BLOG

Die Schule abzubrechen war die beste Entscheidung meines Lebens

Ich wollte meinem Herzen folgen und die Welt retten.

23/01/2018 15:19 CET | Aktualisiert 23/01/2018 18:00 CET
Helen Britt
Helen Britt hat die Schule abgebrochen – und es war das Beste, was sie tun konnte.

Jährlich brechen über 47.000 Jugendliche in Deutschland die Schule ab. Und das, obwohl die Schulbildung immer für den Anfang einer gelungenen Karriere steht.

In der Schule lernen wir ein gesundes soziales Miteinander und werden gründlich auf die Gesellschaft von morgen vorbereitet.

Aber Moment mal – die Gesellschaft von morgen, sind das nicht wir? Können wir uns wirklich auf uns selbst vorbereiten? Geht das, wenn wir in der Schule nicht auf unsere eigenen Bedürfnisse hören und unsere individuellen Talente leben dürfen?

Mehr zum Thema:Dieser Junge brach mit 16 die Schule ab und lernte nur noch das, was ihn interessierte

Ich habe die Schule abgebrochen. Und obwohl es nicht einfach war, war es die beste Entscheidung.

Ich hatte das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden

Ich erinnere mich noch genau an meine Schulzeit. Damals schien vieles leichter, weniger komplex als heute. Ich musste keine Verantwortung tragen, da das meiste, was ich lernte und machte, fremdbestimmt war.

Der Konkurrenzkampf und das ständige Beurteilt-Werden machten mir ein wenig zu schaffen.

Doch es waren nicht diese Dinge, die mich irgendwann dazu bewegten, die Schule abzubrechen. Das Schlimmste war das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden.

Eigentlich wollte ich meinem Herzen folgen und die Welt retten. Doch es war, als wäre ich zum Faulsein gezwungen worden. Jeden Tag konnte ich die ganze Arbeit sehen, die es zu tun gab, das ganze Leid und die Ungerechtigkeit – in Dokus über den Planeten und auch in der Schule, in der die unangenehmsten Machtstrukturen herrschten.

Aber dagegen durfte nichts unternommen werden, da es ja wichtigeres zu tun gab: die Hausaufgaben. Ich fühlte mich machtlos und sah keine Alternative als: “Augen zu und durch!“.

Zwei Jahre vor dem offiziellen Ende meiner Schulzeit hatte ich dann jedoch genug.

Ich verließ meine Schule – jedoch nicht ohne Plan. Zunächst widmete ich mich weiterhin dem normalen Schulstoff.

Ich wollte eine Schulfremdenprüfung ablegen, mit der ich ein Jahr früher mein Abitur in der Tasche gehabt hätte.

Doch ich merkte sehr schnell, dass ich auch hier wieder nicht meinem Herzen folgte. Wieder saß ich den ganzen Tag herum, während sich draußen
die Verhältnisse für viele Menschen verschlechterten.

Mit dem Unterschied, dass ich mich diesmal freiwillig dafür entschieden hatte.

Diese drei Dinge machten mir es so schwer, abzubrechen

Ich dachte nach und merkte, dass es vor allem drei Gründe waren, die mich daran gehindert hatten, mit dem extrinsisch motivierten Lernen aufzuhören.

1. Meine Gewohnheit. Schließlich hatte ich über die Hälfte meines Lebens in der Schule verbracht. Dort hatte ich nicht gelernt, mir meinen Tag selbstbestimmt und frei einzuteilen und zu spüren, welche Themen für mein Leben relevant waren.

2. Das Gefühl, mit meiner kritischen Haltung allein zu sein. Ich hatte Angst,
irgendwann keinen Anschluss mehr an die normale Gesellschaft zu finden und nicht mehr verstanden zu werden.

3. Der dritte Grund war mein größtes Hindernis: Mein Leben lang hatte ich gelernt, dass gesellschaftlicher Wandel von oben passiert – dadurch, dass Politiker neue Gesetze beschließen. Oder dadurch, dass wohlhabende Menschen ihre Stimme oder finanzielle Mittel für gute Zwecke einsetzen.

Ich dachte also, ich müsste entweder schnell reich werden oder Politikerin sein, um die Welt zu verändern. Und dafür kann ein Abitur und ein möglichst direkt darauf folgendes Studium heutzutage nur förderlich sein.

Doch dieses Denken veränderte sich, als ich sah: Es gibt immer mehr freie Schulen, autodidaktische Quereinsteiger und Freilernende, die die Welt mit ihren Ideen in eine nachhaltigere Richtung lenken.

Und auf der anderen Seite gibt es unendlich viele Menschen, die zwar studiert haben, aber jetzt unglücklich in ihrem Nine-to-Five Job gefangen sind, weil sie nie etwas anderes ausprobiert haben.

Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte

Nach langem Überlegen brach ich also die Schule ab.

Anfangs hatte ich unglaubliche Angst und starke Zweifel. Doch rückblickend war das die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können.

Heutzutage, angesichts der globalen ökologischen und sozialen Krisen, ist es unglaublich wichtig, dass wir neue Wege gehen und unsere Kreativität nicht durch Fremdbestimmung verlieren. In der Schule war ich selten gefragt worden, was ich denn gerne lernen wollte oder wie ich die Welt gerne verändern würde.

Über aktuelle Themen wie den Klimawandel, Rassismus und Sexismus oder über die Auswirkungen von Verwertungslogik und Kapitalismus lernten wir kaum etwas.

Fast alles, was ich darüber weiß, habe ich nach meiner Schulzeit gelernt.

Ich verbrachte ein Jahr in einem Projekthaus

Ich verbrachte zunächst ein Jahr in einem Projekthaus mit verschiedensten Aktivisten. Denn ich wusste: als Mensch werde ich immer von meinem Umfeld geprägt - also kann ich mich entscheiden, von wem ich mich prägen lassen will!

In dem Projekthaus sah ich, dass es Menschen, gibt, die unglaublich neugierig sind und daher allerhand lernen und bewegen – auch ohne Schule oder Studium. 

Ich erlebte, wie Menschen bei Themen wie Geld oder Beziehungen wirklich auf die Bedürfnisse der Anderen eingingen.

In diesem Umfeld, das ich nun selber mitgestalten konnte, wurde ich ein glücklicherer Mensch.

Heute lebe ich von 70 Euro im Monat. In einem Netzwerk organisiert teile ich fast alles, was ich zum Leben brauche, mit anderen Menschen, die so denken wie ich. Ich lebe nachhaltig und verändere die Welt heute durch diesen Lebensstil, der viele Konventionen in Frage stellt und Menschen zum Nachdenken anregt.

Was habe ich also daraus gelernt, die Schule abzubrechen?

Es ist wichtig, Prioritäten zu setzten. Der Weg über die Uni wäre bestimmt leichter gewesen. Ich hätte die Wege gehen können, die schon Tausende vor mir gegangen sind.

Doch ich habe viele Menschen gesehen, die von ihrem Umfeld geprägt wurden und schließlich Fremdbestimmung brauchten, um Halt in ihrem Leben zu finden.

Diese Menschen konnten irgendwann ihre Ideale nicht mehr leben.

Mir ist auch bewusst geworden, dass es keinen Masterplan für ein erfülltest Leben gibt – wir müssen dabei auf unsere Herzen hören.

In Gemeinschaft mit Gleichgesinnten habe ich mehr über meine Interessen, meine Bedürfnisse und meinen Weg gelernt, als je zuvor.

Mehr zum Thema:Statt Schulpflicht: Haus-Unterricht als Alternative

Ich habe Zeit, die Dinge zu lernen, die mich brennend interessieren. Ohne Leistungsdruck und Fremdbestimmung kann ich ein Mensch sein, der allein durch die Freude am Handeln andere Menschen bereichert.

Und diese Freude am Handeln kommt jetzt aus dem Verständnis heraus, dass es wichtig ist, etwas zu tun. Nicht, weil mir irgendwer von oben befohlen hat, mein Leben zu ändern.

Wir müssen die Verantwortung wieder selbst übernehmen! Denn es kann noch so viel Geld oder Gesetze geben - die Entscheidung, was wir daraus machen oder ob wir uns daran halten, treffen noch immer wir.