren bei öffentlichen Auftritten angezogen wie Stripperinnen (man erinnere sich an Christina Aguileras Musikvideo zu “Dirrty” aus dem Jahr 2002), oder bauten eine ganze Karriere auf Sex-Tapes auf (Paris Hilton und Kim Kardashian zum Beispiel).

Sexuelle Belästigung wurde damals nicht thematisiert, es sei denn, in Form eines geschmacklosen Witzes. Jungen Frauen wurde beigebracht, darüber hinwegzusehen, wenn sie belästigt wurden. Oder darüber zu lachen.

Anthony Harvey - PA Images via Getty Images
Christina Aguilera bei den European Music Awards 2002.

Als ich die Berichte über den Presidents Club gelesen habe gelesen habe, war ich angewidert, aber überrascht hat es mich nicht.

Ich habe auch mal als Hostess gearbeitet, das muss so um 2005 oder 2006 herum gewesen sein. Anzügliche Sprüche und Grapschereien gab es damals auch schon, nur wurde es damals nicht als verwerflich betrachtet, sondern als normal.

Auf Messen war es unsere Aufgabe gut auszusehen, damit Männer nach uns lechzen und an unserem Stand stehen bleiben. Für die PR-Agenturen, die uns die Jobs vermittelt haben, schien das vermutlich ein fairer Handel zu sein, schließlich hat es unserer Karriere auf die Sprünge geholfen.

Es gelang mir zwar in der Branche aufzusteigen, aber die Belästigungen und Unannehmlichkeiten wurden deshalb nicht weniger.

Hostessen, oder Promo-Models, wie sie auch genannt werden, befinden sich ziemlich weit unten auf der Karriereleiter. Dementsprechend ist ihr Handlungsspielraum eingeschränkt.

Klar, wir entscheiden uns bewusst für diese Karriere. Aber den wenigsten ist zu diesem Zeitpunkt bewusst, was sich auf Parties wie denen im Presidents Club ereignet. Schließlich müssen die Frauen Knebelverträge unterschreiben, die es ihnen verbieten, über das, was sie dort erleben, zu sprechen.

Der Presidents Club in London ist ein sogenannter Gentlemens Club. Frauen haben dort keinen Zutritt, es sei denn, sie wurden als Hostess für die reichen Mitglieder engagiert. Nach einem Undercover-Bericht der “Financial Times” sollen auf der alljährlichen Wohltätigkeitsveranstaltung des Clubs Hostessen im großen Stil angegraben, begrapscht und sexuell belästigt worden sein.

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Hinzu kommt, dass PR-Agenturen solche Veranstaltungen als Feuerprobe verstehen. Wer sich mit der Belästigung abfinden, oder sein Unbehagen darüber zumindest gut verstecken kann, bekommt lukrative Jobs angeboten. Das steigert natürlich die Aufstiegschancen.

Wenn sich jedoch eine Frau darüber beschwert, was sie erlebt hat, landet sie auf der schwarzen Liste und bekommt häufig keine Jobangebote mehr. Ich hatte das Glück, zu einer anständigen Agentur zu wechseln, ehe ich an diesen Scheideweg kam.

Es geht nicht um Sex, sondern um Macht

Was mich am meisten schockiert hat, war die Tatsache, dass die Hostessen im Presidents Club selbst auf der Toilette überwacht wurden. Man gab ihnen nicht einmal die Möglichkeit sich wieder zu sammeln, oder zu weinen.

Stripperinnen haben zum Glück mehr Privilegien. 

Denn anders als im Presidents Club, gilt in Strip-Lokalen: Anfassen verboten.

Es gibt Sicherheitspersonal, das dafür sorgt, dass sich Gäste daran halten. Und  Stripperinnen haben das Recht, die Gäste in ihre Schranken zu weisen.

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Weil ich selbst in einem sogenannten Gentlemen’s Club gearbeitet habe, weiß ich: Die Männer, die sich in solchen Etablissements tummeln, sind die schlimmsten, was das Verhalten gegenüber Frauen angeht.

Sie haben Geld, sie besitzen Macht und sie glauben, dass sie auf alles einen Anspruch haben, wonach ihnen der Sinn steht – das kommt einem Giftcocktail gleich.

Denn diese Männer sind der Auffassung, dass für sie andere Regeln gelten, als für den Rest der Gesellschaft. Darum geht es hier doch eigentlich: nicht, um Sex, sondern um Macht.

Die Annahme, dass jeder Mensch einen Preis hat und dass man sich aus jedem Skandal freikaufen kann, ist eine der hässlichsten Ausgeburten des Kapitalismus. Und eine, die sich durch sämtliche Branchen zieht.

Keine von uns hat sich das ausgesucht

Immer wieder hört man den Einwand: “Sie hätten ja auch einfach kündigen können!” – in der Regel von Leuten, die selbst nie in einer vergleichbaren Situation waren. Die keine Ahnung haben, wie schwer es ist, diese Entscheidung zu treffen, wenn deine berufliche Zukunft, dein Ruf und dein Lebensunterhalt auf dem Spiel stehen.  

Auf die Idee, dass manche Frauen auf Promo-Jobs angewiesen sind, um ihre Studiengebühren zu bezahlen, oder um als Model einen Fuß in die Tür zu bekommen, oder vielleicht sogar, um ihre Familie ernähren, kommen die meisten Menschen nicht.

Engagements wie im Presidents Club sind der Preis, den manche Frauen zahlen, um ein kleines Stück voranzukommen im Leben.

Als Frau durchs Leben zu gehen, egal in welcher Branche, bedeutet, sich in einem schier endlosen Hindernisparkour zu beweisen.

Um diese Hindernissen zu überwinden, entscheiden einige Frauen, ihr stilles Einverständnis zu geben, oder Zudringlichkeit zu ertragen – nicht selten, um Gewalt zu entgehen. Nur um dann von anderen für diese Entscheidung verurteilt zu werden.

Keine von uns hat sich ausgesucht, diesen Parcours zu bestreiten. Wir werden in ihn hinein geboren. 

Ich will nicht sagen, dass Männer es nicht auch schwer haben. Dass die Alpha-Männchen-Kultur auch ihnen schadet, sieht man ja an der Selbstmordrate junger Männer. 

Ehrlich gesagt, weiß ich manchmal nicht, wie ich zu den vielen verschiedenen Aspekten der #MeToo-Debatte stehen soll. Es kommt mir so vor, als hätten wir eine Büchse der Pandora geöffnet: Niemand kann eindeutig sagen, welche Folgen es für das Verhältnis zwischen Männern und Frauen und unser Sexualleben haben wird. 

Aber das Schöne an der Debatte ist ja, dass wir gemeinsam neu verhandeln können, wie wir miteinander umgehen wollen. Damit künftige Generationen es besser haben, als wir.

Ich zweifle nicht daran, dass sich die gesellschaftlichen Wogen wieder glätten werden. Aber bis auf Weiteres haben wir Frauen das Recht wütend zu sein. Nach all den Jahren des Schweigens haben wir es uns verdient.

Dieser Blog erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Anna Rinderspacher übersetzt.

(ks)