POLITIK
21/12/2017 19:23 CET | Aktualisiert 22/12/2017 11:30 CET

"Friedhof der zensierten Seelen": Insider packt über Machenschaften des russischen Staatsfernsehens aus

Ihm und seinen Kollegen wurde vorgegeben, wie sie über Trump berichten sollen – und über die AfD.

Skorobutov/Getty/Screenshot

“Wenn etwas nicht in den Nachrichten gezeigt wird, dann existiert es für die Leute nicht”, sagt Dimitri Skorobutov. Er muss es wissen – schließlich war er jahrelang beim größten Sender des russischen Staatsfernsehens, Rossaja, dafür mitverantwortlich, was auf den Bildschirmen in Russland zu sehen war.

Und Skorobutov hat dort viel nicht gezeigt. “Wir haben viel verschwiegen. Kein Video, kein Problem”, sagt er.

15 Jahre lang hat Skorobutov für Rossija gearbeitet, zehn davon als leitender Nachrichtenredakteur. Mit seinen Sendungen hat er gut 80 Prozent aller Russen erreicht.

Doch wenn Skorobutov heute über seine Erlebnisse erzählt, dann spricht er von einem “Sumpf, in dem alle Gedanken versinken”, von einem “Friedhof der zensierten Seelen”. Er spricht von Angst und Sklaverei, von “leeren Köpfen” – und er spricht von Schuldgefühlen.

In der HuffPost gewährt Skorobutov jetzt als erster ehemaliger Mitarbeiter des russischen Staatsfernsehens einen einmaligen Einblick in das Innere der russischen Medienmaschine. 

Eine falsche russische Realität – und wie sie zustande kommt

Das russische Staatsfernsehen schaffe eine falsche Realität für die Menschen, sagt Skorobutov im Gespräch mit der HuffPost.

Er erzählt von seinem Chef. Der habe in Redaktionsrunden oft einen Witz gemacht: “Es kommt nicht darauf an, ob unsere Zuschauer mit den Nachrichten zufrieden sind. Es kommt nur darauf an, was unser wichtigster Zuschauer denkt.”  

Gemeint war: Ein wichtiger Beamter in Moskau. 

“Jeden Donnerstag oder Freitag findet im Büro der Pressestelle des Kremls ein spezielles Treffen statt”, erklärt Skorobutov. Die Nachrichtendirektoren der staatlichen Sender würden sich in diesen die Vorschriften für das politische Programm der nächsten Woche abholen.

Oft übe der russische Staat seinen Einfluss jedoch auch direkt aus. “Es ist verboten, über Streiks, soziale Unruhen oder Kritik am Staat zu berichten”, sagt Skorobutov.

Mehr zum Thema: Der Chef-Hetzer des Kremls: Wie Alexander Prochanow die Russen gegen den Westen aufwiegelt

Die entsprechenden Anweisungen seien meist sehr allgemein, es läge dann an den Journalisten, diese im Sinne der Regierung umzusetzen.

“Du entwickelst irgendwann dann ein Gespür, eine Art Intuition der Zensur”, beschreibt Skorobutov die Atmosphäre bei Rossija. “Du weißt einfach im Vorhinein, was du nicht senden darfst.”

Er berichtet jedoch auch von Embargos, die jemand aus dem Kremls den staatlichen Sendern auferlege: “Es gibt sogenannte ‘Stop-Listen’, auf denen die Namen von Personen, Parteien oder Ereignissen stehen, die Tabu sind.”

Dimitri Skorobutov
Eine der Verbotslisten des Kremls, die den Mitarbeitern von “Vesti Nedeli” ausgehändigt wurden. Immer wieder tauchen die Wörter НЕ ДАЕМ oder die Abkürzung НД auf - “nicht senden”

Der Name des Oppositionsführers Alexej Nawalny soll auf einer solchen Liste stehen, zwischenzeitlich sei auch der des Vize-Premiers Dmitry Rogozin, der in einen Skandal verwickelt ist, aufgetaucht - und einmal sogar der Name der britischen Queen.

Verbote oder Embargos seien jedoch nicht die einzigen Eingriffe des Staats bei Rossija, sagt Skorobutov. Oft gebe ein Beauftragter des Kremls auch vor, wie über bestimmte Themen zu berichten sei.

So etwa im US-Wahlkampf - und im Fall der AfD.

Russische Werbung für Donald Trump und die AfD

“Im Grunde hieß es, dass wir Donald Trump positiv und Hillary Clinton neutral bis negativ darstellen sollten”, sagt Skorobutov über die Anweisungen der russischen Regierung zum Wahlkampf in den USA.

Er erinnert sich an einen Auftritt Hillary Clintons, nach dem diese einen Schwächeanfall hatte. “Wir wurden angehalten, ausführlich darüber zu berichten und ihre Gesundheit in Frage stellen”, erzählt Skorobutov. “Wir sollten suggerieren: Diese Frau ist nicht fit genug, um Präsidentin eines Landes zu sein.”

Beitrag der Rossija Nachrichtensendung “Vesti” über die “Verunglimpfung von Donald Trump”, in dem die Attacken der “liberalen Medien” auf den US-Präsidenten kritisiert werden

Eine ehemalige Kollegin, die noch bei Rossija arbeite, habe Skorobutov zudem berichtet, dass es während des deutschen Wahlkampfs eine Order aus dem Kreml gegeben habe, die AfD in den Abendnachrichten in ein positives Licht zu rücken.  

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Screenshot
Screenshot aus eines “Vesti”-Interviews mit AfD-Politiker Björn Höcke in Folge des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt in Berlin im Dezember 2016. Der gesamte Beitrag lief unter dem Titel: “Merkel will Terror nicht bekämpfen”

Skorobutov selber hat einen solchen Befehl nie zu hören oder sehen bekommen. Er ist kein Teil der staatlichen Medienmaschine mehr, seine Arbeit bei Rossija endete vor einem Jahr. Plötzlich und schmerzhaft.

Skorobutov: “Sie haben mein Leben ruiniert”

Am 17. August vergangenen Jahres landet Skorobutov mit schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus. Einer seiner Kollegen habe ihn zusammengeschlagen, erzählt er.

Derselbe Mitarbeiter, der öfter betrunken zur Arbeit erschienen sei. Der Skorobutov dafür hasse, dass er schwul ist. Der ihm einmal ein Messer unter die Nase gehalten habe: “In die Leber oder in den Rücken?”

Alles nur Spaß, habe der Kollege stets gemeint. Bis er Skorobutov krankenhausreif geprügelt habe. Bis Rossija die Videoaufnahmen des Angriffs einfach habe verschwinden lassen, die Zeugen des Vorfalls von Skorobutovs Vorgesetzten ein halbes Jahr lang zum Schweigen gebracht worden seien - und er selbst seinen Job verloren habe. So beschreibt Skorobutov den Vorfall.

Rossija habe ihn auf illegale Weise gefeuert, sagt er. Der Mitarbeiter, der ihn angegriffen habe, würde immer noch für den Sender arbeiten. 

Seit einem Jahr finde er keine Arbeit mehr, sagt Skorobutov. Er bekäme nicht einmal ein minimales Arbeitslosengeld von den Behörden. Die staatlichen Medien hätten ihn verstoßen, diejenigen, die der Opposition nahe stehen, wollten nichts mit ihm zu tun haben.

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Skorobutov ist sich sicher, dass seine Entlassung auch politisch bedingt war. Er habe angefangen, Fragen zu stellen, nach mehr Lohn, nach humaneren Arbeitszeiten - und, so behauptet er, nach einer freieren Berichterstattung.

Im Gespräch klingt Skorobutov verzweifelt, mal wirkt er wütend, mal flehend. “Sie haben mein Leben ruiniert”, klagt er.

“Wir waren tief im im System – wir haben nicht nach draußen geschaut”

Dass er sich nun dazu entschieden hat, über seinen alten Arbeitgeber auszupacken, mutet bisweilen wie eine Flucht nach vorne an.

“Ja, ich schäme mich ein wenig”, sagt Skorobutov zwar. Er sei Teil der “neuen Realität” des Kreml in Russland gewesen. Er habe geholfen, sie zu erschaffen.

Er und seine Kollegen hätten früher nie über so etwas wie Propaganda nachgedacht, sie hätten geglaubt, sie würden einfach nur die Nachrichten machen. Skorobutov spricht von einer “erlernten Hilflosigkeit”, von der Angst, sich aufzulehnen, von Mitarbeitern, die “mit Fingernägeln und Zähnen” an ihren Jobs hingen.

Doch wer ihm zuhört, der merkt: Auch Skorobutov selbst hing an seinem Job. Deutlich wird, dass er stolz auf seine Arbeit war, dass er sich sicher ist, ein guter Journalist zu sein, ein echter Profi.

“Ich dachte, ich schaffe ein besseres Leben für die Menschen in meinem Land, eine bessere Zukunft”, sagt Skorobutov.

Es wirkt, als habe er ein Jahr der Verzweiflung gebraucht, ohne Geld und Arbeit, ohne Perspektive, um – beinahe notgedrungen – zum Kritiker der russischen Staatsmedien zu werden.

Skorobutov sagt: “Wir waren tief im System, wir haben nicht nach draußen geschaut.” Es schwingt Wut mit, aber auch Wehmut und ein bisschen Sehnsucht – nach der Vergangenheit.

(ll)