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Wie an deutschen Schulen das Potenzial tausender Migranten verspielt wird

Der Sohn meiner kurdischen Nachbarn wollte nicht mehr aufs Elitegymnasium – denn dort war er der einzige "Ausländer".

19/01/2018 15:38 CET | Aktualisiert 20/01/2018 09:59 CET

In meiner Nachbarschaft lebt eine nette kurdische Familie aus der Türkei. Sie bemüht sich sehr um die Bildung ihrer beiden Kinder. Alles in ihrem Leben ist darauf aufgebaut, dem Sohn und der Tochter eine gute Schulbildung zu ermöglichen, damit sie später zu den Besserverdienern zählen und ein besseres Leben führen.

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Ihr Sohn, ein höflicher und ruhiger Jugendlicher, besuchte bis vor kurzem noch ein Elitegymnasium unserer Stadt, dann aber wechselte er die Schule. Er fühlte sich nicht wohl am Gymnasium.

Diskriminierung an Gymnasien

Am Wochenende traf ich meine Nachbarin beim Einkaufen. Sie sagte, er sei der einzige “Ausländer“ in der Klasse gewesen und hätte sehr oft von Seiten der Lehrer Diskriminierung erfahren müssen. Auch die Mitschüler, fast alle Kinder von Akademikern, hatten gegenüber ihrem Mitschüler mit Migrationshintergrund Vorbehalte gehabt.

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Alles zwar nur unterschwellig, aber doch prägend. Eine Deutschlehrerin war der Ansicht, dass alle “ausländischen“ Jugendlichen nur Ghettodeutsch sprechen und der deutschen Sprache schaden.

Solche und ähnliche Erlebnisse führten am Ende dazu, dass er nun an einer Gesamtschule mit hohem Migrantenanteil gelandet ist und sich hier sehr wohl fühlt. “Wir sind alle gleich, es gibt keine Ausgrenzung!“, so beschreibt der Nachbarssohn seine neue Schule.

Diese Schule ist zwar keine Problemschule, aber aufgrund des hohen Migrantenanteils schon auffällig.

Hoher Migrantenanteil, Marokkaner, Türken, Libanesen und Tunesier mit geringen Deutschkenntnissen und verbaler und körperlicher Gewaltbereitschaft. So beschreibt sich eine Problemschule.

Kinder an Problemschulen: Zukunft vorprogrammiert

Wir kennen sie alle aus den Medien, wenn wieder mal ein Lehrer kapituliert und mit seinem schwierigen Schulalltag an die Öffentlichkeit tritt. Ich stelle mir die Frage, warum es in einem Einwanderungsland solche Schulen überhaupt gibt.

Aus meiner eigenen Schulzeit, die nun ca. 35 Jahre zurückliegt weiß ich, dass damals die meisten ausländischen Kinder an einer Hauptschule landeten. Der Grund war einfach: Geringe Deutschkenntnisse! Hier fanden sich alle zusammen, deren Zukunft vorprogrammiert war.

An den mangelnden Deutschkenntnissen änderte sich nichts, ganz im Gegenteil. Das, was sie wussten, verlernten sie an der Schule, weil es keinen Grund gab, Deutsch zu sprechen. Man sprach untereinander türkisch, denn es gab nur Türken in der Klasse.

Ich hatte Glück! Eine engagierte Lehrerin setzte sich für mich ein und so landete ich an einer Realschule und konnte am Ende sogar Abitur machen. Was lief anders bei mir?

Migranten-Quote an Schulen

Als einzige Ausländerin in der Klasse war ich gezwungen, Deutsch zu lernen, damit eine Kommunikation mit meinen deutschen Mitschülern möglich war. Dann war da noch der Druck, mithalten zu müssen. Ich lernte und lernte, um nicht unterzugehen.

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Heute sieht es an den Schulen, die nun zu Problemschulen geworden sind, ähnlich aus. Die türkischen Schüler von damals haben ihre mangelnden Deutschkenntnisse an ihre Kinder weiter gegeben. Den Kindern geht es ähnlich wie uns allen damals.

Manche schaffen den Sprung und landen an einem Gymnasium. Sie müssen kämpfen und sich durchbeißen, weil der Schulalltag aus Ausgrenzung und Diskriminierung besteht. Hier spielt das “Wir“ und „Ihr“ noch eine große Rolle, auch wenn sie in einem Einwanderungsland keine Rolle mehr spielen sollten.

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Viele landen auf einer Problemschule, auf der sie sich sehr wohl fühlen. Denn sie sind unter Ihresgleichen und stehen nicht unter dem Druck, sich anpassen zu müssen oder ausgegrenzt zu werden.

Wäre eine Quotenregelung möglich, gäbe es weder die Problemschulen noch die Gymnasien, die sich schwer tun, Migrantenkinder unter ihrer Schülerschaft zu akzeptieren.

Mir hatte zu meiner Schulzeit eine Lehrerin geholfen, die interkulturelle Kompetenzen besaß. Auf der Realschule und am Gymnasium gab es keine Lehrer, die sich mit mir und meiner Kultur auseinandersetzten, um mich zu verstehen. Es war keine schöne Zeit und ich fühlte mich oft einsam.

Interkulturelle Erziehung in der Lehrerausbildung

Es gibt das Fach Interkulturelle Erziehung, dem in der Lehrerausbildung kaum Bedeutung zugemessen wird.

Dabei ist das Fach in unserem Einwanderungsland für alle Schulformen wichtig, damit Schüler mit Migrationshintergrund an einem Gymnasium sich wohl fühlen und nicht wie mein Nachbarssohn die Flucht ergreifen.

In einem Einwanderungsland ist die Schule für eine gelungene Integration wichtig. Integration bedeutet, dass Menschen aufeinander zugehen und voneinander etwas mitbekommen.

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Wie aber sollen sich Kinder mit Migrationshintergrund integrieren, wenn sie auf ihrer Problemschule nur unter Migranten sind? Und wie sollen Schüler mit deutschen Wurzeln Integration verstehen, wenn sie nicht die Gelegenheit hatten, die Schulbank auch mit Migranten zu teilen?

In einem Einwanderungsland ist es die Aufgabe des Staates, die Menschen auf die heterogene Gesellschaft vorzubereiten. Eine Mischung der Schulklassen wäre ein vielversprechender Versuch, die Schüler verschiedener Herkunft zusammenzubringen.

Nur so können sie schon früh erfahren, dass sie sich in einem Einwanderungsland befinden, und das Zusammenleben lernen müssen.

Sonst spielt sich das Leben für den Einen auf der Problemschule und in ihren Problemvierteln ab. Für den Anderen ist es das Gymnasium, das nicht die Realität eines Einwanderungslandes wiedergibt.